Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- Seite 435 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 27. | e f u r u n. Seite 435. „Moschet," sagte er, „ist mein Jude. Ich habe ihn gleichzeitig mit meiner Besitzung geerbt. Manchmal beschwindelt er mich zwar, der Lump, aber ohne ihn tonnte ich nicht eristieren. Meine Natur ist schon so beschaffen." Eines Tages kommt Moschet, ein alter Mann, der >ich gut in polnischer Sprache ausdrückte. „Niein Enkel," spricht er, „der aus der Stadt auf die Ferien gekommen ist, fährt zurück.in die Schule. Und so möchte ich um die Ehre bitten, daß ihm der Herr gestatte, sich zum Abschiede vorznstelleit." „Sehr gern, sehr gern, ich will Deine Nachkommenschaft sehen," spricht der Herr Tabrowiecki, der sich bei gutem Humor befand. „Und wie heißt er?" — „Ignatz!" — Ignatz? Hall, und er ist Jude?" — „Gewiß, eilt Jude, ein Jude, nur ist er eben ,neumodisclst." ~~ „Hm!" Nach einer Viertelstunde brachte der Pachter seinen Enkel mit, einen etwa fünfzehnjährigen, lebhaften Jungen mit intelligentem Blicke, bei dessen Anblick Klara sich an Lemberg und an Paulinchens „Ideal" erinnerte. Herr Tabrowiecki empfing den Gast im Speisezimmer. Bon Wort zu Wort ließ er sich mit dem ansgeweckten Studenten unwillkürlich in ein lebhaftes Gespräch ein. Klara, welckie zugegen war, hörte sehr neugierig zu. 'Nach einer halbstündigen Diskussion entfernte sich Ignatz, und der Herr Tabrowiecki ging aufgeregt im Saal auf und ab, schnäusend und zornig mit den Füßen stampfend. Endlich blies er Moschet' eine Naucknvolke ins Gesicht und rief laut: „Höre, Alter! Bon großer Klugheit ist Dein Enkel; ein Narr aber ist Tein Schwiegersohn, daß er ihn nicht täglich durchprügelt, ein Narr bist Tn, daß Du einen solchen Drost erlebt hast. Ich kann diese gescheit sein wollenden Leute nicht leiden, ich kann diese neumodischen Stutzer nicht ertragen, welche da die Schule gerochen haben, sich germanisieren, die großen Herren spielen nnd mit ihrer Vergangenheit brechen. Wie hast er sich nur ansgedrückt, daß er ein Pole, ein Pole mosaischer Konfession sei . . daß er nicht zu den Rückschrittlern, zu den Orthodoren gehöre, sondern für den Fortschritt ist und den Aberglauben nicht leide . . Grüner Juitge! Ich möchte ihm zeigen, ein Pole sein! Du bist ein Jude, ein jüdischer Jude von Ahn und llrahn. Er ist gerade so Pole wie mein Haushund . . Ist es wahr, Moschek, daß Du und Dein Enkel Inden seid?" Ja, es ist wahr. „Nun, siehst Du, was plaudert also Dein Philosoph? Ein Pole mosaischer Konfession! Hahaha! Polen — das sind Katholiken. Polen, da ist der reine Katholizismus, so sagt unsere Tradition, unser Glaube, lind da sagt er: mosaischer Konfession . . Dummkops das, Du bist als Jude geboren, stirb als Jude! Werde kein Ueberläufer!" - „Und wenn er das aus Uebcrzeugnng gesagt hätte," bemerkte Klara. „Dralala . . Und ivas hätte das zu bedeuten? Kann die Ueberzeugung, welche sich aus Raisonnement stützt, die reine Wahrheit geben? Nein. Das sagt nur der Stolz der Menschen/st In diesen! Tone hielt der Herr Tabrowiecki eine lange Predigt. Moschek hörte ihm mit sichtbarer Befriedigung Ktz nicstte fortwährend mit dem Kopfe und äußerte seine lebhafte Freude. eine Predigt schloß der Herr Tabrowiecki tnit einer Apostrophe an Moschek: „Ich hatte nut den verschiedenartigsten Menschen nnd Inden zu thun. Jeder echte Strenggläubige, der sich so trägt, spricht und denkt wie seine Vorfahren, der hat immer meine Snmpatbie. Ich kann mit ihm sprechen, einen Spaß machen, zanken und ihm die Dhüre zeigen' — aber tags darauf leben wir wieder in bestem Einvernehmen und sprechen über Politik. Aber dieser Rockjude, in kurzem Fracke, der weder an Jelus noch an den Talmud glaubt, dieser ist weder Hund noch Widder. Mit solchen will ich nichts zu schaffen haben. Ist eS wahr, Moschek?" ,,.C, heilig, wahr." — „Warum erlaubst Tn also, daß Dein Enkel . ." — „Ha, was thnn? So ist heute die Welt." „So ist heute die Welt!" wiederholte der Herr Tabrowiecki und er seufzte mit seinem Pächter. Derartige Debatten nnd Scenen ließen Klara den Eharakter und die Denkweise ihres Brotgebers ganz erkennen und verursachten, daß, obwohl sie ihm viele persönliche gute Eigenschaften nicht versagen konnte, aber seine „Grundsätze und Anschauungen", welche, insolang sie sich in der Sphäre der Abstraktion bewegen, toleriert werden können, aber wie ihre Folgen aus beit Gang der laufenden Lebensangelegenheiten einen schädlichen Einfluß ausüben, im Namen des allgemeinen Wohles abgestumpft und eingedämmt werden müssen — verdammen muß. Zu diesem Schlüsse gelangte sie überaus schnell, ohne einmal wahrzunehmen, was für ein Sprung das sei von den Ueberzeugnngen, zu welchen sie sich noch vor einem halben Jahre bekannt hatte. Der im Hause herrschende religiöse Formalismus reizte sie ebenfalls. Sie war eine Ehristin, rein wie Krystall, und da machte ihr der Herr Tabrowiecki oft zarte Anspielungen wegen -ihrer Nicht-Nechtgläubigkeit und Vernachlässigung der Formen. Aber bald sollte sie an sich selbst die Konsequenzen der Ueberzeugnngen ihres Herrn verspüren. Es war Sonntag Nachmittag. Der Herr ging ittS Pfarrhaus, wo zu Ehren des neu angekommenen Vikars eine kleine Unterhaltung veranstaltet wurde, in Besuch. Aber bald kehrte er heftig aufgeregt und zornig von der Pfarre zurück. „Niein Fräulein," rief er streng, die Lehrerin aufsuchend. „Ist das wahr, daß . . daß Sie einst eine . . eine Jüdin waren? Oder einfach gesagt, daß Sie eine Getaufte sind?" Das Blut stieg Klara in den Kopf. Sie wurde schainrot und zornig. Bald aber kam sie zu sich und mit einem Stolze, dessen sie vor einem halben Jahre nicht fähig gewesen wäre, erwiderte sie: „So ist es . . ich entstamme von Juden; unlängst habe ich die römisch-katholische Religion . - aus Ueberzeugung angenommen." „So . . Da irrt sich selbstredend der Vikar nicht, wenn er sagt, daß er Sie in P. gekannt hat. Sie kennen meine Ansichten über solche Sachen, ich bin ein guter Katholik, die Juden habe ich gerne, aber . . Abtrünnige leide ich nicht. Der Mensch soll in demjenigen Glauben sterben, in welchem er auf die Welt kam. Ueberzeugung, Verstand können bei Beurteilung von göttlichen, religiösen Dingen nicht maßgebend sein. Von morgen ab haben Sie bei mir keine Stelle." Klara widersprach nicht und verließ am andern Tage Pagorki. (Ende des ersten Buches). Wochen -(Lhronik. Bürgerliche Verhältnisse. " t. Aus Qesterreich-Nngarn. Ein recht erbauliches Sittenbild entrollte sich neulich vor dem Gericht in Wadowice, welches die Urheber der Saybufcher Judenkrawalle zur Verantwortung zieht. In der verlesenen Anklageschrift heißt eö: „Die Bürger von Saybufch behaupten bekanntlich, ein „Privilegium" zu besitzen, wonach V