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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
Seite 434 (sequence 10)
Language
German
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Seite 4:U I e s d) n r u tt, Nr. 27. von dem regen Leben in den kleineren (Gemeinden. Abgefeben von den Geschehnissen an den Feiertagen beim Aufrufen und Spenden, von Reibereien zwischen den Gemeindemitgliedern und ibren Frauen, werden auch hier sehr oft Sitzungen des Vorstandes und der Repräsentanten.abgehalten, die hochinteressant sind. Meine Praxis ist eine außerordentlich reiche. Vor vier Neonaten hatte ich eine Beerdigung, wo auch mehrere angesehene Christen, der konigl. Posthalier und der erste Polizist zugegen waren. Meine Grabrede wurde viel besprochen und hat sehr gesallen. Vielleicht sende ich sie Ihnen zur nachträglichen Veröffentlichung. Die Verstorbene war die Tante des Repräsentanten-Vorstehers und soll in ihrer Jugend Kindermädchen bei einem Kommissionsrat in Mecklenburg gewesen sein. In acht Machen wird der Sohn des Schammes Barmizwa, ich arbeite schon ein halbes Jahr an seiner und meiner Rede, die ganze Gemeinde ist gespannt aus unsere Leistungen, da man Großes zu erwarten berechtigt ist. Drei Monate später habe ich eine Trauung zu vollziehen, unlL bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich aus einen Mangel in der Lilteratur aufmerksam macheu. Ich besitze die Predigtsammlungeu von Philippson, Dause, Molssohn, Klei und Salomon und eine Legende von Lion Molff; ich glaube, der letztere lebt in Berlin als pensionierter Dberlandesrabbiuer. Die Trauungslegende enthält Hochzeitsreden für verschiedene Fälle, aber sie ist mangelhast. Diese Autoren sollten sich füglich bei den Amtsbrüdern in der Provinz informieren, da könnten sie etwas lernen, denn wir mstffen schwer und angestrengt arbeiten, um für außerordentliche Fälle eine passende Traurede auszuarbeiten. Denken Sie sich, geschätzter Herr Chefredakteur, meinen Fall. Die Braut ist 42 Jahre alt, sie hat sich bis jetzt als Mäscherin und Plätterin ernährt und wird, nach vollzogener Hochzeit Mikwetrau. Ihr Vater ist vor 24 Jahren nach Amerika ausgewandert, — den Grund kann ich nicht angeben. Lebt der Mann oder ist er gestorben'< Das weiß kein Mensch und ist ß'ir mich eine heikle Frage. Cin Bruder ist seit zwei Jahren abwesend, er kann nicht zurückkommen, er ist in einer — Staatsanstalt — nun, Sie können sich das klebrige denken. Der Bräutigam handelt mit Ziegen- und Schassellen. Alle diese Familienbezeichnnngelt müssen doch notwendigerweise in der Traurede erwähnt werden, — da kann kein Molss Helsen und das ist ein großer Mangel. Menu ich die Predigt fertig habe, sende ich sie Ihnen zur Veröffentlichung; die Herren Amtsbrüder in Berlin haben doch gewiß noch öfter Trauungen und auch mitunter Beerdigungen. Sind es jüngere Kollegen, so tonnen sie manches von uns aus der Provinz lernen. Ich bin 24 Jahre im Amte und habe bei i> Trauungen, -- lauter interessante Fälle, — IN Beerdigungen und -40 Berismilos und ebensoviel Barmizwos funktioniert. Meint Sie meine Reden veröffentlichen würden, so bekoutmen Sie sicher viele Abnehmer aus den Kreisen der Rabbiner. Ich bitte sreundlichst über das Honorar gelegentlich eilte Andeutung zn machen; ich mache keine unbescheidenen Ansprüche. Im "Vertrauen möchte ich aber die Frage an Sie richten, ob die geuaituten Predigtsatniulungeu auch in Berlin bekannt sind; in diesem Falle ntöchte ich einiges an meinen Arbeiten ändern. Soviel für heute. Im nächsten Briefe beschreibe ich sichren einen Studiengang und einiges über unsere Gemeindeverhält niste. Mird Ihre Zeitung auch bei Hose gelesen? Hochachtungsvoll David Samuel Levinsohn, ständiger Mitarbeiter der Kölnischen Zeitung mi! ehemaliger des Kreisblnttes zu Krähwinkel. Nachbemerkung der Redaktion: Mit vielem Interesse haben wir Ihren Brief gelesen tust sind gern bereit, die Fortsetzungen zu bringen. Gerade in unserer hochernste» Zeit, inmitten des Kampfes mit unsere» Gegnern, sind solche Arbeiten wie die Ihrigen, eine heiler.. Abwechselung. Ihre jüdische Zeitung aus den vierziger Jahren enthält allerdings iticht das "Neueste auf dem Gebiete der Lilteratur uud aus dem jüdischen Gemeindeleben. Hier in Berlin hat sich z. B. seither inanches verändert. Auch wir sind gerührt über die Dpserwilligkeit Ihrc- 1 Vorstehers; Sie wollen aber in diesem Falle seine Hilst nicht in Anspruch nehmen. Mir geben Ihnen bis auf weiteres unser Blatt gratis. Auch wir haben unter dem Antisemitismus vieler politischer Zeitungen zu leiden, allerdings in anderer Meise, und zwar indem sie Artikel au-, unserer Zeitung gegen unseren Millen a usn e h m e n. Dagegen ist leider nichts zu machen. Von der Veröffentlichung Ihrer Grab- und Traureden müssen wir vorläufig zu unserem Ve dauern Abstand nehmen, da der Raum unserer Spalten diele nicht gestattet. Gelegentlich, etwa zu Purim, bringen wir wohl eine Grabrede. Der Verfasser der Agende (Sie schreibe» irrtümlich Legende), ist iveder Dberlaudesrabbiner, noch Landes rabbiner; wir glauben, unter uns gesagt, er ist nicht einmal Rabbiner, am allerwenigsten ist er pensioniert. Deswegen genügen auch wohl seine Predigten Ihnen nicht. Mir stellen Ihnen anheim, Ihre neueste interessante Traurede dent geehrten Herrn für eine neue Auflage seines Buches anzubieten; wir wollen dieses Geschäft gern vermitteln. Sehr richtig ist Ihre Annahme, daß die hiesigen Rabbiner fast in jedem Monat einige Trauungen vollziehen und b>- Beerdigungen funktionieren. Db diese von Ihren Rest"? (Gebrauch machen können, wissen wir nicht. Versuchen Sit es doch einmal einige Proben an diese Herren zu sende». Unsere Zeitung wird hier in Berlin in mehreren Höfe» gelesen, ivarum stellen Sie diese Fraget Mir sehen mit Spannung Ihren iveiteren Beiträge entgegen. Eillglkili! Eine galizische Erzählung von Wilhelm (Fort'etzinig). Feld m aii ii. Nachdruck verborc». Klara hatte also genug Muße. Sie beschäftigte sich!»i! Handarbeiten uud las. Sie machte sich an andere häuslichc Arbeiten, aber die Brotgeberin ließ das unter Lachen imD Scherzen nicht zu. „Fräulein Helene, Sie werden sich ermüden und Schaden nehmen." Jeden Sonntag fuhren sie zum Gottesdienste. Der Guts Herr lebte auf sehr herzlichem Fuße mit dem alten Pfarrer. Sie besuchten sich olk gegenseitig. In der Kirche mied er die höchsten Bänke und kniete zusammen mit dem gemeinen Volke. Cr betete inbrünstig. Cr war schlicht in seiner Lebensweise, schlicht in seinen Sitten, aber auch von einer elementaren Clnsalt in seinen Gedanken uitd Mellanfchaumige». Cr lebte aus eine»! sehr guten Fuße mit Moschek, dem Schank Pächter.

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