Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- Seite 433 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. Zescyururr. Seite 433. hoben ben allgemeinen Wohlstand beträchtlich. 1840 verfügte sogar bie Negierung, für bie oitben 3tnbtc itnb Kolonien in J'ranobaifalten zu gründen. Daß bie Jilden in Sibirien ans turnt (Gebiete beb Handwerkes stark vertreten waren, erhellt ans ber Thalsache, baß in Tomsk im Jahre 1850 mehr als 400 indische,'öanbiuerfer lebten, während bie (Gesamtzahl ber Handwerket' im ganzen Oionoernement 910 betrug. Mil ber Thronbesteigung Alexanders >1. würben ben Inden in Sibirien in Würdigung ihrer ersprießlichen Thätigkeit ans ben Gebieten bes Handels nnb ber Judnitrie viele Privilegien verliehen. So würbe ihnen gestattet, sich dem stabtischen Kansmannsstande einverleiben zu lassen. 1859 würbe ihnen erlaubt, in ben inneren Gouvernements Aufenthalt zu nehmen, nnb 1808 zog man sie zur Errichtung von Branntweinbrennereien in Sibirien heran. Auch zahlreiche Bierbrauereien nnb Mineralwässersabriken entstauben durch jüdische Initiative in Sibiren, in denen jetzt Tausende von Arbeitern Erwerb und Unterhalt finden. Mit der Thronbesteigung Alexanders 111. drang ber (4 ei st ber Juderverfolgung auch nach Sibirien. Die Regierung schien die Verdienste der Juden in diesem Lande völlig vergessen zu haben, denn sie nahm ihnen sogar alles, was zu den elementarsten Bedingungen einer Lebensexistenz gehört. Doch hatte hier bis jetzt niemand eine Ahnung davon, wie es thatfächlich um die Inden in Sibirien bestellt fei. Aber eine Bittschrift, welche sie kürzlich an Zar Nieolaus 11. gerichtet haben, hat ein solches jammervolles Bild entrollt, baß es überall, wo es gesittete 'Menschen giebt, einen Schrei der Entrüstung Hervorrufen muß. Die Bittschrift, welche bas Srgan des russischen Justizministeriums, „Subebnaja Gazetta", in feiner jüngsten Nummer publiziert, besagt im Wesentlichen folgendes: „Die gegenwärtig in Sibirien herrschenden Gesetze über die Inden werben von den Behörden mit allerlei willkürlichen und einander widersprechenden Deutungen und Auslegungen unterworfen, und so sind die sibirischen Inden im wahren Sinne dev Wortes zu Sklaven gemacht worden. Der arme Jude stt dem Hungertode preisgegeben; feinen Wohnort bars er nicht verlassen, und wenn er ine engen Kreise seiner Aüsieblnng keine Arbeit finden kann, so bleiben ihm nur zwei Auswege übrig: Tod oder Verbrechen. Angesichts ^dieser traurigen Lage wagen die sibirischen Juden an den Stufen des Thrones Sr. 'Majestät die unterthänigste Bitte zu stellen, es fei ein Gesetz für die Juden in Sibirien m schassen, das den Behörden die 'Möglichkeit entziehen soll, die 'liechte der Juden nach Gutdünken zu verkürzen." Wird diese Bittschrift irgend einen Erfolg haben C Wir wünschen es, hegen aber wenig Hoffnung. Feuilleton. ans gm Von l> 2. ireoiniobu, Naddi>iats-Vmvcicr, Cberfcmtov und SchilldirigcM. I. Hochverehrter Herr Chefredakteur! In diesen Tagen fand ich bei einem benachbarten Amtsbrnber. eine Probenummer Ihrer geschätzten Wochenschrift, die er von einem Verwandten in einer entfernten Provinz zugeiaubt erhält. Wir Beamten in der Provinz nehmen zwar regen Anteil an dem Schicksal unserer Glaubensgenossen von nah und fern nnb selbstredend auch an dem Wohl und Wehe unserer Kollegen, aber jüdische Jeitnngen können wir nicht halten, denn es hält schwer, die Kollegen zu finden, die zusammen ein Abonnement halten und bann ist auch die Entscheidung nicht leicht, wer zuerst das Blatt lesen soll. Wir sind allerdings nicht fremd in der journalistischen Litteratnr. Mein Kollege, derselbe, bei dem ich die Probennnuner gesunden, besitzt einen Band „Zionswächter" aus den 40 er Jahren. Wir haben daraus vieles gelernt und doch möchten wir wieder die neuesten 'Nachrichten erfahren; wir sind fest entschlossen, ein Abonnement zu erwerben, wenn auch erst im Herbst. In einer Koitserenz, die ich mit meinem Kollegen zu diesem Zwecke abgehalten, 'machte der letztere den Vorschlag, unsere Gemeindemitglieder dafür heranzuziehen. 'Meine Gemeinde zählt 14 zahlnngSsähige Mitglieder, die meines Kollegen 9, wobei allerdings zwei alte Witwen mitzählen. Sollte der Beitrag von 2 Akk. pro Quartal nicht ganz gezeichnet werden, so bars ich stark ans meinen 1. Vorsteher rechnen, der ein wirklicher Mären und eifriger Förderer der Litteratnr ist. Der Herr besitzt nicht allein eine Bibliothek jüdischer Werke, z. B. Hirsch's „Ehoreb", Meier Danziger's „Das Schächtfach" und einen deutschen Zeerina ur’eraia, sodann abonniert er auch aus viele 10 Pfennig-Hefte der ganzen Litteratnr. Doch wir werden nur im 'Notfälle diese Idee ansführen. Vorläufig erlaube ich mir, Ihnen einen anderen Vorschlag zu machen, den Sie im Interesse Ihres geschätzten Blattes gewiß in Erwägung ziehen werden. 'Meine angeborene Scheu nnb Bescheidenheit erlaubt es nicht, zu meinen obigen, wohlerworbenen Titeln noch das begründete Prädikat „Sechriststeller" hinznznfügen. bin seit vielen Jahren journalistisch thätig, doch leider seit einigen Jahren das Qpfer der antisemitischen Bewegung geworden. Vor etwa 5 Jahren schrieb ich die ersten Berichte für das Kreisblatt über die Errettung eines Kindes, das unter einen Wagen geriet, und erntete dafür großes Lob in meiner Gemeinde. Sodann schrieb ich über einen Scheunenbrand, beschrieb die wahrscheinliche Entstehung und schilderte hochdramatisch die Gefahren für Menschen und Vieh, die hätten entstehet können. Aber der Rosche von Redakteur strich meine Arbeit, die vier große Bogen füllte, auf 10 Zeilen zusammen. Ein ganzes Jahr pausierte ich, dann wurde hier das Schützenfest gefeiert, und ich nahm abermals die Feder zur Hand,-und anech nicht ein Uniformknops entging meiner Beobachtung. Heber das Banner allein, woran auch eilt jüdisches Mädchen mitgestickt, habe ich. einen Bogen gefüllt; von den Bilden ans dem Festplatze und einem Schnellläufer, der sich produzierte, ganzzu schweigen. Vierzehn volle Tage habe ich an dem Bericht gearbeitet. Der Sinn der Antwort in dem Briefkasten war: „Wir haben für solche 'Narrheiten keinen Raum!" Was sagen Sie zu solchem Rischnß? Seit dieser Jett schicke ich regelmäßig meine Lokalberichte der „Kölnischen Zeitung" ein, da das Blatt aber keine Belegexemplare giebt, so kann ich leider meine Arbeiten nicht lesen. Kurz nnb gut, ich beabsichtige, Jhneit regelmäßig hochinteressante Berichte über hiesige Gemeindeverhältnisse.und über die der benachbarten Wenteinben zu liefern. Mein Amtvbrnder, der weniger mit der Feder geübt ist, wird mir die Notizen über die dortigen Borkontmnisse geben und ,ch werde das ganze Material stilistisch bearbeiten. 'Mait hat in Berlin nnb Umgegend gar keine Ahnung