Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- Seite 432 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 482. JefcHurun. Nr. 27. Besoldung vorhanden. Noch eine ganze Neide von Mißständen weist der Redner nach, besonders aber betont er den Mangel einer Presse, die die Interessen des jüd. Lehrerstandes vertrete. Als vor nicht langer Zeit in einem Blatte (welchem? Red.) die schmählichsten Angriffe gegen die Lehrerwelt erhoben wurden, babe sich kein anderes zu ihrer Verteidigung gesunden. Diesen Mißsländeu gegenüber könne nur ein mannhaftes, gemeinsames Vorgehen Besserung schaffen. Hier heißt es: „Schließet die Reihen! Einer für alle und alle für einen!" Redner kennzeichnet nunmehr diejenigen Forderungen, für deren Erfüllung der Verband jüd. Lehrer Deutschlands in den Gemeinden eine rege Agitation entfalten, event. bei den Regierungen der Bundesstaaten vorstellig werden müsse. Elementarschulen müßten, wenn möglich, in allen jüdischen (Gemeinden errichtet und zu öffentlichen Schulen erklärt werden. Diese Forderung würde zwar aus Widerstand vieler jüdischer Eltern stoßen, die in den: Glauben leben, ihre Binder besuchten eine Simultanschule. Diese Meinung sei aber falsch; die öffentlichen Elementarschulen seien durchweg konfessionell gehalten. Der gesamte Deutsch- und insbesondere der Geschichtsunterricht seien von christlicher Weltanschauung durchtränkt. Man solle dabei doch nur an die neuern Vorgänge in Berlin denken. Vor allen: muffe der jüdische Religionsunterricht als gesetzlich obligatorisch erklärt und auch der Religionslehrer definitiv angestellt werden. Zum mindesten müsse man erreichen, daß eine event. .Kündigung der staatlichen Behörde gegenüber begründet und von dieser genehmigt werden müsse. Besonders entgegen zu arbeiten sei dem Unfug, der im Osten Deutschlands immer noch blühe, Bantoren und Schächtern ohne jegliche Seminarbildung den Religionsunterricht zu übertragen. Auch den Seminarien gegenüber müßten unsere Wünsche in Bezug aus die Lehrerbildung scharf präzisiert werden; für den schweren Bamps ums Dasein, den wir alle zu bestehen hätten, sei eine umfassendere musikalische und fremdsprachliche Bildung wünschenswert. Die Achawa müßte als Unterstützungskasse des Verbandes erklärt, und besonders in Norddeutschland durch Worte und Scsi ist eine rege Agitation für deren Wachstum entfaltet werden. Das Hauptaugenmerk sei jedoch aus die Schaffung einer Presse zur Vertretung der Interessen des jüdischen Lehrerstandes zu richten. Entweder fei eines der vorhandenen jüdischen Blätter unter gewissen Bedingungen zum Organ unseres Verbandes zu erklären, oder wenn sich keines diesen Bedingungen fügen wollte, sollte inan sicher ans Werk schreiten und eine jüdische Lehrerzeitung ins Leben rufen. Redner beantragt zun: Schluß die Annahme folgender Resolution: Der Verein israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands hält wiederholt die Gründung eines allgemeine,: deutsch-israelitischen Lehrerverbandes in: Interesse einer gedeihlichen Entwickelung des jüdischen Lehrerstandes in ideeller und materieller Beziehung für eine unumgängliche Rolwendigkeit und erkennt dankbar die Initiative des D. I. G. B. m dieser Angelegenheit an. Er erwartet, daß alle jüdischen Lehrervereine Deutschlands von den: Grundsatz, schließ ai: ein ganzes dich an geleitet, der gegebenen Anregung Folge leisten werden. Rach kurzer Debatte, die in fast allen Punkten die Uebereinsliinmung der Versammlung mit den Ausführungen des R'edners ergab, wurde die Resolution einitimmig angenommnten und Steinhardt-Magdeburg, in: Behinderungsfalle Heilbruuu-Gehaus, zun: Delegiertei: nach Berlin gewählt. Alsdann folgte noch eine Besprechung der Lehrprobe des Bollegen Popper-Mühlhausen, die für die Ertheilung des systematischen Religionsunterricht manche belehrende und beachtenswerte Momente enthielt. Für die nächstjährige Bonserenz wurde Halle in Aussicht genommen. Herr Dr. Feßler sagte für sie einen Vortrag zu über die Behandlung des Wunders in der Religionsschule. Mit einem Hoch aus Se. Majestät den Baiser schloß der Vorsitzende die Bonserenz. Herr Dr. Feßler brachte noch ein Hoch auf die Gemeinde Erfurt aus, während Dr. Salzberger-Erfurt Worte des Dankes und der Anerkennung de»: Herrn Vorsitzenden widmete. Auf frohes Wiedersehen in Halle! Bauurgart-Lengsseld. Die Juden in Sibirien. Fr. TU. Petersburg, 24. ouui. Eine alte Methode der russischen Regierung ist es, die Inden als Material zur Hebung des Handels und der Industrie in den wenig bevölkerten Gebieten zu verwenden, un: sie nach vollbrachter harter Arbeit der Ausweisung oder sonstigen Verfolgungen preiszugeben. Schon Katharina II. verwendete die Juden aus Westrußland und Litthanen zur Kolonisation des unter ihrer Regierung eroberten Roworoffijskgebictes, und als sie ihre Mission erfüllt und die ökonomische Lage in den eroberten Ländern gehoben hatten, wurden sie einer Reihe von Ausnahmegesetzen unterworfen, welche ihnen die Möglichkeit benahmen, die Früchte jahrelanger harter Arbeit zu genießen. Ein ebensolches Schicksal ereilte jene jüdischen Handwerker, welche unter Alexander II. in das Innere des Gleiches berufen wurden, um dort den Mangel an Handwerkern zu ersetzen. Was aber nunmehr über die Lage der Juden in Sibirien verlautet, ist in noch höherem Grade geeignet, diese Methode der russischen Regierung in einen: schrecklichen Lichte erscheinen zu lassen. Dein: die Leiden der Juden in Sibirien übertressen wahrlich alles, was ihre (Glaubensgenosse!: im „europäischen" Rußland bis jetzt erdulden mußren. Ihre Lage gleicht jener der russischen Leibeigenei: vor 18(51, denn gleich diesen sind sie an ihre Erdscholle gefesselt und haben -nicht einmal das Recht, sich vo>: ihrem Wohnorte auch nur einen halben Kilometer weil entfernen zu dürfen. Und man merke wohl, alle diese Juden sind durchwegs freie Müni:er, die freiwillig nach Sibirien zogen, um dem Rufe der Regierung zu folgen, die in ihsien das bene Mittel zur Einbürgerung von Handel und Gewerbefleiß erblickte. Die Lage der Juden in Sibirien in viel schlechter als jene der dorthin verbannten Verbrechen, denen das (besetz das Recln einräumt, einen Passierschein von der Behörde zu verlangen, un: sic» in ganz Sibirien nach einem Erwerbe umschäuen zu können. Bereits im Anfänge dieses Jahrhunderts wurde Sibirien den Jude,: geöffnet. Man wies ihnen die sogenannte sibirische Linie als Ansiediungsorte zu. Unter Nikolai I. wurden ihnen auch die Städte in Sibirien geöffnet. Sie ließe,: sich in der Stadt Bainsk nieder, von wo aus sie Handelsbeziehungen uut den Bolyivano-Wasskreffeusti-Fabriken am Altai und nett der Stadt Dara anknüpften. Die ökonomischen Erfolge, welche die Anwesenheit der Juden in Bainsk erzielte, veranlaßten die Regierung, die Ansiedelung derselben in ganz Sibirien zu. sörderu. Juden: ließen sich nun in Tomsk, Tohoisk und Irkutsk nieder, riesen neue Erwerbsquellen ins Leben und