Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-05 · 27 (5.7.1895) · p. Seite 430

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
27 (5.7.1895)
Date
1895-07-05
Page
Seite 430 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608730--0572-9608736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 430. $ e f c$ u r u vt. Nr. 27. Nim soll hier nicht in Abrede gestellt werden, daß,'es hier, sehr gnt bezahlte Privatstunden giebt, die in einzelnen Fällen bis zn 5 Mark honoriert werden, aber der Privatbeamte erhalt diese nicht. Die Ernte für diese Privatstunden in der jüdischen Religion beginnt nach dein Versöhnungstage, und zwar veranlaßt durch eine zündende Rede des Rabbiners. Unsere Rabbiner ersreuen sich keiner hohen sozialen Stellung in der Creme der Gesellschaft, und zwar ohne ihre Schuld. Auch ihre Predigten an bcn einzelnen Sabbaten und Feiertagen haben nur eine mäßige Wirkung. Bedeutungsvoll ist die Jom Kippur-Predigt vor der Seelenseier. Versteht der Prediger hier nicht konkrete, den einzelnen interessterende Fragen zn erörtern und daran Forderungen für das Wohl der Gemeinde, der Schule und der Jugenderziehung zu knüpfen, so bleibe er von der Kanzel. Das ist die einzige Stunde, wo er wirklich gehört und ernst genommen wird, und zwar nicht blos von den Predigt-, Bummlern, die das Sabbat-Kontinge it stellen, sondern von den Angehörigen der Haut fmance, die so liebenswürdig sind, sür die Gaben, die ihnen Gott so überreich in den Schoß schüttet, einmal im Jahr zu danken und in dieser Stunde ihre Visitenkarten bei dein lieben Gott abgeben. Das hat auch Maybaum richtig erkannt, indem er in seiner Homiletik, Seite 71 schreibtr „Die Prediger benutzen sodann den Dag, an dein alle Mitglieder der Gemeinde vor ilnn versammelt sind und dem Gottesworte die größte Empfänglichkeit entgegenbringen, um die wichtigsten, religiösen Angelegenheiten derselben in den Kreis seiner Betrachtung hineinzuziehen." Die Wirkung zeigt sich einige Tage später. Da kommt eine Equipage aus dem Ghetto in Berlin W bei dem Rabbiner vorgesahren. Die gnädige Frau spricht ihre warme Anerkennung über die gehörte Predigt dem gerührten Rabbiner aus, sie hat gelobt, daß ihre Kinder die glorreiche Geschichte ihrer Ahnen kennen lernen sollen, und sie bittet, ihr zu diesem Zwecke einen passenden jungen Lehrer namhaft zu machen. Natürlich verspricht der so Gelobte eine passende Wahl zu treffen,, und dankend rauscht die Gnädige von dannen. Nun hat zwar der angestellte Privatprediger sich bei seinen „höheren" Amtsgenossen eingesührt und ist auch höslich empsangen worden — es soll übrigens auch vorgekommen sein, daß ein solcher Iugewanderter nicht empsangen wurde, aber das ist eine Ausnahme und kann nur bei einem Engros-Rabbiner, der in der That säst täglich mit Kasualien überbürdet ist, passieren. Bei einer solchen Audienz hat er detit Herrn Konsrater seine Hage geschildert und herzlich gebeten, seiner zn gedenken, wenn eine Familie Privatunterricht verlange. Sofort wurde diesem Gesuche entsprochen, indem der Rabbiner sich genau den Namen und die Adresse des Bittstellers notierte. Ueberglücklich, hossnungssreudig verläßt der Neuling die 'Wohnung seines einslnßreichen Arntsgenoffen. Bort Napoleon I. erzählt die (beschichte, daß er jeden fremden Namen und jedes Zitat im (Gedächtnis behalten,^sobald er beide ansgeschrieben und hieraus das Papier zerrissen. Er las das (beschriebene noch einmal aufmerksam durch und vergaß den Inhalt nie mehr. Schade, daß diese Prozedur nicht auch bei den Vorgenannten beliebt ist, sonst würde ihnen vielleicht einmal ein solcher Unglücklicher wieder einsallen. Sein 'Name aber bleibt vergessen, als hätte er nie evistiert. Und doch finden wir auch hier eine ernstgemeinte Ent. schuldignng. Die Herren Rabbiner der Hauptgemeinde interessieren sich in erster Reihe sür die Hörer der Hochschule, die von der Gemeinde subventioniert wird. Aus der Mitte dieser Kandidaten iverden auch die außerordentlichen 'Prediger für die hohen Festtage genommen. Diese Studenten sind öfters sehr unterstützungsbedürftig und sie erhalten die meisten und bestbezahlteften Privatstunden. Es ist überhaupt eine ganz naive Anschauung, wenn die Privatbeamten annehmen, ihre großen Amtsgenossen Hütten irgend welche moralische Verpflichtung, sie zu unterstützen. Sie tragen keine Verantwortung sür die oft leichtsinnig bewerkstelligte Uebersiedelung nach Berlin. Und der Appell an die Kollegialität? Du lieber Gott, dieses kollegiale Gefühl ist etwa in dem Maße vorhanden, wie bei dem Musikkünstler gegenüber dem — Heiermann. Damit wollen wir nicht die geistige oder geistliche Dualität bezeichnen, sondern nur das (Gefühl. Doch deswegen den Mut nicht verloren, — riebt es keine Privatftunden st 5 und 3 Mark, so gewinnt man dagegen eine Zahl st 1 Mark und zur 'Not 50 Ps. (In Not geratene Studenten machen es noch billiger.) Die Privatstunden im Winter — wenn nicht die Freuden des Sch'littschuhsports störend wirken — können nur am Montag, Dienstag und Donnerstag, und zwar an jedem Nachmittag zwei Stunden, erteilt werden, an den übrigen 'Nachmittagen und am Sonntag Vormittag hat der Betreffende offiziell an seiner Schule zu unterrichten. Das pekuniäre Ergebnis sämtlicher Stunden ist per Monat 20 Mk. im Winter. Im Sommer giebt es gar keine. Bleiben nun noch die Kasualien und zwar Trauungen und Beerdigungen. Wir kennen einen Privatprediger, der noch vor 10 Jahren mehr Trauungen vollzogen, als die damaligen drei Gemeinderabbiner zusammen.. Nach seinem uns vorliegenden Verzeichnisse sind es circa Eintausend im Hause von 14 Jahren, also pro Jahr etwa 80, tm Monat circa 6. Nun sollte man meinen, das gäbe allein schon ein 'Nebeneinkommen, welches vor Rot schützt. Den älteren Rabbinern aus den östlichen Provinzen schwebt noch das „Rechascb", das ist 1%. von der Mitgift als Trauungsgebühr vor. Die Zeiten sind vorüber, besonders in Berlin. Und das ist auch erklärlich.. Denn erstens ist das „Angebot" zu groß. Was „traut" nicht alles in Berlin! Da und zunächst die berufenen und ausgewählten Geinoinde-Rabbiner; dann die noch berusencrn drei Reform-Prediger; sodann weiter — „unberufen!" — 15—20 Angestellte der Privatgemeinden und endlich das Heer der fremden Rabbiner, Hehrer und Kantoren, die von den Hochzeitsvütern mitgebracht iverden, und schließlich in der neuesten Zeit die vorgeschrittenen Rabbinats-Kandidalen, soweit sie aus Rücksicht aus ihre Hehrer diese Funkion vornehmen dürfen. Es ist dafür gesorgt, daß den Hochzeitsgeberu das massenhaste Angebot nicht unbekannt bleibe. Schon bei der Veröffentlichung der Verlobung erhält der Brautvater einen Gratulationsbries von einem (oder mehreren) geschäftskundigen Prediger, der mit einer Empfehlung seine ganz ergebenen Dienste für die Hochzeit schließt. Sodann kommt die unbeabsichtigte Konkurrenz der Hauptgemeinde in Betracht.Wer eine Training bei der Hauptgemcindc anmeldet, zahlt für die Handlang dreißig Mark, ivosür ein Rabbiner, ein Kantor und zinei Diener gestellt iverden. 'Nlin west; hier jedes Mn glied, daß von diesem Betrage der Rabbiner 0, der Kantor () und jeder Spnagogendiencr 3 Mark erhält. Der Privalmanit deduziert nun: Wenn der Gemeinde - Rabbiner 0 Mk. Honorar bekoinmt, so bin ich sehr nobel, wenn ich einem Privatprediger gar 10 Mark gebe. Er denkt llicht darüber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.