Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- Seite 426 (sequence 2)
- Language
- German
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t r;;"r Nr. 426. JescHurun. Nr. 27. gutes Recht und pädagogische Pflicht ist es, dieses unser Vermächtnis lediglich als das Fundament zu zeichnen, ans dem ein neuer stolzer Bau sich erhoben; aus den Geist eines jüdischen Kindes muß aber die Degradierung dessen, was später ihm als einziges Heiligtum bezeichnet wird, geradezu verheerend wirken. Und dann noch ein Zweites. Die Bibel ist nicht für Äinbcr geschrieben; sie setzt eine hingebende Vertiefung und oft auch eine eregetische Behandlung seitens des Lehrers voraus. Diese eregetische Behandlung aber ist es gerade, in der die unterscheidenden Merkmale zwischen dem alten Und neuen Glauben hervortreten, und darum muß auch der biblische Geschichtsunterricht konfessionell getrennt sein, sollten jüdische minder diesen Unterricht nur von jüdischen Lehrern empfangen. Rach welcher Seite hin wir also die. Sache betrachten, ist jenes Verfahren jüdischer Eltern, die ihre minder im und für das Judentum erziehen wollen, zum mindesten eine Unbesonnenheit. Möge dies von manchen in Erwägung gezogen werden. slotkiiikiil »«ft Michikgkl in Latin. Von M. A. Klausner. Seit zum ersten Male an dieser Stelle Klage erhoben worden ist über die Gewissenlosigkeit, mit der die Verwaltung der jüdischen Gemeinde Berlin die pflichtmüßige Fürsorge für den Religionsunterricht der Heranwachsenden Jugend verabsäumt hat, sind' die Statistiker fleißig bei der Arbeit gewesen. In Versammlungen und Schriften hat man sich bemüht, den Nachweis zu erbringen, daß nicht zehntausend jüdische Kinder, wie ich vor vier Monaten gesagt, sondern nur etwa viertausend ohne Religionsunterricht auswachsen. Das sei zwar schlimm genug, aber ich hätte doch jedenfalls arg übertrieben, und von den Vorwürfen, die ich erhoben, fei ein starker Abzug zu machen. Niemand wäre froher gewesen als ich selbst, hätten meine Klagen und Anklagen sich als unbegründet erwiesen. Ich bin mit Aufmerksamkeit und mit dem Wunsche, mich widerlegt zu finden, den verschiedenen Versuchen gefolgt, ans statistischer Grundlage ein freundlicheres Bild von dem Stande des jüdischen Religionsunterrichts in Berlin zu z'ntwersen, als ich vermocht. Doch mehr und mehr zeigte sich, daß jene Versuche in der Ueberzahl nur Beschönignngsversnche waren, im Dienste des Gemeindevorstandes angestellt, um dessen arge Pflichtverletzung in milderem Lichte zu zeigen. Sogar akademisch gebildete Männer gaben sich dazu her, Rechnungen auszumachen, deren trügerischer Eharakter ihnen nicht hätte entgehen können, wenn sie ohne Voreingenommenheit ihre Arbeit unternommen hätten. Ist es doch vorgekommen, daß in einem öffentlichen Vortrage die Einführung obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts als nicht empfehlenswert bezeichnet wurde, weil an einer Lehranstalt die sa>t allgemeine Beteiligung an dem fakultativen jüdischen Religicmsunterricht — auf dem Wege „sanften Zwanges" erreicht worden fei! Der wackere Schulmann, der diese Weisheit debitierte — er ist natürlich eine Leuchte des angeblich liberalen Komiü-s — merkte nicht, wie sehr er sein selbst spottete. Die Hilfsmittel, die mau angewendet hat, von den zehntausend jüdischen Kindern, die in Berlin ohne Religionsunterricht answachsen, sechstausend als mit dem erforderlichen Wissen ausgestattet anszugeben, waren ganz dazu angethan, eines Potemkin Neid zu erwecken. Dieser arbeitete mit brutaler mechanischer Täuschung, zeigte der galoppierenden Zarin in der Entfernung gemalte Städte und Flecken und führte —- ein Vorgänger der Meininger — einige Hundert wohlgedrillte Statisten mit sich, die in zwanzig verschiedenen Provinzen zwanzig Rial zufriedene und beglückte Dorseinwohnerschasten darznstellen hatten. Solchen Aufwand konnten unsere Berliner Potemkius sich nicht leisten. Sie mußten mit billigeren Apparaten arbeiten und dabei noch mit einem Publikum rechnen, das gar nicht verliebt rvar wie Kaiserin Katharina, und auch nicht so kurzsichtig wie diese berühmte Herrscherin. Die schwierige Ausgabe tvurde glänzend gelöst. Mit geradezu genialischer Berücksichtigung der etwas abergläubischen Zahlenehrsnrcht und zagen Scheu gegenüber statistischen Angaben, sprang man Hörern und Lesern mit Ziffern ins Gesicht, die man statistische Ziffern nannte, während sie willkürliche und Schützlingsoft sogar gefälschte Ziffern waren. Und selbst hiernach konnte man zu keinem besseren Ergebnis gelangen, als zu dem ivtmer noch tief beschämenden Bekenntnis, daß in Berlin viertausend jüdische Kinder nicht einmal die Möglichkeit haben, Religionsunterricht zu genießen! Da es sich hier um ernste Tinge handelt, so muß ich den Berliner Potemkius die Kreise einigermaßen stören und das Spiel ansdecken, das sie so geschickt wie frivol getrieben haben. In allen den Ausstellungen, die gemacht worden sind, um das erdrückende Schuldkonto der Berliner Gemeinde- Verwaltung zu entlasten, findet sich die Spiegelfechterei, daß nicht blos die Zahl der jüdischen Kinder angegeben wird, die Religionsunterricht thatsächlich genießen, sondern als gleichwertig zugleich di-' Zahl der jüdischen Kinder, denen die Möglichkeit gewährt ist, Religionsunterricht zu genießen! Unterrichtsgelegenheit und .wirklicher Unterricht werden als gleichbedeutend behandelt. Dabei greift man aber nicht zu plumpen Fälschungen — das sei ferne! — inan sängt es seiner an: Man giebt anscheinend der Wahrheit gemäß an, in wie vielen öffentlichen Schulen jüdischer Religionsunterricht überhaupt erteilt wird, und wie viele jüdische Schüler/ nicht etwa diesen Unterricht, sondern die betreffenden Schulen besncheir, und läßt diese Zahl als mit jüdischem Religionsunterricht versorgt gelten. Man untersucht gar nicht, in welchem Maße von der Unterrichtsgelegenheit Gebrauch geinacht wird, untersucht nicht einmal, ob die Gelegenheit ausreichen würde, wenn die Neigung bestände, von ihr vollen Gebrauch zu nrachen. Ans diese Weise gelangt man schon zu einer recht stattlichen Zahl, mit der man'paradirt, obwohl gleichzeitig, unter Wehklagen über den Jndifferentismuü der Eltern, zugestanden ivird, daß namentlich in manchen Privatschulen die Einrichtung des jüdischen Religionsunterrichts unterblieben ist, weil die Eltern der Schulkinder sie nicht blos nicht verlangen, sondern sich ihr sogar widersetzen, und obwohl dieses Widerstreben zu dem Schluffe zwingt, daß von dem fakultativen Unterricht, -wo er überhaupt besteht, in der Regel nicht Gebrauch gemacht rvird. Bei dieser Täuschung hat es jedoch nicht sein Bewenden, es tritt noch eine andere, zwiefache Täuschung hinzu: Zunächst summiert man die Zahl der jüdischen Kinder, denen in den öffentlichen Schulen die Möglichkeit der Teilnahme am Religionsunterricht gegeben ist, mit der Zahl der Schüler in den privaten Religionsschulen, ohne zu untersuchen, wie viele Schüler an dem Religionsunterricht hier