Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 27 (5.7.1895)
- Date
- 1895-07-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608730--0567-9608731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ua. 27. Inistgang I V. lltzemelne Aerkln, 5. Juli 1895. Herausgeber: Ä. Levin, Ajerlitt. ef^ntnn. Bezugspreis: viertekjäyrk. 2 Mir. C'rscheittl au jedem Areitag. Mepiflspreis für das Änsland: Mir. 2,50. fy» beziehen durch die Post _unsere Expeditionen und den Buchhandel_ Redaktion und Perkag: Hr A>amlinrgerstr. 21. Änzeigen, die 3etCc 25 Z*f„ nehmen alle Anoncen-Lrpeditionen sowie unser Bureau entgegen. (Uue Unbesoiiiienheik. Potemki» und (^ulenspicgrl. Von M. A. Klausner. Kol 7iiilrt' uiib feilt C’f’iibc. Tie Privatgciiieinden in Berlin. VIII. Bon Bar Minan. T ie Lebrerko» ferenzen. Tie?.nden in Sibirien. 'Briefe ans .Krähwinkel. 1. lAitqleist! Bor. Wilhelm Feldman. 'Wochenchronik. Brief- ». ,Tragekasten. — .Kalender. — Anzeigen. Gilt lliilifftiniii'iilirit. Ais i'or wenigen Wochen bekannt wurde, daß aus einer Gemeiudesclmle iu Berlin, eine jüdische Lehrerin mit christlichen Schülern ein Kapitel ans dem Neuen Testament durcbgenommeu, den Kleinen also, wie man sagte, ReligionSnnterricht erteilt habe, erhob sich ein Sturm der Entrüstung ans allen Seiten, schlug die verschämt und unverschämt antisemitische Presse betäubenden Lärm und wurde sekundiert von der sä lieblich so genannten Judenpresse. Selbst in jüdischen Lehrervereinen, die sich, wie beispielsweise die Wissenschaftliche Bereinigung jüdischer Schulmänner in Berlin, mit der Trage befaßten, wurde keine Stimme laut zu Gunsten der Lehrerin, deren amtlicher Uebereifer der Gesamtheit ihrer jüdischen Berussgenossinuen in Berlin so sehr geschadet. Als eine Taktlosigkeit wurde ihr Verhalten bezeichnet und weder wagten, nocl, wagen wir zu widersprechen. Doch sei aus diesem Anlas; eine andere Frage, die wenigstens für uns Juden von Wichtigkeit ist, hier berührt. Man findet es jetzt, namentlich in großen Städten, nicht selten, daß jüdische Eltern ihre Kindbr, besonders in den ersten Schuljahren, an dem christlichen Religionsunterricht teilnehmen lassen. Es geschieht dies nicht etwa in der Absicht, die Kinder zum Abfall zu erziehen, es geschieht zumeist ans dein Grunde und mit der Rechtfertigung, die Kinder sollen sich, wenigstens nicht so frühzeitig,« von ihren Mitschülern sich unterscheiden, zumal da der anders geartete Religionsunterricht in diesem Alter nicht schaden könne. . Gerade diese Rechtfertigung ist durchaus falsch. Tie Seele des Kindes ivirft ihre Fäden nach dem Boden ans, wo sie wurzeln können, und da, wo sie dies einmal getban, halten diese Fäden mit merkwürdiger Kraft fest, meist für das ganze Leben. Begriffe, welche die Seele des Kindes einmal in sich aufgenommen, bleiben ihr für das ganze Leben vertraut. Welch' ein Nachteil also für die väterliche Religion, wenn des Kindes Geist nicht nur nicht an diese gebunden wird, sondern ganz entgegengesetzte Glaubenslehren in sich anfnimmt! Wenn man sich wundert, daß bestimmte Glaubenssätze, die uns Inden nicht einleuchten wollen, von vielen Millionen Menschen unerschüttert sestgehalten werden, so liegt der Erklärungsgrnnd einzig darin, daß sie in frühester Kindheit, wo der Geist noch ohne Prüfung alles annimmt, was ihm von bewährter Hand gereicht wird, von jenen Millionen aufgenommen wurden. Nichts ist daher sicherer, als daß jüdische Kinder durch die Teilnahme am christlichen Religionsunterrichte in ihrem väterlichen Glauben außerordentlich geschädigt werden. Man wird einwenden, die Eltern und Umgebungen des Kindes können dieser Einwirkung dadurch entgegentreten, daß sie die in der Schule gehörten Lehren für irrig erklären, sie durch Verneinung bekämpfen und aus den Herzen der Kinder wieder wegschaffen wollen. Welch' unvernünftige Erziehung wäre dies! Sie stellen der Autorität des Lehrers die Autorität der Eltern, dem Ansehen der Schule das Ansehen des Hauses gegenüber. Sie versetzen den kindliepen Geist aus das Gebiet der Kritik, auf welchem es alles mißachten lernt, was ihm übergeben wird, sie zwingen es, in Dingen selbst Richter zu werden, die weit über seine Fassung hinansgchen und gegen welche es daher einen Widerwillen faßt. Die Wurzeln der Kindheit werden ihm abgeschnitten. Später wundern sich dann die Eltern, daß ihre Kinder frühzeitig blasiert sind, daß sie von Respekt, Achtung, Ehrfurcht, Gehorsam, wahrhafter Zuneigung so wenig wissen; sie ahnen nicht, daß sie selbst die Ursache alles dessen sind. Und dann ihre Dpportunitütstheorie! Meinen sie, daß die Mitschüler ihrer Kinder nicht dennoch wissen, daß diese Juden sind? Und wenn nicht, wie lange wird es dauern? Und wollen sie so ihren Kindern schon in frühester Zeit die Mißachtung ihrer Religion und Abstammung, die Scham über diese einimpfen? Tragen dann nicht solche Eltern selbst dazu bei, Judentum und Juden verachtet zu machen? Denn unverschuldeter Mißachtung kann wirksam nur durch würdevolle Selbständigkeit, durch Eharakter und Selbstachtung begegnet werden. „Ja, aber den Geschichtsstoss des Alten Testaments dürfen unsre Kinder doch in der von einem christlichen Lehrer christlichen Kindern erteilten Religionsstunde „mitnehmen"! wir als heilige Schrift anerkennen, nicht das „Alte Testament", sondern nie veraltendes, ewig junges Vermächtnis, das uns von den Vätern überkommen. Des christlichen Lehrers ..,*3 ■1