Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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m •^sr: vf i£l' [*’■' Y. M 0^ Seite 420. 5 c ( « r u n. Nr. 26. Verhandlung, in welcher zehn Zeugen vernommen worden waren, verkündete der Gerichtshof das Urteil dahin, daß der Angeklagte und der Privatkläger wegen Beleidigung zu je 30 Mark Geldstrafe verurteilt werden, die Kosten aber von jedem Teil zur Hälfte zu tragen feien. Außerdem wurde dem Angeklagten Hesse das Recht zugefprvchen, die Verurteilung des Pastors Jskraut wegen Beleidigung des Hesse nach Rechtskraft öffentlich bekannt zu machen. In einem Falle hat das Gericht den Wahrheitsbeweis als erbracht erachtet, also angenommen, daß Herr Jskraut bewußt die Unwahrheit gesagt hat. — Der antisemitische Agitator Adolf Th eis, vormals Verleger einer eingegangenen antisemitischen Zeitung, wurde am 20. d. M. von der Strafkammer in Darmstadt wegen Ehebruchs zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. — Die antisemitische Buchhandlung von A. Dewald in Berlin von der aus die Stadt Berlin und die Provinz mit den bekannten antisemitischen Sudeleien überschwemmt wurde, ist seit einigen Tagen geschlossen. Der Gerichtsvollzieher hat den Kehraus abgehalten; der größte Teil des Lagers erwies sich als Kommissionsware, der Rest nebst Einrichtung wurde meistbietend versteigert und v on dem Hauptgläubiger, dem Wirt des Hauses, für 810 Mark erstanden. — In St. Johann-Saarbrücken ist das antisemitische „Westdeutsche Bolksblatt" eingegangen, und der Verleger hat Konkurs ansagen müssen. Die agrarisch-antisemitische „Deutsche Tageszeitung" beklagt den Redakteur, der seine hohen Strafen wegen Beleidigung durch die Presse jetzt absitzen müsse, weil die Eigentümer sie nicht bezahlen wollten. Zugleich erhebt sie folgende Anklage gegen „vornehme Hintermänner": „Die alte Leier! Erst geben die vornehmen Hintermänner die lockendsten Versprechungen, aber wenn es gilt, sie einzulösen, da sind sie nicht zu Hause!" — Stimmt. * sonderbare Motivierung. In einem Urteil des königlichen Landgerichts Ratibor (Strafkammer) gegen den Redakteur der Katolieki Nowiny findet sich, wie die „Germania" schmunzelnd mitteilt, wörtlich folgender Satz: „Namentlich liegt der Ausdruck der Geringschätzung für den Dr. Harbolla in seiner Gleichstellung mit einigen Juden des Vereins „Geselligkeit", da die Juden bei der Landbevölkerung des Ratiborer Kreises in sehr geringer Achtung stehen." Gegen das Urteil ist Revision eingelegt worden. Die Motivierung giebt aber auch zu weiteren Erwägungen Anlaß. Alle Achtung vor unseren preußischen Gerichten: bei einzelnen Vorgängen findet man aber doch, daß Franz Ziegler bei seiner Erklärung: „Ich gehe znm Kadi!" gewisse Zustände vorgeahnt haben könnte. * Zur Deszendenzlehre. Die antisemitischen Skribentlein sind bekanntlich auch strenge Kritiker und Kenner aller Wissenschaften, namentlich der 'Naturwissenschaft und deren Vertreter. Schreibt da einer dieser Herrchen anläßlich des Todes des berühmten Naturforschers Earl Vogt, der energisch gegen den Antisemitismus ausgetreten ist, in der „Deutschen Westwacht": „Der dieser Tage in Gens verstorbene Professor Earl^Vogt, der Assen-Vogt, war natürlich auch eiir^ großer Judeusreund, wahrscheinlich weil er in dem jüdischen Stamme den sichersten Beweis für seine Theorie der Abstammung des Menschen vom Affen sah." In dieser Fassung ist die Ansicht Vogt's nicht richtig wiedergegeben. Wir sind in der angenehmen Lage, aus einer anderen Duelle die wirkliche Meinung Vogt's reproduzieren zu können. Als einmal in einer Gesellschaft von Schriftstellern zu Berlin die Rede auf gewiffe Antisemitensührer kam, sagte Vogt: „Die Antisemiten sind Affen, nur mit Menschenhaut überzogen." * t Aus Oefterreisch-Ungarrr. Die „Konservative Korrespondenz" stellt in Aussicht, daß „aus den nächsten Reichsratswahlen der (antisemitische) Prinz Alois Liechtenstein nominell als Führer der Katholiken Oesterreichs, abgesehen vom Großgrundbesitze, hervorgehen werde, zumalwenn cs vorher gelingte, Seine Durchlaucht auf den Bürgermeisterthron von Wien zu erheben." Da andererseits auch der Antisemit Dr. Pattai um den Bürgermeisterthron sich bewirbt, so bleibt Dr. Lueger aus dein Trockenen. Prinz Liechtenstein will sich ans den Thron Luegers und Hohenwart's zugleich setzen, und es dürste Sr. Durchlaucht die Ausgabe auch gelingen. — Von dem letzten Skandal im Reichsrate, verursacht durch eine Kontroverse zwischen den Abg. Schneider und Bloch, die in einem Tone geführt wurde, wie man ihn kaum auf dem Fischmarkt zu hören bekommt, haben wir keine Notiz genommen, weil wir voraussetzten, daß unsre Leser hierüber durch die Tagespresse orientiert worden, und weil wir der Meinung sind, daß man derlei „Unterhaltungen" nicht gern zweimal liest. Wir wollen darum nur ergänzend hinznfügen, daß das offizielle Organ des Abwehrvereins in Wien Herrn Dr. Bloch desavouiert hat, indem es n. a. schreibt: „Wir geben zu, daß die Provokationen gewisser Leute oft auch kaltblütigere Naturen in Wallung zu versetzen imstande sind. Allein das Prinzip der Wiedervergeltung mit gleicher Münze hat eben seine Grenze, über die hinaus es seine Rechtfertigung verliert. Wer eine Ohrfeige mit. einer anderen Ohrfeige vergilt, >vird wegen Raushandels bestraft, ob er nun der Provozierte oder der Provozierende war. . . Dem Parlamentarismus, dieser immer noch festesten Stütze der staatsbürgerlichen Freiheit und Gleichheit, hat Dr. Bloch durch seine Taktik gewiß nicht gedient und ebensowenig der Abwehrbeivegnng oder auch nur dem Interesse des Judentums. Im Gegenteile, er bietet damit den Antisemiten nur neuerliche Handhaben, da ihn dieselben ihrem verblödeten Publikum quasi als den designierten Vertreter des Judentums vorstellen, der er doch ganz und gar nicht ist. — Diese Abfertigung kann und soll natürlich die Verdienste des Tr. Bloch um die Verteidigung des Judentums in keiner Weise schmälern. — Aus Erla n wird dem „Pester Lloyd" geschrieben: Nicht wenig Aussehen erregt hier ein im „Egri Egyhäzmegyei Közlönn" erschienener Artikel, der in Heftiger Tonart gegen die israelitische Religion loszog und mit dem guten Ratschlage schloß die Inden mögen samt und sonders zum katholischen Gauben übertreten. Ein anderes Erlauer Blatt befaßte sich mit diesem Artikel und empfahl denselben der Aufmerksamkeit des Herrn Erzbischofs Sainafsa. Ein Kaufmann, Ludwg Fischer, der für die erzbischöfliche Domäne seit Jahren Geschäfte besorgt, überreichte ein Eremplar dieses letzteren Artikels dem Direktor der erzbischöflichen Domänen, mit der Bitte, das Blatt Sr. Ereellenz zu übermitteln. Der Direktor erwiderte: „O, Se. Ereellenz hat den Artikel längst gelesen und auch schon die Antwort daraus gegeben." ^,Und wie lautete die Antwort?" — „Sehr deutlich. Se. Excellenz hat den FüzeS-Abonver Arzt Dr. Markus, einen- Israeliten, zum Arzte für die erzbischöflichen Domänen er nannt ..." — Herr Georg Schönerer, der Emitter, ist nun auch Erantisemit, denn er thut der Welt kund und zu wissen, daß!