Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 418 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4IX 5 c f c§ u v u n. Nr. 28. tcn. „Ich will zahlen, soviel ich kann," sprach er, „für zwei Dukaten werden Sie wohl die Ehre haben, mir den Namen Kerzenschein zu geben." — „Geht nicht, lieber Absalon, geht wirklich nicht," versicherte der Kanzlist. — „Also so will ich meinetwegen — Grünblatt heißen." — Die Beamten begannen von neuem zu lachen. — „Was sind zwei Dukatens" rief der Kanzlist, „was kann man für zwei Dukaten kaufen? Eine Hose, die man ein Jahr trägt oder zwei, aber nicht einen Namen, den man sein lieben lang trägt, für zwei Dukaten kannst Dn allenfalls Zuckerhut oder Eisenstein heißen." — Absalon war wie vom Donner gerührt, es schien ihm ganz unmöglich, daß er als glorreicher Sonnenglanz auSgegangen war, als einfacher Zuckerhut nach Hause zurückkehren sollte. Er steckte traurig seine zwei Dukaten wieder ein und ging sachte zur Thür hinaus; es währte nicht lange, so kehrte er zurück und zupfte den Kanzlisten wieder beim Aermel, er war entschlossen, sein letztes herzugeben. „Ich will noch dazulegen zwei Zwanziger," flüsterte er, „aber machen Sie mich nicht, unglücklich und geben Sie mir den Namen Grünblatt. Gott wird Sie segnen und Ihre Kinder und Enkel." — Der Kanzlist schüttelte nur den Kopf, der Kreiskommissar ries entrüstet: „Willst Du mit uns handeln? Glaubst Du, daß wir Juden sind?" „Wenn Sie mir nicht wollen geben einen guten Namen," sagte Absalon furchtbar entrüstet, aber nur innerlich, und ganz im geheimen, denn er stand noch immer mit gekrümmtem Rücken da und sprach leise, wie wenn er jemanden im Schlafe zu stören fürchte, „dann will ich auch nicht geben zwei Dukaten und zwei Zwanziger für einen Namen, der nicht wert ist einen Kreuzer." Er wartete nur noch einen Augenblick, und als ihn die Beamten nicht weiter beachteten, ging er rasch zur Thür hinaus und schloß dieselbe sogar ziemlich kräftig zu. Es währte indes kaum fünf Minuten, so stand der arme Absalon wieder bei dem Schreibtisch des Kanzlisten und begann schwer seufzend: „Wenn ich schon Hab' kein Geld, will ich noch geben zwei Hühner und eine gute Hose für den Herrn Kanzlisten, was ich Hab' gekauft vom Grafen Komorowski, und Sie werden mich nennen Sonnenglanz." Er war plötzlich mutig wie ein Löwe, legte noch dem Kanzlisten ein Silberstück von zehn Kreuzern auf die Unterlage und sprach: „Das ist noch überdies für Ihre Mühe, Herr Krummholz, schreiben Sie also in Gottesnamen Sonnenglanz." „Pack' Dich auf der Stelle," rief der Kreiskommifsar entrüstet, „willst Du uns etwa zum besten haben? Wir haben keine Zeit für Dich, wenn Du nicht Zuckerhut heißen willst, so sollst Du Knoblauch heißen, und damit basta!" — Eben ging die Thür auf und Frau Perle, eine junge, schöne Witwe kam herein und füllte die sonst so dumpfe, mit Tabak versetzte Luft der Kanzlei in wenigen Augenblicken mit .dem feinsten Wohlgeruch; um sie rauschte es vou kostbarer Seide, blähte sich üppiges Pelzwerk, blitzten in allen Farben kostbare Edelsteine. Sie näherte sich dem Kreiskommisfar, welcher sich mit liebenswürdiger Eile erhob, galant lächelte und ihr feinen eigenen Stuhl anbot. — ..Ich bin überzeugt," begann er, „Sie kommen in der Absicht, uns einen recht schönen Namen abzuschmeicheln " — „Ich wäre selber dankbar," stammelte die-schöne Jüdin, „und bin auch bereit, zu zahlen die Tare." — „Ich bitte, hier!" ließ sich der Kanzlist vernehmen. Frau Perle zog die Börse hervor, auf einen Wink des Kreiskommissnrs stand Krummholz auf nud nahm das funkelnde Gold in Empfang. Tie Beamten waren augenblicklich in der besten Laune. — „Aber wie sollen wir arme Sterblichen," begann der Kreiskommifsar, „für Sie einen würdigen R'amen finden. Das ist gar nicht möglich. Meint man doch, wenn Sie erscheinen, Frau Perle, Venus selbst, die Schaumgeborene zu erblicken!" Sogar die Phantasie des windschiefen, halbblinden Kanzlisten begann ihre mit Aktenstaub bedeckten, tintenbeklerten Flügel zu regen. — „Ich wage zu bemerken," sprach er, „daß es eine passende Anspielung wäre, in dem Namen, den die schöne Frau Perle erhält, ihre Verwandtschaft mit der Göttin der Schönheit und Liebe auszudrücken, und deshalb stimme ich für den Namen Wellenheim, was soviel sagen will. ..." — „Nein, nein", unterbrach ihn der Kreiskommifsar, „betrachten Sie doch diese blühenden Wangen — aber richtig, Sie sehen ja nichts, Krummholz — wie könnte Frau Perle anders heißen als — Rose, nein, das klingt nicht — Rosengarten — jetzt Hab ich es, Rosenthal." Die schöne Witwe lächelte verbindlich und wurde auf der Stelle als Frau Perle Rosenthal in das Protokoll eingetragen. Als sie die Kanzlei wieder verlassen und der Knaster des Kanzlisten wieder über die Wohlgerüche der jüdischen Venus die Oberhand gewonnen hatte, begann Absalon weinerlich: „Machen Sie mich nicht unglücklich, Herr Kreiskommifsar —" „Was, der Lump ist noch nicht fort?" schrie dieser, wenn er nicht Knoblauch heißen will, so soll er Ohrenbläser heißen, damit er uns ein anderes Mal nicht die Ohren vollschreit. Ja, Ohrenbläser." —- Wieder ging die Thür aus und es kam Aburel, der Schneider, er näherte sich bescheiden, aber mit dem Selbstgefühl eines wohlhabenden Mannes, dem Kreiskommissar und fragte leise: „Was Hab ich zu bezahlen, Euer Gnaden, Sie kennen meine Verhältnisse!" Der Kreiskommissar flüsterte mit dem Kanzlisten, das Protokollbuch wurde aufgeschlagen und der Schneider verließ stillvergnügt als Aburel Honig das Kreisamt. „Herr Kreiskommissar, Herr Kreiskommissar, teurer Herr Kreiskommifsar," seufzte Absalon. Man hörte ihn nicht an, endlich rief er verzweifelt: „Giebt es denn keine Gerechtigkeit auf Erden, daß ein ehrlicher Mann, wie ich, soll Ohrenbläser heißen?" „Ist Dir der Name zu schlecht?" schrie ihn der Kreiskommissar an, „sollst Du Absalon Gans heißen." — „Ich bring mich um, Herr Kreiskommissar, wenn Sie mir geben so einen Miauten," beteuerte Absalon, „bin ich ein Vogel? kann ich fliegen? ich bin auch kein Schegetz, ich bin ein armer ehrlicher Jud'!" Es kam Schmüel, der Kutscher, ein Mann, nicht reicher, als Absalon, er kam tiesgebückt und lächelnd und begann, dem Kreiskommissar Schönheiten zu sagen, mit denen das hübscheste junge Mädchen hätte zufrieden sein können. Dann näherte er sich demütig dem Kanzlisten und lächelte wieder und erschöpfte sich wieder in den liebenswürdigsten Redensarten; endlich legte er noch drei Zwanziger aus den Tisch. Der Kreiskommissar lachte. „Weißt Du, wie Du heißen wirst, Schmüel?" sprach er gnädig, „Schmeichler mint Dn heißen, bist Du zufrieden?" — „Warum soll ich nicht sein zufrieden?" — „Wer ist reich?" ries jetzt Absalon, der einen heroischen Entschluß gefaßt hatte, „der mit seinem Lose zufrieden ist, sagt die Mischnah. So null ich denn in Gottesnamen behalten mein Geld und meinen Namen und auch zufrieden sein, Geben Sie mir den Zehner, Herr Kanzlist, was ich gelegt auf ihre Unterlage." — „Was? nicht einmal die paar