Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-28 · 26 (28.6.1895) · p. Seite 416

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608713--0557-9608721
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 416. JefcHrrrirn. Nr. 26. einen Teil der jüdischen Gemeinde in Babylonien bildeten. Es ist bekannt, daß die letztere im Ansang des 6. Jahrbnnders von schweren Verfolgungen heimgesncht war, wodurch sich manche dazu verleiten ließen, Zuflucht in Indien zu suchen. 6. Der Wahrheit am nächsten scheint mir die Annahme zu stehen., welche die Vorfahren der Beni Israel fast direkt von Palästina über das rote Meer kommen läßt, vielleicht durch die Invasion des Antiochus Epiphanes (177 v. d. ü. Z.) oder infolge ähnlicher Leiden dazu getrieben, ihr Heimatland zu verlassen. Nachdem sie dann den Hasen von Elath oder Aila durch den Golf von Suez passiert hatten, dürfen sie sich die direkte maritime Handelsverbindung mit den indischen Häsen zu Nutze gemacht haben und nach Indien gesegelt sein, vielleicht nach dem Hasen von Eheul, welches damals ein großes Handels-Emporium bildete. Als sie sich ihrem Bestimmungorte näherten, erlitten sie bei der Insel Benery, einige Meilen südlich von Bombay, Schiffbruch; die überlebenden sieben Männer und sieben Frauen wurden an den Strand einer Landzunge gegenüber dem Dorfe Margaum, nahe Alibany geworfen, woselbst sie noch 2 Grabhügel zeigen, unter denen die Leichname der ans Land Gespülten ruhen. Die Zahl der Beni Israel in der Präsidentschaft Bombay ist kaum genau sestzustellen, da bei der letzten Zählung (1891) die Beni Israel in der Rubrik Juden eingeschlossen waren, welche aus 14 000 Seelen abgeschätzt wurden. Da in Bombay höchstens 5000 andere Juden ansässig sind, welche nicht zu den Beni Israel gehören, so würde für die letzteren eine Zahl von nicht weniger als 9000 Seelen übrig bleiben. Die gegenwärtige Lage der Beni Israel in Bombay ist in keiner Beziehung eine glänzende. Durch den Verkehr mit der Umgebung baden sie den Handelsinftinkt verloren, den sie früher besessen. Die Mehrheit des Volkes lebt von der Hand zum Munde, als ungeschälte Handwerker, z. B. Zimmerleute, Schreiner, Schriftsetzer .w.; einige sind tüchtige Angestellte und Zeichner in den Regierungsbüreaur und bei großen Handelsfirmen. Das durchschnittliche Einkommen dieser Leute rangiert von Rs. 20 bis Rs. 60 pro Monat, eine Summe, welche an einem Platze wie Bombay kaum genügt, um selbst eine kleine Familie zu ernähren. Eltern, welche finden, daß ihr Eid deshalb mit ihren Bedürfnissen nicht im Einklänge steht, find deshalb gezwungen, ihre minder ans der Schule zu nehmen und sie frühzeitig zur Arbeit anzuhalten. Es ist eine gewöhnliche Erscheinung, Beni Israel- Binder, welche nur 10 Jahre alt sind, mit ihrem Schreinerwerkzeug an die Arbeit geben zu sehen. Viele Binder können deshalb auch keinen ausreichenden Schulunterricht genießen; nur diejenigen, deren Eltern bemittelter sind, absolvieren die 6. oder 7. Blasse der Hochschule und finden sodann als Angestellte, Zeichner ’c. Beschäftigung. Ein kleiner Prozentsatz bildet sich für höbere Berufsfächer ans, und diejenigen, welche gar die Universität absolvierten, sind an den Fingern zu zählen. Unter denen, welche sich gelehrten Berufen zugewandt haben, befinden sich zwei Anwälte, vier Aerzte und zwei Ingenieure. In den Dörfern haben sich die Beni Israel als kleine Farmer und Bleinhändler etabliert, aber nur sehr wenige befinden sich in behaglichen Verbältnissen. In einem Bernssziveige baben die Beni Israel sieb ganz besonders ausgezeichnet, und zwar im M i l i t ä r si a n d e. In den Regimentern der eingeborenen indischen Armee sind verschiedene Mitglieder dieser (Gemeinde zu den höchsten Ehargen im Dnizierkorps aufgestiegen und haben in Bezug auf ihre Intelligenz, Bonrage und Ergebenheit für den britischen Thron die rückhaltlose Anerkennung der Dberkommandierenden gefunden. Die Lebensweise und Gewohnheiten des Volkes gleichen in vielfacher Hinsicht denen der einheimischen ReligionSgemeinden, besonders der Hindus, der Blasse, mit welcher sie am meisten in Berührung kommen. Bis zum Alter der Selbständigkeit leben die Angehörigen der Familie unter einem Dache, doch sobald die männlichen Mitglieder zu erwerbet: anfangen, separieren sie sich nnkOgründeitz ihre eigenen Heimstätten. Im großen und ganzen sind sie hart arbeitende und fleißige Leute, welche nie betteln, solange sie irgend imstande lind, zu arbeiten. Die Frauen zeichnen sich durch Sparsamkeit und Sittenreinheit aus, wie die Beni Israel überhaupt in moralischer Hinsicht sehr hoch stehen. Sie sind von peinlichster Reinlichkeit, und daher kommt es wohl, daß das Sterblichkeitsverhültnis unter ihnen im Vergleich zu der übrigen Bevölkerung ein sehr günstiges ist. Bedauerlich ist der Mangel an Zusammengehörigkeit unter den Beni Israel, was dieselben ivesentlich in ihrem Gedeihen hindert, oii’ leben wie Fremde im Lande, verkehren sehr wenig mit anderen Religionsgemeinschaften und erhalten somit auch wenig Unterstützung von Hindus, Parsen und Mnhamedanern. Darum bleibt diese Gemeinde hauptsächlich aus die Unterstützung ihrer Glaubensgenossen in: Auslande angewiesen. Als nur von Erziehung sprachen, führten wir an, daß die Anzahl der Gebildeten sehr gering ist. Wir ineinten natürlich diejenigen, welche eine höhere Bildung genießen. Wie der letzte Volkszählungs-Bericht bestätigt, nehmen die Beni Israel in Bezug auf allgemeine Erziehung den ersten Rang ein, woraus folgt, daß die Bildung unter ihnen mehr Platz gegriffen hat. Was die Erziehung des weiblichen Geschlechts anbetrifft, so läßt die Fürsorge der Gemeinde in dieser Hinsicht wenig zu wünschen, daher ist denn auch die Mehrzahl der Frauen des Lesens und' Schreibens inächtig, was umso beinerkenswerter ist, weil ans verschiedenen Gründen die Mädchen nicht lange in der Schule bleiben, einezFolge der Armut der Leute, der frühen Heiraten und des Mangels an Fazilitäten znn: lernen. Doch widniet die Gemeinde der Notwendigkeit und der Wichtigkeit der weiblichen Erziehung täglich inehr Aufmerksamkeit. Tie Beni Israel haben insgesamt etwa 12 Synagogen, 4 in Boinbay, 1 in Gaulna, 1 in Baraschu, 1 in Pen, 1 in Panrell, 1 in Rividanda, 1 in Alidan und 2 in Parna. Dieselbe:: werden durch Subskriptionen unterhalten. Ihr Oiebetritus ist der fephardifche. Rur eine diesen Rainen wirklich verdienende Erziehnirgüansialt erisiiert für die ganze Oiemeinde und zwar die in: Jahre 1880 von der Anglo- .Jewish-Association gegründete. In dieser Schule, deren Leiter der Schreiber dieser Zeilen ist, erhalten ungefähr 400 Binder beiderlei Geschlechts Unterricht. WohlthätigkeitS - Institute giebt es sehr ivenige. Es erisiieren zwei in Bombay und eine in Eorna, deren Hauptzweck darin besieht, arme Witwen und Waisen der (Gemeinde zu unterstützen/ Infolge der fortschreitenden Bildung machte sich das Bedürfnis nach litterarischei: Gesell'chaften und Bibliotheken immer wieder fühlbar. Doch infolge des Mangels an genügender Unterstützung und an den: notwendigen Ernst lösten sich einige dieser Vereine frühzeitig wieder aus. Von den in Boinbay eriststrenden erwähnen wir „The Beni Israel Culture snriety“. gegründet 1888 mit etwa 75 Mitgliedern. Diese Gesellschaft wirkt viel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.