Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 414.? e f (6 u r u tt, Nr. 20. Auskommen findet. Außer in Berlin, wo allmählich für 100,000 Seelen im Laufe einiger Jahre noch mindestens f e ch s Rabbiner werden Anstellung finden müssen, wird in Deutschland kaum eine Rabbinerstelle neu kreiert und werden durch Todesfälle kaum 5 Stellen pro Jahr vakant. Auf den drei Seminarien in Berlin und Breslau werden in vier Jahren genau hundert junge Kandidaten fertig. Wo diese bleiben sollen, ist ein unlösbares Rätsel auch für die Herren Lektoren, die fich die redlichste Mühe geben, die jungen Leute für das verantwortliche Amt würdig vorzubereiten." Also der Prediger und Schuldirigent soll mit 900 Mark angejtellt werden! Man bedeutet ihm, daß in einer so großen (Gemeinde die unbeschschränkteste Gelegenheit zum Privatunterricht vorhanden sei, daß öfter« gutbezahlte Kasualien Vorkommen und — last not least — feine Frau Pensionäre halten könne. Zu Hause angekommen, wird mit der Familie und den Freunden beraten, ob man es riskieren könne, die Stelle in Berlin anznnehmen. Es wird u. a. das gedruckte Verzeichnis des Vereins als (Grundlage genommen, und da ergiebt es sich, daß die Gemeinde 120 Familien zählt, darunter 3 Aerzte, 2 Rechtsanwälte, 7 Bankiers — unter diesen 2 Kommerzienräte — und dieses Verzeichnis giebt schließlich bei den naiven Provinzbewohnern, die keine Ahnung von den hiesigen Verhältnissen haben, den Ausschlag. Man deduziert wie folgt: Wenn die bisherige Gemeinde mit 30 bis 40 Familien, worunter weder ein Rechtsanwalt, noch ein Kommerzienrat sich befindet, einen Beamten schlecht und recht ernähert hat, so wird doch eine Vereinigung wie die Berliner Privatgemeinde, sicher ein glänzendes Nebeneinkommen gewähren. Das Verzeichnis ist durchaus echt, leider gehören die aufgeführten 120 Mann nicht zur engeren (Gemeinde, sie haben keine Ahnung davon, daß eine solche eristiert, sondern sie zeichneten pro Jahr 0 Mark, wie sie beispielsweise gelegentlich auch für den Gustav Adolf-Verein einen freiwilligen Beitrag zeichnen. — Wie wenig diese Verzeichnisse der Wirklichkeit entsprechen, beweist das Jahrbuch des T. I. G. B. Ta heißt es u. c : „Gemeinde Bne Britli" 200 Familien (sollen heißen Mitglieder) mit 1000 Seelen. Im X. W. find die Familien weniger fruchtbar, denn der Synagogen- Verein „Moabit" hat bei 000 Familien nur 2000 Seelen, also 331/30 0 wemger. Die „Wolf'sche Synagoge" zählt -- ausgerechnet!— 1700 Seelen und hat sogar für den speziellen Bedarf einen eigenen Schachet Och. „Die jiidischk» ZjikilkgMk" 11011 De. Uliritrt'. Bo 11 Robb. Tr. I. Mol) 11, Inowrazlow. IV. Wir haben gesehen, welch' wunderliche Kreise die Logik des Herrn Wiener zu ziehen vermag. Aus dem Satze, „die Bibel, die nach einem alten, wundervollen poetischeil Worte ,mit (statt ibentifch ist', braucht keine Schutzmaner; wir armseligen Menschen aber, wir dem Hohne und Spotte eines jeden Schwätzers ausgesetzten Rabbinen, ivir bedürfen eines besonderen Schutzes", leitet er die Ilubescheidenheit und Ueberhebung der Rabbinen ab. Das ist die Logik des Herrn Verfassers ... Herr Wiener ist aber ilicht nur dann entlüftet, wenn die Rabbinen das „Joch der Thorah" erschweren; im (Gegenteil, er ist doppelt empört, wenn sie es erleichtern, wenn sie sich in ihrer Leichtfertigkeit über Gesetze der Bibel hinwegsetzen und das zu thun unterlassen, was die Bibel direkt befiehlt. Und verlassen gar die Lehrer Israels den Weg der Wahrheit ilnd legen „in ihrer talmudischen Deutelei und Witzelei uns Unwahrheit in den Mund", da kennt seine sronnne Entrüstung keine Grenzen. Doch lassen wir ihn, der über die Lehrer und Weisen Israels so bescheiden und würdig zu sprechen versteht, - wir meinen nämlich Herrn Wiener — selber sprechen . . . »Ist es nicht gerade der Talmud, der sich erkühnt das Wort Gottes zu amendieren, zu meistern '< Statt vieler hundert Beispiele nur zwei. Aach dem Gottesworr soll am ersten Tage des siebenten Monats in die Posaune gestoßen, am fünfzehnte» desselben der Feststranst genommen werden: aber der Talmudismus ist religiöser. Wenn der erste rcsp. fünfzehnte Tag des siebenten Monats auf Sabbat fällt, io unterbleibe das, denn mau könnte vergessen den “ieis? rcsp. 2*'h schon am Rüsttag in das Gotteshaus zu bringen und würde dann erst am Sabbat die „schwere Last" dahin tragen. Tie Schritt läßt Gott von sich selber sagen: "npj’ X*? npji", dass seine Lang- » mut auch Grenze» habe und beim Verharren in der Sünde die Strafe nicht ausbleibe. Tie Talmudisten aber legen uns die Unwahrheit in den Mund, Gott bas entgegengesetzte lagen zu lassen: »TlpTl" er läßt ungestraft. Tas Raisonnement Rabbi Eliasars, Iowa 86a. hierüber kann doch einen nüchternen Forscher unmöglich befriedigen und noch dazu der ungrammatische Schluß des Verses mit dem Infinitiv . . " Also eines zwiefachen sittlichen Vergehens, der Anmaßung und Unwahrheit klagt Herr Wiener die Weisen der Mischnah und des Talmud an! Und was ist an dieser ganzen schweren doppelten Anklage des Herrn Wieners iftem einziges wahres Wort! Ich betone und wiederhole: kein einziges wahres Wort! Die Anmaßung und Unwahrheit ist einzig nnb allein aus seiten des Herrn Wiener, nicht aber ans seiten unserer unsterblichen Lehrer. Herr Wiener betont in seiner Vorrede, daß „sie geschrieben am Tage seines beginnenden dreiundachtzigsten Lebensjahres" . . Was aber nützt uns das alles, wenn er in den dreiundachtzig Jahren nicht Zeit hatte, auch nur eine einzige Partie im Talmud gründlich zu studieren, wenn Tberslächlichkeit ihn wie ein „böser (steift" aus seinem ganzen Wege in unwandelbarer Treue begleitet! Hütte Herr Wiener über Schosar und Rösch Haschanah nur einen Augenblick ernstlich nachgedacht, wie konnte er einen solchen Unsinn schreiben! Herr Wiener sagt: „Rach dem (stotteswort soll am erite 11 T a g e des siebenten Monats in die Posaune gestoßen werden!" Sehr wahr! Wer wußte aber zu jener Zeitz zur Zeit des Mischnah und des Talmud, wann der erste Tag des siebenten Monats, ist, ob heute oder morgen, ob am 30. oder am 31. Tage des Monats! Weiß Herr Wiener nicht, wieviel Schwierigkeiten da überwunden, wieviel Vernehmungen, Prüfungen, Untersuchungen, Berechnungen vorgenommen werben mußten, ehe es durch die Zeugen, Oie den „Neumond" gesehen, sestgestellt werden konnte, welcher Tag als der erste Oes Monats angesehen werden durste. Bier iveiß es nicht, daß das „hohe Gericht" zu Jerusalem sehr oft den ganzen Tag aus die Zeugen vergeblich geivartet und sich-glücklich gefühlt, wenn sie, die Zeugen, noch am Abend eingetrossen und Zeugenschast ablegten! (Rösch Haschanah I V. 4). Wer iveiß es nicht, daß die Lehrer der Mnchnah ob der Aussage der Zeugen oft in einer Weise mit einander differierten, dag der eine den Tag für einen gewöhnlichen Werktag hielt, den der andere für den hochheiligen Versöhnungstag gehalten? (Rosch Haschanah I I. 3—9)- Der Zweifel, ob heute