Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Z e > cH il r u rr. Seite 41s). eine Birche oder Religionsgemeinde, iuiD ulo Bekenner des Judentums trete der Jude bei seiner Geburt in die Welt ein. Als Mitglied einer Religionsgemeinde wird man nicht geboren, als' ein solches kann man ausgenommen werden, nnd zwar entweder durch die ausdrückliche oder ttillschweigende Willenserklärung der das Bind stellvertretenden Eltern bei einer gelegentlichen seierlichen Handlung, oder durch den freiwilligen Beitritt in reiferen fahren. Bei den Juden ist das Berhältnis ein anderes. Man wird als Stammesgenosse geboren, und als Stammesgenosse übernimmt man die Verpflichtung der Treue gegen die Stammesreligion. Bei der Auffassung des Satzes, daß die Judenbeit ein Stamm sei, bandelt es sich nicht mit Tendenzen oder bloße persönliche Ansichten, über die man geteilter Meinung sein, sondern um eine Thatsache, die man nach den Methoden exakter Forschung wissenschaftlich seststellen kann. Seit Jahrtansenden beruht das ganze jüdische Neligionsgesetz, berubt die ganze jüdische (beschichte, welche ja nicht blos die (beschichte des Judentums, sondern auch, nnd mehr noch, eine Geschichte der Inden ist, ans der Anerkennung dieser Thatsache. Unser heutiges Empfinden und Denken, die Stellung, welche die nichtjüdische Welt uns gegenüber einnimmt, und noch manches andere erklären sich nur durch die Thatsache, daß wir ein Stamm sind. Unsere Prediger, welche so oft, ohne sich dessen immer klar bewußt zu werden, von den ererbten jüdischen Stammes - lugenden nnd den abznlegenden jüdischen Staminessehlern reden; unsere jüdischen Zeitschriften, welche ja bekanntlich nicht blos jüdisch-religiöse Fragen besprechen nnd jüdisch-religiöse Nachrichten bringen, sondern alles in den Breis ihrer Besprechung ziehen, was Inden qua Stammesjuden betrifft; unsere hiesigen eigenen Blnbs, denen gewiß niemand nachsagen wird, daß sie Vereine zur Verfolgung jüdischreligiöser Zwecke seien; die jüdischen Bälle, die jüdischen Pikniks, die ja gewiß nichts mit Judentum als Religion zu thun haben: —1 alles dies beweist es klar, wie richtig und unabweisbar die Thatsache ist, daß die Jndenheit «'ine durch das Band der gemeinsamen Stammesangehörigkeit zufammengehaltene Gemeinschaft ist. Dr. B. Felsenthal. Dir Dritintptriniini in örrli». Von Bar Minaii. VI l. Der einfache Herr Lehrer ist von seiner Gemeinde nach Berlin gereift lind hier als „Herr Duktor" empfangen worden. Jeder Lehrer, der hier einen Vortrag oder eine Predigt hält, ist in den Angen der Berliner e<> ipso Doktor, und dieses leicht erworbene Diplom trägt ebenfalls dazu bei, das Unglück des Angestellten zu vermehren. Er selbst welftt sich gegen die Titulatur nicht, denn sie reizt das Ohr, und die „Frau Doktor" ertrügt in der ersten Zeit lieber die härtesten Entbehrungen, als daß sie ans diese neue Würde ihres Mannes verzichtet. „ Die Privatgemeinden wünschen unter allen Umständen, daß ihr Prediger Doktor genannt iverde; ja sie petitionieren öfters bei fremden Rabbinern um die Morenu für ihn. Einem bescheidenen Beamten, der zu seinem Unglücke eine solche Stelle errungen, passierte es, daß sein Vorstand ohne sein Wissen bei dem Bandes-Rabbiner, dem er früher nnterstellt war, den Antrag stellte, jenem die Moromi zu erteilen. Der betreffende Rabbiner antwortete korrekt, daß wenn die Gemeinde ihrem Beamten das Vertrauen schenke und ihm rabbinische Funktionen verrichten lasse, er seiner Legitimation nicht mehr bedürfe. Der Beamte selbst verbat sich ans das entschiedenste derartige Reklamen und bekannte freintütig nnd zum Entsetzen der Vorsteher, er sei außer Stande im Talmud zu lesen. Er sei Lehrer und wohl imstande eine Predigt auszuarbeiten, aber nicht befähigt den Rabbinertitel zu führen. Ein anderer Prediger, der vor kurzem gestorben, erhielt zu seinem 25 jährigen Amts - Jubiläum von seinen Vorstehern, einem.Kommissionär und einem biedern Schlächtermeister, in feierlicher Sitzung die .Hattorath horaah, d. h. den Titel eines Rabbiners. Der alte, sonst durchaus würdige Herr aeeeptierte dankend die neue Würde und führte von nun an den, ih'n von zwei Privatleuten, — Laien im verwegensten Sinne des Wortes, — vet liehenen Rabbiner-Titel. Ein dritter Prediger, der in der That ein gelehrter Rabbiner >var, hat znm Gaudiuin der hiesigen Inden mehrere Jahre offiziell sich den Titel beigelegt: Ober rabbiner von Berlin und Bärwalde. — Also der Herr Doktor hat gepredigt, eine Probelektion abgehalten und konnte nun mit dem Bescheide wieder abreisen, daß ihm in einigen Wochen das Ergebnis mitgeteilt werden würde. Dieser hat sicher die Reise umsonst gemacht und zu seinem Glücke das große Los nicht gewonnen. Die Auswahl ist groß, denn der Ruf: a Berlin! der den Franzosen im Jahre i 870 zwei Provinzen und 5 Milliarden gekostet, hat auch manchen Bultusbeamten um fein Lebenselück gebracht. Der neugegründeten Gemeinde, resp. dem Vorstände, der noch wenig Respektbezeugungen empfangen, kam der Appetit beim Essen. Jeden Sabbat einen andern Prediger oder Bantor, die das Beste leisten, was sie an Wissen und Stimme besitzen. Aus ein so billiges Vergnügen wollten sie nicht verzichten und unbarmherziger- oder sagen wir unbedachterweise lassen sie ein Dutzend Probekandidaten kommen, bevor sie eine Wahl treffen. Einer mußte aber doch gewählt werden, und mm kam für den Vorsteher die schwere Aufgabe, dein Gewählten die bittre Pille so versüßt beiznbringen, daß man ihm für seine Leistungen in Schule nnd Synagoge pro Jahr — 900 M. bewilligen könne. Wir schildern nach bestehenden Verhältnissen, nur daß wir die Höhe des Gehalts in einigen dieser Gemeinden um 4 500 M. zu hoch angegeben haben. Roch vor einigen Wochen wurde von einer bekannten Privatgemeinde, die allerdings längst die Existenzberechtigung verloren, ein wirklich würdiger, wissenschaftlich gebildeter Rabbiner- Dr. mit ' 000 M. pro Jahr angestellt. Eine zweite Privatgemeinde, die bisher ihrem Rabbiner 1500 M. Gehalt gegeben, steht augenblicklich mit einem Rabbiner in Unterhandlung, dieselbe Stelle als Prediger und Dirigent mit 900 M. Fixum anzunehmen. Dieser Rabbiner muß seine Stelle in der Provinz aufgeben, weil seine bisherige Gemeinde keinen Rabbiner mehr besolden kann, und hier dürfte eine brennende Frage leise berührt werden: was soll ans den angehenden Rabbinern werden? Inder letzten Zeit ist drei Rabbinern gekündigt worden, weil die betr. Gemeinden nur noch einen Bultusbeamten (Schatz-Matz) besolden können, und wir müssen dieses Verfahren billigen, denn in Gemeinden von 00—80 Familien können zwei Beamte — darben, während einer fein