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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-28 · 26 (28.6.1895) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
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Seite 412. AescHurrrn. Nr. 20. Ich war schon einmal, im Jahre ISST, veranlaßt, der Erörterung dieser Jrage nahe zu treten, lieber die (Grenzen unserer Stadt und unseres Landes blickte ich hinaus, und da sah ich im (leiste Stammesgenossen in Ärabien und Persien, in der Türkei nnd in Marokko, in Nußland und in Polen, die religiös ganz arders als wir denken und leben, die teils unter dem Einfluß der soharistischen Mystik, teils unter oer Herrschaft der rabbiuischeu Kasuistik stehen. Gewiß sind auch sie Juden, ja sogar Juden zweiter nnd dritter Potenz, und niemand fällt es ein, sie aus dem Judentum hinauswerfen zu wollen. Ich sah aber auch im Geiste Juden in Berlin und anderwärts, in Chicago und anderwärts, die weder Mystiker noch Schnlchan-Aruch-Judeu sind, sondern die in jeder Beziehung vollkommen frei und von allem Herkommen vollständig emanzipiert sind. Auch sie sind Juden, und niemandem fällt es ein, auch den denkenden Orthodoren und Historisch-Konservativen nicht, oder richtiger: niemandem sollte es einsallen, sie als Nichtjuden erklären zu wollen. Es muß nun eine Definition sich finden lassen, unter welcher der Wnnderrabbi von Sadagora sowohl wie der amerikanische Nesormrabbiner subsummiert iverden kann, und welche zu gleicher Zeit den nichtisraelitischen Unitarier, den monotheistischen Muhammedaner, de» einen einzigen (statt bekennenden Hindu als Nichtjuden ans dem .streife der wirklichen Juden ausschließt. Meine im Jahre 1887 gegebene Definition lautet: Judentum, als Religion, ist eine heiligende tllebciismacht, ruhend auf dem Jundameut der Äuerkeuiiuug einer einigen und ungeteilten, Sittlichkeit, bedingenden nnd Sittlichkeit fordernden Urkraft; eine Lebeusmacht, die emporgekeimt ist und sich entwickelt hat nnd fortgebildet hat unter Israel und den Juden. Judentum ist ferner eine Religion, welche sich solche Bränche nnd Gesetze nnd Institutionen nnd Erscheinnngsformen geschaffen hat, wie sie den jeiveiligen örtlichen nnd zeitlichen Verhältnissen nnd r/ebensbedingniigen der Inden angemessen waren. Herr Vim N. Levi, ein hochgeachteter, in Gatvefton, im Staate Texas lebender jüdischer Jurist, hat vor etlichen Monaten in einer in New-Orleans gehaltenen Rede, über die in diesem Blatte referiert wurde, diese Definition als nebelhaft und unklar, als zu unbestimmt und zu unfaßbar bezeichnet. Gewiß ist sie es für denjenigen, der blos eine besondere Art von Juden im Auge.hat, und diese allein gelten lassen null, dem aber der Blick fehlt für das Allgemeine und Ganze. Gewiß ist fie zu unbestimmt und zu unklar nnd sind ihre Grenzen viel zu weit hinausgerückt für denjenigen, dessen Gesichtsfeld blos das heute Bestehende, nicht aber das gestern (Gewordene und wieder Entschwundene einschließt, der blos ein Verständnis hat für das Sein, nicht aber für das Werden. Wer aber, wie gesagt, das thatsächlich Bestehende in seiner Ganzheit im Äuge behält und dasselbe begrifflich erkenneil und fixieren möchte, und wer dabei den geschichtlichen Werdeprozeß, aus dem es hervorgegangen, mit in Erwägung zieht, der'wird »licht leicht eine bestimmtere und schärfer um rissene Begriffoerkläruilg geben können, als ne oben versucht ivorden ist. Im Grutlde aber läuft auch diese Begriffserklärung auf eitlen Satz hiilaus, der vielleicht inailcheul noch mehr unbestiilnnt klingen dürfte, auf deil Satz nämlich: Das Jnidentll in ist die stieligio n der Juden. Aber dieser ^atz ist doch der tvahre und richtige. Die Inden haben (statt sei Dank keine hierarchischen Zeutralgewalten und habeil sich zu allen Zeiten individuelle Glaubeilsfreiheit gewahrt. Jeder einzelne Jude hat nun einmal feine eigene Religioil, wie, nach einem bekannten Ghetto-Sprüchwort, jeder eiuzelile Jude feinen eigeneil Schulchan - Ärllch hat. Wenn es nun allerdings nicht geleugnet werden kann noch soll, daß die Machthabenden oft genug ihre Dogmen und Satzungen zur praktischen Geltung zu bringen wußten, so haben sie doch mindestenS niemanden, der im Schoß des Judentums geboren war, erkommnniziert. Auch bei den Orthodoxen galt der Grundsatz: Aph al pi sclieehata jisrael 1m. Der Jude, auch wenn er noch so sehr gesündigt, bleibt immer ein Inder Ja, bei deil w o h r hast Orthodoren galt dieser Satz zu allerineist. Wahrhaft Orthodoxen konnte es nie in den Sinn kommen, gewisse Kategorien von Juden aus dem Judentum hinauswerfeil zu ivollen, — to read thein aut of the party, wie eine politische Redensart sagt. Denn zu einem solchen Grad von Uilwissenheit llild Gedankeillosigkeit sind sie doch noch nicht gekommen. Der Jude wird als Jude geboreil und bleibt, so lange er lebt, ein Jude. Er wird nicht erst dlirch die Bornahme des BeschneidungSakteS oder gar erst durch eine Bar-Mizwah- oder Konsirinationsseier in den Bund GotteS mit Israel ausgenommen. Sein Eintritt in die Geineinschaft Israels erfolgt in der Stunde seiner Geburt und durch seine Geburt. Es ist naher auch die Judeuheit nicht blos eine Retigionsgenleinde ui.d das Judentum nicht blos eine Religion. Die Judenheit ist in erster Linie ein Stamm nnd das Judentum ist eigentlich die Summe aller volkspsychologischen Eigentümlichkeilen dieses Stammes. Unter diesen volkspsychologischen Eigentümlichkeiten Israels nehmen nun allerdings die Religion und das religiöse Leben die erste Stelle ein, weit mehr als bei irgend einem anderen Stamm auf dem ganzen weiten Erdboden. Aber Judentuiii im weiteren Sinn des Wortes ist mehr als jüdische stk e l i g i o n. Judentum ist, wiederholen wir es, die Gesaintheit aller volkspspchologischen Eigentümlichkeiten des Judenstammes. Daß der jüdische Stamrn kein reiner ist, oaß er in uralten Zeiten ans der Vermischung verschiedener Stämme sich herausgebildet hat, und daß auch in neueren Jahrhunderten einige ivenige aus nichtjüdischem Geblütc durch Zutritt und Anschluß sich in Israel eingebürgert haben, kann nicht gegen die Wahrheit des Satzes sprechen: Die Judenheit ist in erster tzcknie ein Stamm. Das englische Volk ist gewiß kein reiner Stamm, keine ungemischte Ration; ebensowenig ist es das französische, das deutsche, das italienische Volk. Lassen sich aber' deswegen das englische, das deutsche, das französische, das italienische Volk völkerpsychologisch nicht als Nationaleinheiten ausfassen? Eine amerikanische Station giebts heute in den Vereinigten Staaten noch nicht, die einzelnen, unter sich verschiedenen VolkSeleniente und Volksstämme fluten immer noch ungemischt nebeneinander dahin. Aber ehe wenige Jahrhunderte dahiirgegangen sein werden, wird dieses Konglomerat aus verschiedenen Stäminen sich vollkommen zu einer einzigen aiiierikanischen Station mit einem gemeinsamen amerikanischen Gepräge gestaltet haben, und die Elemente, aus denen die neue Nation sich gebildet haben wird, werden dann nur schwer erkennbar und nachweisbar sein. _ In ähnlicher Weise giebts auch eine jüdische Nation oder einen jüdischen Stamm, und als Stammes genösse wird der Jude in seinen Stamm h inei n,g e b o re n. Irrtümlich i|t es zu sagen, die Judenheit sei von vornherein nichts weiter als

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