Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. JefcHurirrr. Seite 411. führungen machten, die öden erwähnt lind, so wenig wie Sie an eine schlimme Unterstellung dachten, da Sie in derselben Predigt von Dathan und Abiram als von Aemterjägern sprachen, die in der t^emeinde eine „bezahlte" Stellung haben wollte». Da die Bibel von solchen Absichten der vornehmsten (Genossen storach's nichts weiß, so muß ich schon glauben. Sie haben mit dieser exegetischen Bemerkung meinen Borschlag treffen wollen, an die Spitze der Gemeindeverwaltung einen Direktor zu stellen, der sein mit angemessenem Gehalt ausgestattetes Amt versieht, wie etwa der Bürgermeister einer städtischen Gemeinde. Sie werden nicht in Abrede stellen, daß man ein bezahltes Amt sehr gewissenhast versehen und ein Ehrenamt mit vieler Gewissenlosigkeit wahrnehmen kann. Sollten Sie anderer Meinung sein, so müßte ich Ihnen sreilich sagen: Sie vergessen — Sich. Sie sind doch selbst ein bezahlter Beamter, wie erst Ende Februar vorigen Jahres in einer Sitzung der Repräsentantenversammlung vom Borstandstische aus unter Betonung des llmstandes gesagt wurde, daß unsere Gemeinde kein Rabbinat habe, sondern nur Beamte kenne, und kein Gehalt und kein Ehrensold hat Sie gehindert, Ihre amtlichen Funktionen gewissenhaft zu ersüllen. Jur weiteren Berlause Ihrer Predigt vom Sonnabend stellten Sie auch die Frage aus: „Was will der Mann?" Sie sprachen natürlich von .storach, und es ist nicht unbedingt Ihre Schuld, wenn die Antwort, die Sie gaben, daß nämlich .Uorcidr den Ehrgeiz besessen hätte, Repräsentant zu werden, die Vermutung eriveckte. Sie hätten mir die Auszeichnung zu teil werden lasten, dabei an mich zu denken. Feh kann leider nicht antworten: „Rein zum Himmel erheb' ich die Hände." Ich bin in der Dhat ehrgeizig, Sie unterschätzen sogar meinen Ehrgeiz. Nicht aus die Würde eines Repräsentanten ist mein Streben gerichtet — ich habe Größeres im Auge, und mein Bekenntnis sollen Sie, dem es doch am letzten Ende nicht Hütte verborgen bleiben dürfen, jetzt hören. Aus Ihre Diskretion darf ich rechnen: Seit einiger Zeit habe ich bei meinem Jungen Unterricht. In den knappen Mußestunden, die ein mühevoller Berus und eine angestrengte Dhätigkeit zu Gunsten meiner Glaubensgenossen — vom Verschwörer bis zum R'abbiner mib Schächter - mir lassen, lerne ich den unverkürzten Segensspruch über die Thora auswendig, lerne ich das Buch des Propheten Jonas in der Uebersetzung lesen. Mein Junge behauptet, ich mache leidliche Fortschritte und könnte es bis zum Jom kippur M fließendem Vo.rtrage bringen. Erfülle ich die Hoffnungen, die mein Junge in mich setzt, so komme ich zu Ihnen, damit Sie mich prüfen, und dann — Herr Doktor, Sie dürfen es mir nicht abschlagen — dann machen Sie mich auch zum — M orenu! Nicht persönliche Empfindlichkeit spricht aus mir. Ich greise rücksichtslos an, wo ich das für nötig halte, und so kann ich es recht gut vertragen, wenn Andere dasselbe thun. Am wenigsten würde ein gemeinde-politischer Streit mich bewegen, dem Rabbiner gegenüber, auch wenn er der Rabbiner ureiner Wahl nicht ist, die Achtung außer Augen zu lassen, die ich seinem Amte zolle und allseitig gezollt wissen möchte. Als cin^Talmudgelehrter aber, der Sie von ArutSwegen sind, müssen Sie mir Recht geben, wenn ich nach dem Satze des Talmud handle: nT ic: 'pprr. pr< c»r; w sipvaa — wo Heiligtümer aus dem Spiel stehen, muß die Rücksicht aus den Rabbiner schweigen. In dem Streite, den ich führe, sollten Sie Ihrem Berufe nach an meiner Seite stehen. Daß Ihr Amt Sie davon zurückhält, kann ich begreifen. Ihr Amt aber kann und darf Sie nicht verpflichten,' gegen Ihren Berus zu handeln, und das thun Sie, indem Sie die Verwaltung eines Mannes loben der den Religionsunterricht hat verwahrlosen lassen, der aus derselben nichtigen Eitelkeit welche Sie Dathan und Abiram in Ihrer Predigt angedichtest der um ein Ehrenamt zu ergattern, in schwerer Stunde die Interessen der deutschen Iudenheit verraten und hinter die allerpersönlichsten Interessen zurückgestellt hat. Was Hub wir? Antwort eines amerikanischen Reformrabbiners. Sind wir noch Juden? Bei vielen ist die Quelle für diese Frage nur in Ignoranz oder Unverstand zu suchen. Sie erblickten nämlich das Wesen des Judentums im Gesetze und sie machten die Wahrnehmung, daß die Gesetzestreue unter zahllosen Tausenden von Juden dahinschwinde, und daß das Sichabwenden vom Gesetze immer rascher, immer weiter um sich greise, und daß auch sie selber oder viele von ihnen von der Strömung nolens volens mit fortgerissen würden. Und da erhoben sie denn die bange Frage: Sind wir noch Juden? Schon unser Gefühl sagt es uns: Ja, wir sind noch Juden und unsere Religion ist noch die jüdische Religion. — Aber so definiere man doch das Judentum genauer — wurde entgegengeredet. — Die Erfüllung des Sittengesetzes ist das ganze Judentum, — so lautete die Antwort von der einen Seite; Recht thun, Milde üben, in Demut vor Gott wandeln, das ist l as ganze Judeutuur. — Aber wenn wirklich darirr das Eharakteristische und Eigerrtümliche des Judentums besteht, dann waren ja auch Sokrates und Seneea Juden, rrnd danrr war auch der heilige Franz von Assisi ein Jude, und dann sirrd die barmherzigen Schwestern in den Hospitälern, die vielen edlen und hilfreichen wirklichen oder auch blos uomiuellen Christen, deren ganzes Leben und Schaffen in Werken der Selbstheiligung und altruistischer Nächstenliebe besteht, nicht minder Juden! — C nein, das sind keine Juden, sagen hieraus andere. Die soeben vorgetragene Begriffsbestimmung ist zu weit. Zuur Thun des Guten umß sich noch das Bekennen des Wahren gesellen. Ein Jude muß auch noch den einen und einzigen Gott bekennen, er muß deu ethischen Monotheismus, wie eine neuerdings in Schwung gekommene Redensart es ausdrückt, oder, um mehr populär zu bleiben, deu Glauben an den einen und heiligen Gott zu seinem innersten Eigentum sich gemacht haben. — Ist aber auch nicht diese Definition zu weit? Wären nicht unter dieser Definition auch die nichtsemitischen Unitarier, die Muhammedauer, die Inder, die man als Anhänger des Brahma-Samaj bezeichnet, gleichfalls Juden? — Gewiß, auch in dieser Fassung ist die Desinitioir zu weit und daher unrichtig: auch in dieser Fassung stimmt sie nicht mit dem wirklichen Thatbestand überein. Ehanning und Parker waren keine Juden, auch die Bekenner des Jslaiu sind keine solchen, und ebensowenig sind es die urodernen monotheistischen Hindus. Andererseits sind aber die Definitioneir mancher mrter den jüdischen Orthodoxen, oder mancher aus der sogen, konservativ-historischen Lchule und aus sonstigen Verrnitteluugsparteien zu enge, da sie in geringerem oder größerem Maße eine Anzahl von Gesetzen und Institutionen und Dogmen als irolr nie tangere hinstellen und einem jeden das Recht, sich Jude zu nennen, absprechen möchten, der diese Gesetze und Institutionen und Dogmen nicht länger mehr beachtet. Denn wir blicken um uns uird da nehmen wir wahr, daß es auch solche giebt, die nicht mehr so gesetzestreu und so dogmengläubig sind, wie jene Herren es wünschen, und die, wie von uns, so von fast allen anderen Israeliten trotz alledem und alledeut als Juden anerkannt werden.