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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-28 · 26 (28.6.1895) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
26 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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Seite 410, Des n r u n* Nr. 26. welche nicht auf eine Abstimmung bezw. Beschlußsaffung drängte, die doch unschwer zu erzielen war. Nur derjenige ist verloren, der sich selbst ansgiebt; das haben wir in Wien gesehen. Wir hegen den Wunsch und die Hoffnung, daß die Berliner städtischen Kollegien, welche in gewissem Sinne für die gleichen Körperschaften in der Provinz vorbildlich sind, von einer ähnlichen Erfahrung verschont bleiben. ]>. M. „Was will -n Mann?" Antwort an Herrn Aabb. Tr. Alan bau in. Bon M. A. K l a u s n e r. In dem Streite, den ich gegen die Verwaltung der jüdischen Gemeinde Berlins führe, habe ich mich bemüht, so viel als irgend möglich das Gebiet des Persönlichen zu vermeiden. Ich leite daraus kein Verdienst für mich her, denn ich muß gestehen, daß mir die Personen, die in Frage kommen, zum überwiegenden Teil nicht einmal dem "Namen nach bekannt, die übrigen zumeist zu gleichgiltig sind, als daß sie individuellen Zorn in mir zu erregen vermöchten. Ich darf der Wahrheit gemäß versichern, daß ich nüch nicht einmal bemüht habe, zu ermitteln, wie ans die Einzelnen von Fall zu Fall das Maß der Schuld au den Mißständen in der Verwaltung unserer Gemeinde sich verteilt hat und wie die Mehrheiten bei besonders bedauerlichen Beschlüssen zusammengesetzt waren. Sogar die Namen der dreizehn Repräsentanten, die seiner Zeit ein Legat anzunehmen sich bereit zeigten, dessen Verwendung an eine schmähliche und demütigende Bedingung geknüpft war — an die Verpflichtung zur Uebertretung der Sabbatgesetze — habe ich verschwiegen. Wiederholt habe ich dagegen ausdrücklich betont, daß ich bei derMehrzahl derer selbst, die ich angreife, redlichen Willen voraussetze, der nur durch Urkenntnis oder Fehlurteil zu einer nach meiner Auffassung für die Interesse der Gemeinde verderblichen Handlungsweise verleitet worden ist. Vollständig freilich läßt sich der Thäter von der That nicht trennen, und e i n e That wenigstens war so himmelschreiend, daß es nicht anging, die Frage der Verantwortung im Ungewissen zu lasten. Tiefe eine That ist es auch gewesen, die niich zuerst bewogen bat, den Verhältnissen der Gemeinde nähere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ich komme nicht gern daraus zurück; aber ich muß es thun, gerade weil meine Scheu, dieses beklagenswerte Vorkommnis zu berühren, von Personen, die nach ihrem Amte am allerwenigsten sich hergeben sollten, Mitschuldige an einer Verletzung unserer bedeutungsvollsten Interessen 511 werden, zum Zwecke der Verschleierung und Vertuschung, zum Zwecke der Irreführung mißbraucht wird. Wenn ich jene Scheu, die mich bisher mir in Andeutungen sprechen ließ, allmählich überwinde, so mag sich Herr Juftizrat Meyer bei Herrn Rabbiner Tr. Maybaum bedanken. Herr Tr. Maybaum hat am vergangenen Sonnabend in der Heydereuter-Synagoge eine Predigt gehalten, die in Anknüpfung an den Wochenabschnitt mich in eine wohlgemeinte Parallele mit Korach, Herrn Justizrat Meyer neben Mose stellte. Zu viel Ehre für mich, Herr Dr. Maybaum, obwohl ich glaube, daß Sie bei dem Vergleich in Ihrem Herzen den Vorbehalt „lehawdil" gemacht haben werden. Man mag über Korach denken, wie man will: er hatte Eonrage und er war ar kein Speichellecker, noch trug er den Mantel nach dem rinde. Werde ich vor die Wahl gestellt, so will ich lieber streitbar sein und lebendig zur Gruft fahren, als durch Winseln und Speichellecken und zweizüngiges Wesen die Erlaubnis zu spätem und normalem Abschied von der Erdoberfläche erkaufen. Was Herrn Juftizrat Meyer betrifft, so wage ich nicht, seine Würdigkeit, neben Mose genannt zu werden, in Abrede zu stellen. Mose Rabbenu — Meyer Rabbenu, der Gleichklang ist förmlich verführerisch, und dank Ihnen ist Herr Meyer zu dem Titel Rabbenu berechtigt. Ihnen ist es dabei wie weiland Samuel gegangen, der eine Würde verlieh, höher als die eigene mar, da er Saul zum Könige machte. Ist Ihnen der Vormann, den ich genannt, zum Vergleich zu unbequem, so dürfen Sie sich aus Warwick berufen. War dieser, ohne König zu sein, ein „Königsmacher", warum sollten Sie mit der nämlichen negativen Qualifikation nicht ein „Rabbenu-Macher" sein dürfen! Rur eines nehme ich Ihnen aufrichtig übel. Sie hätten Ihre Ausführungen überall nmchen dürfen: in einem Verein, einer Kneipe, einer Reformsynagoge — aber nicht vor einer orthodoxen Gebetsversammlung. Wenn Sie dieser erzählen, Korach sei ein Konservativer gewesen im Gegensatz zu dem Rosormator Mose, der das Alte abschaffen wollte, nämlich den egyptischen Götzendienst, und wenn Sie neben den Reformator Mose den heutigen Reformator Meyer Rabbenu stellen, so müssen Sie wissen, daß Ihre Ausführungen in demselben Maße, in dem sie verstanden werden, Anstoß zu erregen, angethan sind. Dank dem Regime Meyer Rabbenu's freilich ist man in Berlin Kanzelrednern gegenüber nicht sehr empfindlich. — Die Herren Rabbiner sind verpflichtet, als Wanderredner zu fungieren, mit ihrer selbstverständlich überzeugungsvoll-unwandelbaren Gesinnung von Kanzel zu Kanzel zu ziehen, bald vor einer orthodoxen, bald, vor einer anorthodoxen Gemeinde über die nämlichen Religionssatzungen zu sprechen. Das schasst bei den Hörern im Lause der Jahre eine gewisse Abhärtung. Doch diese Abhärtung hat ihre Grenzen, und Sie möchten doch sicherlich durch Ihr Beisviel nicht die Erinnerung wachrusen an die Zeilen, in denen die Juden gezwungen wurden, in ihren Synagogen Bekehrungspredigten zu dulden und anzuhören. Ta Sie kräftige Gleichnisse lieben so dürfen Sie mir, dem Korach von Ihren Gnaden, nicht verübeln, wenn ich Ihnen sage, daß Sie den Qrt für Ihren letzten Vortrag schlecht gewählt haben und daß Sie eine weniger durch andauernde administrative Vergewaltigung zermorschte Gemeinde, als die unsere es ist, mit Empörung erfüllt Hütten — nicht durch die persönlichen Vergleiche, sondern durch die Empfehlungen moderner "Neuerungen, die Sie mit Mose's „Reformen" in eine Linie stellen. In den Augen Ihrer Hörer vom vorigen Sonnabend und in ungeetwa Ihre "Neuerungen Reformen des heutigen Judentums darstellen, das Sie mit durchsichtiger Verschleierung als Götzentum bezeichnen, zwar nicht absolut, doch gegenüber Ihren hochsinnigen und seingeistigen Vorschlägen Ich lasse alle Milderungsgründe gelten, die für Sie sprechen können. Im Eifer der Rede — und Sie sind ein sehr guter Redner darf auch dem Gewandten einmal ein unbedachtes Wort entschlüpfen, ganz besonders dem Kanzelredner, dem aus dem Fehlen jeder Gegenrede eine schwere Versuchung entspringt. Sie haben keine schlimme Absicht gehabt, als Sie die AuSr-v

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