Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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W. 26. Iayrgang iv. llgemerne Werkn, 28. Juni 1895. VÄ _Herausgeber: A. Levin, Werkin. Jefchttrutt. Bezugspreis: viertekjährk. 2 Mir. Erscheint an jedem Areitag. Weznstspreis für das Änskand: Mli. 2,50. Tu beziehen durch die Post unsere Lrpeditionen uild den^Buchbaudel Berlin und Wien. Bon Tr. M. „Was will der '“JJiaimV" Bon M- A. .Klausner. Was sind wirtz Bon Tr. B. Fetsenthal. Tic Privatgemeinden in Berlin. VH. Bon Bar^Biinan. Tie Lpeisegesetze von Tr. Wiener. IV. Bon Tr. .stöhn. Tie Bein Israel in Bombay. Bon A. A. Ziehimkar. Ter Pandel um den Namen. Bon Lacher-Niasoch- Wochenchronik. - stalender. - - Anzeigen. ilrrlin und Wir». Eine gesunde ehrliche^Freundschaft wird sicherlich stets unsere vollste Dankbarkeit erfahren, — eine gerade, mit offenem Visir und ohne vergiftete Waffen kämpfende Feindschaft wird uns ans dem Platze finden und über Beißachtung der gegnerischen Einwürfe nicht zu klagen haben. Wie aber schützen wir uns gegen heuchlerische Freundschaft, wie haben wir uns gegen (Gleichgiltigkeit zu benehmen? letztere können wir mit gleicher Münze vergelten - - gegen erstere kann uns Gott allein schützen, der sie kennt. Daß eine falsche Freundschaft den eigenen Herrn schlägt, dieses Gottesgericht hat die Wiener Liberalen getroffen, und angesichts der bösen Ernte, welche dort aufgegaugeu, dürste man cs kaum für möglich halten, daß die Lorbereu der Wiener „Liberalen" die Berliner nicht schlafen lassen. Die Wiener Liberalen haben es büßen müssen, daß ihr Liberalismus ein lässiger, daß dessen Mäntelchen gerade dick genug gewesen, den vertrauensseligen Juden über seine Hohlheit zu täuschen und sich lediglich als Stimmvieh ansnutzen zu lassen. Da nun jeder Antagonismus heutzutage im Antisemitismus eine willkommene Ablagerungsstelle findet, so hat der Volksinstinkt in Sesterreich, um den ScheinliberaliSmuS loszuwerden, jenen verhängnisvollen Schritt gethan, dessen Gewaltsamkeit zu einer völligen Gesundung oder zur Anarchie führt. Wollen die Berliner Stadtväter auch dieser Krise zutreiben? Wenn man den Bericht der letzten Stadtverordneten- <^itzung und den limonadematten Ausgang der mit großem Aplomb in. Szene gesetzten Virchow'schen Interpellation liest keine Resolution, kenn Beschluß zum energischen Vorgehen ässten die Absiclit, auf dem Verwaltungswege die von der Verfassung genvährleistete Gleichberechtigung illusorisch zu macheu. Selbst wenn wir Inden mit der russischen Manier der Berücksichtigung nach prozentualem Maßstabe in allen — Wedaktion und Verlag: chr Kamburgerstr. 21. Anzeigen, die Zelle 25 J>f., nehmen alle Anoneen-Lrpeditionen sowie unser Bureau entgegen. aber auch in allen — Ziveigen der Verwaltung schließlich zufrieden sein könnten, durste sich doch die Stadtverwaltung einen Eingriff in ihre Rechte, Lehrer und Lehrerinnen nach ihrer Befähigung und nicht nacl) ihrer Bekenntnis-Angehörigkeit anzustellen, nicht ruhig gefallen lassen; sie mußte alle gesetzlichen Wege zur Verhinderung dieser Rechtsverletzung beschreiten und durfte mit gutem, beruhigtem (Gewissen nur der Gewalt weichen. Das wäre echter Liberalismus gewesen! Wie gut verstand es die Berliner liberale Bürgerschaft vor kurzer Zeit den Mann zu ehren, welcher die Selbstverwaltung der Stadt gegen jede Antastung so tapfer verteidigte und das Petitionsrecht der Stadtverordneten - Versammlung energisch in Schutz nahm, als es sich um das selige Umsturzgesetz handelte, das, bei aller Anerkennung der schwerwiegenden verhängnisvollen Konsequenzen, welche das Zustandekommen des Gesetzes im Gefolge gehabt hätte, die städtische Verwaltung doch nur nebenher mitberührte. Und nun, da es sich um eine Entäußerung eines wichtigen Selbstbestimmungsrechtes handelte, ging ein gedämpfter Ton durch die ganze Erörterung, der so seltsam berührte, daß inan sich der Auffassung nicht entschlagen kann, daß ihnen die ganze Angelegenheit gar nicht so sehr zu Herzen ging, daß man sich das „notwendige Uebel" halb gutwil li g entreißen ließ; man zog wohl den Degen aus der Scheide, aber mau steckte ihn ruhig wieder ein. War denn kein Dahlberg da? Ist denn Berlin nicht mehr das Bollwerk des Liberalismus? Fühlten die Stadtväter nicht, daß sie ein Präzedenz sechafften, das, für die Folgezeit ausgenützt, zu einer sehr harten Ruß sich verhärten könne, an dem sie sich einstmals die Zähne wundbeißen werden? Wie wohlthuend hebt sich dagegen eine andere Religions- Angelegenheit ab, welche einen Gewissenszwang für die in weit geringerer Anzahl vorhandenen Dissidentenkinder involviert! Diesen wurde ministeriellerseits die Teiluahme an dem obligatorischen Religionsunterricht zugemutet — gewiß ein Vorgehen, das nicht gebilligt zu werden braucht, immerhin nur eine Verordnungsünderung ist, indem eine frühere Falk'fche Verordnung, welche die Freiheit der Wahl gewährleistet, aufgehoben und durch den jetzigen Minister in anderem Sinne erledigt wird, aber keine Ungesetzlichkeit auf den Schilö erhebt. Da hat der Berliner Magistrat mit vollen Kräften, ohne Binden und Bandagen, den Kampf ausgenommen, — eine Verschiedenheit in der Behandlung, die doch zu denken giebt. Ist es schon unverständlich, daß der Antragsteller - Virchow — sich so leicht abfinden ließ, so muß es noch mehr Kopfschütteln verursachen, wenn man bedenkt, daß eine große Anzahl von jüdischen Mitgliedern dem roten Hause angehört,