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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 405 (sequence 17)
Language
German
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Nr. 25. JescHururr. Seite 405. die Lotterie schweigend duldete. Das Reichsgericht hatte das Erkenntnis der Strafkammer aufgehoben und die Sache zur nochmaligen Entscheidung an die erste Instanz zurückverwieseu, da die Verurteilung wegen Stempellnuterzielmng zu Bedenken Anlaß gebe. Nun bat die Ltrafkaiumer anders entschieden; da es den Mitgliedern des Syuagogenvorstandes gar nicht darauf angekommeu fei, den Stempel zu hinterziehen, wurde nur fa h r lässig e Stempelsteuerhinterziehung angenommen, für die an und für sich eine Strafe nicht festgesetzt wurde, da ideale .Konkurrenz in Verbindung mit Lotterievergehen vorlag. Die Strafe lautete für jeden der Angeschuldigten aus 30 Mk. * B. I G. B Das heißt: Böhmisch-Israelitischer Gemeindebuiw. Eine Versammlung der Vertreter von 37 israelitischenKultusgemeiudea Böhmens beschloß die Gründung eines Bundes der israelitischen Gemeinden in Prag. Bei vollkommener Gleichberechtigung der beiden Landessprachen bezweckt der Bund die Förderung der VerwaltuugS-, BitdungSuud Wohlthätigkeitsangelegeuheiten der israelitischen Kultusgenw'indeu. Als Mittel zur Errichung dieses Zweckes soll unter anderem ein wirksamer Rechtsschutz gegen gesetzwidrige Angriffe auf Juden und das Judentum dienen. Religiöse, politische und nationale Fragen bleiben von der BundeSthätigkeit ausgeschlossen. *z Dr. M <Hriiriwald. Aus London schreibt Nlan uns: Dr. Moritz Grünwald, Großrabbiner vou Bulgarien, ist Montag den 10. Juni hier in Bonn's Hotel, (Ireal Drsool Ltraot, gestorben. Eine Woche vorher war er in London eingetroffen und sollte in mehreren Synagogen predigen. Am Abend des 8. Juni wurde er plötzlich schwer krank, und drei Aerzte, die an sein Krankenbett gerufen wurden, erklärten einstimmig, daß der Rabbi nur durch eine Operation am Leben erhalten werden könne. Der Zustand Dr. Grünwald's machte jedoch die Operation unmöglich und Montag früh verschied der Patient. Das traurige Ereignis hat in ganz England die tiefste Teilnahme hervorgerufen. Dr. Grünwald stand in der Blüte seiner Jahre: er wurde 1853 in Ungarisch-Hradisch geboren, war also erst 42 Jahre alt, 1878 bezog er das Breslauer Seminar und bestand 1881 die theologisch-wissenschaftliche und die talmudisch-rabbinische Prüfung. Die Grundsätze, die er auf dem Scnuinar annahm, oerleugnete er weder in feinem Leben, noch in seinen ■ Schriften. Dr. Grünwald's litterarische Werke waren zahlreich und trugen hauptsächlich einen philologischen Charakter. Unter den bedeutendsten mögen erwähnt sein: „Die Hagadah in den Werken der Kirchenväter," eine Uebersetzung vom Französischen ins Deutsche (die er ehe er nach Breslau ging, in Paris vollendete) von Solovicek's Buch über „Moses, Christus und Mohamed", „Geschichte der Juden in Böhmen" und ein Buch über den „Jüdisch - Deutschen Dialekt." Eine Zeitlang gab er das „Jüdische Zentralblatt" heraus uud war ein fleißiger Mitarbeiter an den bedeutendsten jüdischen Blättern und Zeitschriften. 1881 wurde Dr. Grünwalo zum Rabbiner uud Prediger in Belovar (Kroation) gewählt und 1884 ginger nach Pifek, wo er zwei Jahre blieb. Dann erhielt er einen Ruf nach Jungbunzlau (Böhmen), wo er bis "Mai 1893 Rabbiner der Gemeinde, Direktor und Religionslehrer an bet jüdischen Schule und Lehrer der jüdischen Religion am Gymnasium war. 1893 erhielt er die Bestallung als Großrabbiner von Bulgarien, mit dem Sitze in Sofia, und Dr. Grekow, der ' damalige Justizminister, überreichte ihm im Mai desselben Jahres die Bestätigungsurkunde der Regierung. Dr. Grünwald bekam eine im bulgarischen Budget vorgesehene hohe Besoldung, denn er war nicht nur Ehes-Rabbi, sondern auch Leiter des Rabbiner-Seminars für Bulgarien, wo er Talmud und Midrasch lehrte. Während feiner ganzen Amtsdauer wirkte Dr. Grüuwald eifrig und mit Erfolg für die Hebung der Ausbildung der bulgarischen Juden, und seine Aufgabe wurde ihm dadurch, daß er bei dem Fürsten Ferdinand uuö bei der "Regierung in hohem Ansehen stand, wesentlich erleichtert. Dr. Grünwald war Ehrenmitglied des Beni-Zion- VereinS in London und korrespondierendes Mitglied der französischen, rumänischen und archäologischen Gesellschaft. — Nachbemerkung der Redaktion. Wir betrauern in dem Entschlafenen einen treuen Freund, imb unermüdlichen Förderer, der trotz großer Ueberbürdung immmer Zeit hatte, wenn es galt irgend ein litterarisches Werk zu würdigen, ein journalistisches Unternehmen zu stützen. Ehre dem Andenken des arbeitsfreudigen Mannes!*) * 81. Aus Amerika. Habeanras papam, nämlich die Ahawath Cheßed-Gemeinde in Rew-Pork, deren Prediger der entschlafene Dr. Alex. Kohut gewesen ist. Der Erwählte ist Dr. Davidsohn, der in Ungarn studiert hat und ein tüchtiger Theologe und gewandter Redner ist. Vor ungefähr 12 Jahren kam er nach Amerika, erlernte in ungewöhnlich kurzer Zeit die englische Sprache und fungierte in mehreren Gemeinden, zuletzt in Montgomery, Alabama. In seiner Probepredigt beleuchtete Dr. D. die vorwaltenden optimistischen und pessimistischen Auffassungen über die Zukunft des Judentums. Während zugestanden werden muß, daß sowohl der orthodoxe wie der radikalste Jude darin übereinstimmen, daß die Juden noch innner die Mission haben, durch ein tugendhaftes und Heiligkeit erstrebendes Leben die Göttlichkeit der Religionsoffenbarung zu bekunden, so giebt sich dach eine entschiedene Teilung der Auffassung kund über das, was bindend im Glauben und der Befolgung der Religionsfatzungen, und das, was nebensächlich geworden und überlebt ist. Da ist z. B. die Vernachlässigung der Kenntnis des Hebräischen, die Uebertragung des Ruhetages vom Samstag auf Sonntag, die Hintenanfetzung so vieler herrlicher, poetisch-verklärter Symbole, welche tief einschneidend in die Fortentwicklung des jüdischen Religionsgedankens sich erweisen. — Wenn auch post festum, gestatten Sie mir wohl, einen Auszug aus der Schabuot- und Konfirmationsrede Ihres gelehrten, hier allgemein verehrten "Mitarbeiters, Rabb. Dr. Kahler-"Rew-Uork, wiederzugeben. Sie war lehr- und sinnreich und kann auch nach dem Feste mit "Nutzen gelesen werden. Dr. Köhler führte u. a. aus: „Die Offenbarung Gottes am Sinai ist ein Gemälde, so großartig, daß keine Künftlerphantaste, kein Malerpinsel, keine Litterntur der Welt es nachzuahmen oder darzustellen vermöchte. Alleindiese Erzählungen haben für die Kindheit der Menschen, nicht für den gereiften Verstand unserer Zeit, Wert und Überzeugungskraft. Uns thut sich das (Göttliche einzig und allein im Ewig-Menschlichen kund. Uns bilden die beiden Bundestafeln die zwei Pfeiler der Sittlichkeit und Menschlichkeit, die Grundlagen der Zivilisation. Deshalb feiern wir dieses Fest der Offenbarung als das größte Ereignis der Weltgeschichte. Allein ist inan denn heute noch _ *) Für unsre Berliner Leser fügen wir die Ergänzung hinzu, daß Dr. Grüuwald s. A. ein Schwager des hiesigen Rabbiners Herrn Dr- Weiße gewesen.

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