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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 403 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 25. £ e f c§ u r « n. Seile 403. der Berliner Gemeinde zu illustrieren gesucht durch die Thatsache, daß der „orthodore" Zeutralvereiu beantragt hat, es möge bei dein im Osten neu einzurichtenden Oiottcsdienst au den hohen Feiertagen der gemäßigt - konservative Ritus der Kaiserstraßen - Synagoge eingeführt werden. Wie geht es aber in Wirklichkeit mit dieser Ungenügsamkeit? Im vorigen Jahre waren an den genannten Feiertagen von (Gemeinde wegen sechs Gottesdienste veranstaltet worden, und in a l l diesen Jnterimvspnagogen gelangte das Gebetbuch des Gotteshauses in 8»"., d. h. oas am meisten reformierte, zur Verwendung. Und wenn nun gesordert wird, es möge wenigstens ein Gottesdienst etwas konservativeren Charakter tragen, dann nennt man dies Ungenügsamkeit, und wenn der Vorstand dieser gerechten Forderung entricht, dann heischen seine Parteigänger Dank und Anerkennung und - 1a8t dut not least — die Wieder- und Neuwahl der von ihnen präsentierten Kandidaten für die bevorstehende Nepräsentantenwahl. Ob's gelingen wird? — In Sachen des Religionsunterrichts an den hiesigen öffentlichen Schulen liefert Herr Willy Heß weiteres statistisches Material. Er beschäftigt sich in dem zweiten Abschnitt seiner Artikel serie mit den höheren und mittleren Mädchenschulen und gelangt zu dem folgenden Resultat: Zwei königliche Mädchenschulen werden von 190 jüdischen Schülerinnen besucht, an beiden Schulen wird jüdischer Religionsunterricht nicht erteilt. An den sechs städtischen Mädchenschulen, die von 1 (>(>S jüdischen Schülerinnen besucht werden, ist für jüdischen Religions-Unterricht gesorgt. Von den etwa 1400 Schülerinnen, die höhere und mittlere Privat- Mädchenschule besuchen, erhalten nur 303 Unterricht in der jüdischen Religion. Im ganzen befinden sich in den höheren und den mittleren Mädchenschulen etwa 325)0 jüdische Schülerinnen, von denen nur 2030 Gelegenheit gegeben ist, jüdischen Religionsunterricht in ihrer eigenen Schule zu genießen. An dem Umstand, daß von den Privatfchulcn nur sehlwenige Religionsunterricht eingeführt haben, sind freilich nur die Eltern schuld. Viele der Borsteher resp. Vorsteherinnen würden diesen Unterricht einsühren, wenn die Elteril es verlangten; ja einzelne hatten dies gethan, mußten aber die Kurse aus Mangel mt Teilnahme einstellen. Dagegen kommt es nicht selten vor, daß die jüdischen 'Mädchen den christlichen Unterricht im „Alten Testament" besuchen, woran natürlich gleichfalls die Eltern die Schuld trifft. Daß dieser Unterricht nicht geeignet ist, Liebe für das Judentum zu erwecken, liegt auf der Hand. — In dem Konzertgarten Schönhäusir-Allee 148 veranstaltete am Dienstag der Verein G e m i l u s E h a ß o d i m K’in diesjähriges Sommerfell. Der geräumige Garten war bis auf den letzten Platz gefüllt und das ganze Arrangement erntete und verdiente rückhaltlose Anerkennung. Derlei Veranstaltungeil tragen wesentlich zur Kräftigung solcher der 'Menschenliebe geweihten Vereine bei, indem sie das Band der Zusammengehörigkeit fester um die Vereinsgenossen schlingen. Und ist auch nicht immer der materielle Erfolg erheblich, so bleibt doch den Leiterir das schöne Bewußtsein, ihre dem Ernst des Lebens preisgegebenen Mitglieder einmal in angemessener Weise angeregt und unterhalten zu haben. Und auch das ist eine Wohlthat, ein Stück G e m i l ns E h aß o d im. — In -der außerordentlich zahlreich' besuchten letzten regelmäßigen Sitzung der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin, hielt Herr Landesrabbiner - Dr. Feilchenfeld ans Schwerin in Mecklenburg einen höchst interessanten Vortrag über: Die Methode des religiösen U n t e r r i ch t s , b e s anders des b i b l i s ch e n 01 e s chichts - n n t e rr i ch t S. Von eigentlichen methodischen Vorschriften hält der Herr Vortragende nicht viel. Da die Schüler seiner Anstalt wöchentlich nur 2—3 Religionsstunden haben, so teile er jede Stunde in zwei Hälften. Eine halbe Stunde werden Gebete genommen, eine halbe Stund bibl. Oieschichte. (Hieraus ist schon zu ersehen, daß der Herr Landcsrabbiner ein entschiedener Anhänger des hebräischen Gebetes ist.) Das erste Jahr diene zur Erlangung einer verhältnismäßigen Lesefertigkeit; am Schluffe des Jahres seien bereits kleinere, wichtige Gebetstücke zu übersetzen. Die Anwendung nur deutscher Gebete zur Erbauung hält der Vortragende nicht für berechtigt, da alle derartigen Gebete, weil sie sich nur aus die allergeivöhnlichsten Lebensbedingnngen erstrecken, zu sehr ins Triviale fallen. Die hebräischen Gebete dagegen erwecken den Sinn wahrer Frömmigkeit, denn sie enthalten weniger Bitten als Lobpreisungen Gottes. Während aber in den meisten Wissenschaften das Wissen an und für sich genügt, ist bei den religiösen Oiebeten die häusliche Anwendung derselben die Hauptsache. In den späteren Jahren ist vor allem aus das kultuelle Bedürfnis Rücksicht zu nehmen. Auch das notwendigste der hebräischen Grammatik möge im Anschluß an das Uebersetzen getrieben und erst in den letzten Jahren systematisch zusammengesteUt werden. Jnbezug ans den bibl. Oieschichtsunterricht ist streng daraus zu halten, daß selbst die jüngeren Kinder sich nicht am Unterricht christlicher Schüler auch des Alten Testaments beteiligen, da die Behandlung dieser Stoffe von seiten der christlichen Lehrer eine spezifisch christliche ist und gerade bei jüngeren Kindern die einmal erhaltenen Eindrücke dauernd hasten. Was den Lehrgang im bibl. Geschichtsunterricht betrifft, ist es durchaus nicht nötig, die gewöhnliche chronologische Reihenfolge zu beachten. Man bringe zunächst dem Kindesgemüt leicht faßliche, möglichst anschauliche Erzählungen, beginne also z. B. nicht mit der Schöpfung. Auch im ersten Jahre erzähle man bereits von Gideon, einiges von David, von Ruth und Ester. 'Man soll sich nicht streng an die Sprache der Bibel halten, denn diese sei nicht für .Kinder geschrieben. Wenn inan aus recht kindliche Weise erzählt, spart man auch manche unnütze Erklärung. Für das Bibellesen könne Res. sich nicht erwürmenweil nicht nur denKindern, sondern auch vielen Erwachsenen das rechte Verständnis für die Bibel fehlt. So viele glauben die Bibel zu verstehen, weil sie nicht gewöhnt sind, sie zu verstehen. Alsdann klagte der Herr Redner über hänffg falsche Ausdeutung der bibl. Erzählungen. — Es würde uns zu weit führen, ans die vom Herrn Rabbiner angeführten einzelnen Beispiele einzugehn. Als Hauptmoment seiner Ausführungen ergab sich, daß der Lehrer möglichst die guten Seiten der bibl. Eharaktäre zu schildern habe, das Schlechte heben schon unsere Gegner sattsam genug hervor. Wo schlechte Eigenschaften des Volkes Israel erwähnt werden, soll man zu milder Beurteilung derselben anregen und über die Darstellung der schlechten Volkszüge nicht der vielen das Volk Israel lobenden Anssprüche der Bibel zu erwähnen vergessen. Ferner ist noch aus die Einprägung passender Bibelsprüche und Thatsachen großes Gewicht zu legen, mährend die Zahlen nur eine geringe Rolle spielen.' — Nachdem der verr Vortragende dann noch in ähnlicher Weise sich über den Unterricht in der jüdischen Geschichte geäußert.

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