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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 402 (sequence 14)
Language
German
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eins fühlten mit der ungarischen Nation, deren Kämpfe und beiden sie geteilt, deren Trauer und deren Freude auch sie einpfunden haben. Die Juden bedürfen der Aufforderung, Ungarn zu fein, wahrhaftig nicht, am allerwenigsten verdienen sie aber für ihren Patriotismus mit einer Bezahlung beleidigt zu werden." — Sehr wahr! * r Aus Nußland. Die Behauptung unsrer Gegner, daß die Juden in Rußland in Reichtum schwelgen, ist von kompetenter Seite schon oft widergelegt worden. Bon hohem Werte ist jedoch ein Urteil, das der Eroberer von Kars, der ehemalige Statthalter im Kaukasus, Graf Mnrawjew- Karskij, über die ökonomische Lage und über die Verfolgung der russischen Juden fallt. Dieses Urteil ist in den Memoiren des Grafen zu lesen, welche bas jüngste Heft des „Rufski Archiv" veröffentlicht. Gras Mnrawjew-Karskij durchreiste das jüdische RiederlassungSgebiet und hatte Gelegenheit genug, die Zustände daselbst persönlich kennen zu lernen. Er schreibt darüber folgendes: „Wir durchreisten das Gouvernement Witebsk, wo ich nach langer Zeit die jüdischen Städtchen wiedersah. Ich fand sie denn Verfalle preisgegeben infolge der Maßnahmen, welche man gegen die Juden ergriffen hatte. Aeußerfte -Not, Armut und Elend verfolgen allerorten dieses unglückliche Volk, und ich kann nur durch nichts erklären, warum man die Judenschast solchen Bersolgernngen aussetzt, die doch der Einbürgerung von Industrie stelbstverftündlich nicht nützen." Und Gras Mnrawjew- Karskij war ein National-Ruffe, der mit dem von den Antisemiten angeseindeten Liberalismus nichts gemein hatte! — Im Monate März waren wir in der Lage, mitteilen zu können, daß der sinnländische Senat einen Gesetzentwurf ansgearbeitet hat, wonach den Juden im Großsürstentnme alle Rechte verliehen werden sollen, welche die sinnländische Verfassung ausländischen Ehristen zusichert. Obzwar die Zentralregierung in Petersburg diesem Projekte Opposition machte, gelang es dem sinnländischen Senate, den Sieg über die antijüdischen Strömungen der Petersburger Regierung davonzntragen und feinem Entwürfe Gesetzeskraft zu verschaffen. Die offizielle Publikation des Gesetzes erfolgt in den nächsten Tagen. Die Inden in Finnland haben also nunmehr das unbeschränkte 'Niederlassungsrecht sowie das Recht znm Ankäufe von Immobilien in den Städten und von Grund und Boden auf dem flachen Lande und sind in der Wahl ihres Erwerbes durch nichts beschränkt. Ferner hat der sinnlemdische Senat gleichzeitig Mischehen zivischen Juden und Ehristen für zulässig erklärt. — Rach einem Rundschreiben, welches der Minister der Bolksansklärung neulich erlassen hat, werden im Südwestgebiet diejenigen Juden, welche ihre Glaubensgenossen ohne oorigkeitliche Erlaubnis in der Religion und im Hebräischen unterrichten zur Verantwortung gezogen'werden. Falls sie jedoch auch in anderen Lehrgegenständen unterrichten, so werden sie noch aus Grund eines a'n 3. April 1892 erlassenen Gesetzes zur Verantwortung gezogen. — So lautet eine halbamtliche Notiz in einem offiziösen Blatte. * Ein alter Zopf soll jetzt in Griechenland abgeschnitten werden, wenigstens wünschen dies die Lichtfrennde. Das Blatt „Asip" in A t h e n veröffentlichte am letzten Eharfreitag einen Artikel in dem es die Geistlichkeit beschwor, den schon seit Jahrhunderten in Griechenland bestehenden abscheulichen Gebrauch in der Eharwoche, das Bild eines Juden, welches den Verräter Judas darstellen soll, zu verbrennen, nun für iunner abstellen zu wollen, da dieses Vorgehen nur zum Hasse und Verachtung gegen die Inden ansreize, die heute ansrichtige und zu allen Opfern bereitwillige griechische Patrioten sind. In Korfu ist zwar dieser Gebrauch gänzlich unbekannt, aber in anderen griechischen Städten, so in Patras, Athen und Ghalkis auf der Insel Enboea, wo gleichfalls Juden wohnen - in letzterem Städtchen existiert sogar eine uralte Gemeinde griechischer Juden — wird dieser Gebrauch noch heute eingehalten, und gab er schon oft Anlaß zu Allsschreitugen gegen die Juden. * Argentinisches. Unter dem 16. Mai schreibt die La Plata-Post in Bnen os-Ayres: „Aus den jüdischen Kolonien sind uns Klagen zugekommen, daß den Kolonisten die ihnen in Rußland vor ihrem Abgänge vom Herrn General v. Feinberg namens der Gesellschaft gemachten Versprechungen hier nicht gehalten werden. Dies bezieht sich in erster Linie ans die Verträge, welche das gegenseitige Rechtsverhältnis settsetzen sollen; diese Verträge seien den jüdischen Kolonisten bisher noch immer nicht eingehündigt worden, und dieselben wissen also nicht, lvelche Rechte unb Pflichten ihnen anS der Bearbeitung des Koloniebodens erwachsen. Sie wissen nicht, ob sie Pächter oder Tagelöhner sind, oder ob der von ihneil bearbeitete Grund und Boden einmal in ihr Eigentuul übergehen wird, und unter welchen Bedingungen. Wir wissen nicht, ob und wie weit die Klagen der jüdischen Kolonisten gerechtfertigt sind, wissen jedoch, daß im Falle die Verträge wirklich noch nicht übergeben worden sein sollten, dies von der Direktioil der Gesellschaft sobald als.möglich veranlaßt werden inuß, beim durch Feststellung der Rechtsverhältnisse, welche die Grundlage jeder Arbeit sind, können nur beide Teile gewinnen. Wir sehen von einer Veröffentlichung des Wortlautes der Beschwerde der Kolonisten ab, erstens weil wir der Ansicht sind, daß dieselbe keinen Vorteil bringen würde, zweitens wegen ihrer Form und drittens, weil die jüdische Kolonisations-Gesellschaft ein Privatunternehmen ist, welches zu kontrollieren sehr fraglich erscheint." — Aber eine Aufklärung wenigstens durch die jüdische Zeitschristenpresse ist sicherlich allen sehr erwünscht. — .Am 27. v. M. schiffte der Vertreter des 'Norddeutschen Lloyd in Li bau (Kurland) ans dem geräumigen Dampfer „Ansgar" wieder gegen 500 Israeliten ans dem Gouvernement Grodno ein, welche ihren vielen bereits ausgewanderten Glaubensgenossen nach Argentinien^nachsolgen wollen. Die Abfahrt dev festlich geschmückten Lchiffeü gestaltete sich wieder sehr erschütternd und ging vor den Augen eines massenhaft ans dem Ouai versammelten Publikums von statten. Kurz vor der Abfahrt des Schiffes hielt der Agent des Baron Hirsch eine Ansprache an die Scheidenden, ihnen eine glückliche Reise wünschend und auch eine Glückwunsch - Depesche des Baron Ginzburg in Petersburg, des Präses des Zentral Komites für die Hebräer-Auswanderung, verlesend. - Der Dampfer „Ansgar" bringt die Ans wunderer bis Bremen, wo er unmittelbar an Bord des für die Weiterfahrt nach Buenos-AyreS bestimmten LloydSalondampsers „Mark" anlegt. Die nächste Auswanderer-Beförderung nach Argentinien ist der Pfingstfeiertage wegen ausgeschoben und soll in Monatsfrist stattfinden. — Dieser Bericht macht den obigen noch unverständlicher. Gemeinde, Synagoge und Schule. * Berliner Nachrichten. Ni an schreibt uns: In dem Leitartikel der letzten Nummer eines hiesigen Blattes wird die llngenügfamkeit der sogenannten Konservativen in

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