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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 400

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 400 (sequence 12)
Language
German
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Seite 400 J1 c f u r u n. Kr. 25. Britschka, abends nach Hause kommend. „Weißt Tn, was ich Tir ans der Stadt mitgebracht habe?" — „Und was?" ließ sich eine Soprastimme hören, „vielleicht die letzte Nummer der „Roinanwochenschrist?" — Herr Molicki lachte herzlich aus und stellte seiner Frau Klara vor. Frau Bronislawa, in einer fürs Land mehr als hinreichenden "Toilette, begrüßte die Gouvernante mit einem Seuszer und einer englischen Umarmung. „Seien Sie mir willkommen", ries sie etwas ausgeblasen. In den solgenden Tagen orientierte sich Klara \n ihrer neuen Umgebung, observierte alle und alles ausmerksam und kam zu dem Schlüsse, daß der Herr Molicki ein sehr rechtschaffener, wenn auch alltäglicher Mensch sei, die Frau Bronislawa edel, aber übertrieben in ihren Gefühläußerungen, und Life, ein liebes und ausgewecktes Kind. Und sie ging an die Arbeit. Sie mußte so quasi von der Fibel beginnen, denn Lise konnte nichts mehr als Französisch plappern und Polnisch lesen. Tie Frau Bronislawa atmete, sich dieser Bürde entledigend, freier aus, sie hatte nun genügende Muße, ihren Idealismus zu kultivieren. Ganze Tage saß sie über Bücher und Zeitungen, schrieb sentimentale Berse und Poemata von furchtbarem Inhalte und großer Länge, ihren schönen Körper fütterte sie mit den von Magda bereiteten Speisen. Tie Lebensweise in Parowce bildete einen grellen Kontrast zu der in Ianowka. In der zweiten Woche ihres Aufenthaltes war Klara mit ihrer Brotgeberin aut vertrautem Fuße, in der dritten nannten sie sich beim Bornamen und in der vierten gab Frau Bronislawa der Gouvernante, ihre .HlkstnoirsrW zu lesen. Klara verhielt sich passiv, vorsichtig, Frau Bronislawa war redselig und aufdringlich. „Hier ist die Welt mit Brettern verschlagen", sagte sie, „es ist niemand da, der ureinen höhern Geistesslug, die Stinuue meines Herzens verstände. Tie Prosa des Lebens giebt mir den letzten Stoß." Frau Bronislawa war eine üppige Blondine. „Du, Helenchen, wirst mich verstehen, Tu wirst mit einem. Wesen Mitleid haben, welches zu etwas Höherem erschaffen, im Käsig verwelken muß." An die Erfüllung der Pflichten, an eine Arbeit bei ihrem Kinde usw. dachte dieses höhere Wesen nicht. Sie wollte lieber ächzen und sich mit Romanen und mit, allerdings vorzüglich geschmorten, Hennen mästen. Herr Molicki war mit diesen Berhältnisse sehr zufrieden. Er sah, daß Lise viel lernte, daß auch Bronislawa dabei profitierte; was konnte für ihn erwünschter sein. Sonntag sehnte sich Klara, in die Kirche zu gehen. Sie verspürte immer das Bedürfnis nach Gebet, obwohl sie nicht mehr die äußere Form und die religiösen Merkmale streng beobachtete. Ihr freier Geist hatte sich halb dieses Ballastes entledigt, allein das wunde Herz luchte immer im Gebete Linderung und Ruhe. Aber aus ihre Proposition entschuldigte sich der Herr Molicki mit Mangel an Zeit und Frau Bronislawa mit Migräne. Sie ging also allein, Nach der Messe hörte sie eine vorzügliche Predigt, welche ein junger Bikar mit Begeisterung und mit inneren! Tnrchdrungensein über Enthaltsamkeit, Sittenreinheit und Moralität hielt . . Und Nachmittag hörte sie wie Herr Molicki zu Raftali, dem dortigen Pächter, seiner Gewohnheit gemäß in jüdischem Jargon sagte: „Hört, das wird so sein. Ich habe wieder gar kein Geld — und den Arbeitern muß man zahlen. Bon heute an werde ich also den Bauern an Dich Zettel geben, Du wirst sie von jedem einlösen, Tir einen entsprechenden Prozentsatz in Abzug bringend, und etwas wirst Du Dir auch mit Branntwein oder auf eine andere Weise aushelsen. Tu wirst der Hofkassier sein. Tu wirst dabei doppelt profitieren, denn Tu wirst mehr Schnaps absetzen, und das für die Zettel ausgezahlte Geld wirst Du Tir bald vom Mietszins abziehen. Berstehst Tu? Also abgemacht!" Klara hörte dies und empörte sich. Sie dachte sich: „In diesem -Falle macht nicht der Jude die Bauern zu Säufern, nicht er beutet sie aus, sondern der Herr, welcher dem Pächter die Möglichkeit und die Gelegenheit bietet, sie zu demoralisieren und zu kürzenllnd die Worte des Chorals kamen ihr in Erinnerung: „C, nicht das blinde Schwert strafe, sondern die Hand." Am Abend desselben Tages ging Frau Bronislawa ins Wäldchen spazieren. Seit einer gewissen Zeit ereignete sich dies oft. Jetzt bemerkte bic§ der Herr Molicki. „Aber nm Gottes willen, wie kannst Tu nur allein in den Wald gehen? Nimm wenigstens jemanden mit!" Nach eine... tiartnäckigen Sträuben, lud Frau Bronislawa auch „Helenchen" ein. Schweigend traten sie den Weg an. Frau Bronislawa war unruhig uud zitterte. Endlich begann sie mit abgebrochener Stimme ein Langes und Breites zu sprechen, wovon Klara nur die Worte verstand: „Wundere Dich nicht dessen, was Tu bald erblicken wirst. Eine gegenseitige unbesiegbare Herzensneigung. Mein höherer Geistesflug fühlt sich iu dieser prosaischen Sphäre eingeengt, er muß sich Freiheit suchen und alle Borurteile und Konvenienzen brechen." Im Försterhause erwartete die Frau Brouislaiva mit offenen Armen derselbe „heiße Bikar", der des Morgens Klara mit seiner Predigt erbaut hatte .... Tags daraus hatte Frau Bronislawa heftige Migräne und Klara dankte zn Molicki'S größter Verzweiflung für die Stelle und verlangte Pferde zur Bahnstation. XYJ1I. Bon hier begab sie sich direkt nach Lemberg. Dbwohl sie in dieser Stadt einige Jahre zugebracht hatte, kannte sie dieselbe doch sehr wenig. Sie hatte dort nahe Anerwandte, Kolleginnen und herzliche Freundinnen, sie beschloß aber ein Jncognito zu beobachten, tun sich nicht unangenehmen Begegnungen auszusetzen. Aus der Ferne sah sie einigemal ihre alten Bekanntschaften, junge, lustige, blühende, gedankenlose Mädchen, aber sie wich ihnen aus. Und es war ihr leid um ihre Jugend, welche sie damit vergeudete, Beschäftigung aufzusnchen, während sie jetzt das Leben genießen könnte. Aber um welchen Preis? Dieser Preis war jetzt kleiner als vor einem halben Jahre. In Lemberg stieg sie in einem Hotel dritten Ranges ab und begab sich sofort ins Bermittlungs-Bureau des Herrn X., mit der Bitte, ihr einen passenden Posten zu verschaffen. Das Schicksal war ihr hold, Nach kurzen Formalitäten reiste sie nach Pagorki, um dort eine Stelle beim Gutsbesitzer Dabrowiccki zu übernehmen. Herr Dabrowiecki, ein alter Edelmann mit buschigem Schnurrbart und einnehmendem Gesichte, empfing die Lehrerin sehr freundlich. Höflich, obwohl etwas derb in seinem Benehmen, das lange Pfeifenrohr nicht ans dem Munde lastend, stellte er sie seiner Tochter, einer nicht mehr jungen Witive vor, welche in Pagorki die Wirtschaft versah, denn ihr Vater war auch eine „Waise", d. h. ein Witwer. Und Klara begann unverzüglich den Kursus mit der achtjährigen Wanda. Gewöhnlich unterrichtete sie 4—5 Stunden täglich, denn mehr erlaubte „Großväterchen" nicht. „Und das ist noch zu viel", sagte

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