Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- Seite 399 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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'Jtr. 25. 3 c f rf) u t u n. Seile 399 ^icbtcnfU’rn eingetragen worden war. Dann drückte er dem Kanzlisten noch einen Zwanziger in die Hand, denn er wnßte sehr gut, das; die Zwanzig Dukaten nicht für ihn bestimmt waren, und begab sich mit einer für einen jüdischen Aristokraten fast nnanständigen Eile nach Hans. Seine 5-ran und minder eilten ihm entgegen. „Also was hast Du bekommen für einen '.Kamen?" rief die. Erstere. „Liciitensiern", erwiderte Meilech. er strahlte in diesem Augenblick nicht etwa wie ein Stern, sondern wie die Sonne selbst. — „Habt 3hr gehört minder? Wir sollen jetzt heißen Lichtenstern," sprach die reiche Kausmannssrau stolz. — Meilech seufzte; er dachte an die zwanzig Dukaten, er dachte aber auch an das Kriminal und schwieg. — ■}nr selben Zeit sah ei» anderer Jude, der arme, gute, ängstliche Absalon mit den Seme» in dem kleinen, ganz kleinen Laden, in oem ein halbwegs großer Mann nicht aufzustehen uermochte und in den die Sonne nur täglich einmal schüchtern durch ein 'Kitzchen hereinblickte und einen goldenen Strich über die Diele zog, nicht breiter als ein Singer und nicht länger als eine Elle, mit der Absalon den Bauernweibern die bunten Stoffe vormast, und es ist nicht zu leugnen, daß diese Elle eigentlich ein wenig zu kurz war. Kein Mensch wäre imstande gewesen, zu sagen, was dieser Absalon wirklich war, denn es gab wohl nichts, was er nicht kaufte und wieder verkaufte. In feinem kleinen Laden war eine kleine Welt aller erdenklichen Dinge versammelt, es war wohl alles ein bischen schadhaft, ein bischen alt und ein bischen schäbig, aber dafür war auch jede Ware preiswürdig, unter Brüdern sogar, denn der arme Absalon begnügte sich mit einem kleinen verschwindenden Gewinn. Es gab da Stiefel, die geflickt waren, und alte verrostetete Schlösser, aber es gab auch goldene Uhren, wenn sie auch den Fehler hatten, jede Stunde oder gar jede Viertelstunde einmal stehen zu bleiben, und es gab auch seidene Roben, die nur ganz wenig von den Mäusen angesressen waren. Mitten unter diesen Schätzen saß Absalon mit seiner Frau Rachel, seinen Töchtern Rebekka und Esther, seinem Sohne Iossel und noch drei kleineren Kindern, und alle strengten sich furchtbar an, einen R'amen zu finden, der alle andern in der Kreisstadt, ja wenn möglich, in ganz Israel übertrcsseu sollte. Sie fanden keinen, der ihnen allen gleich sehr gefallen hätte. Rachel z. Bmachte schüchtern den Vorschlag, den Namen Gottwelt zu wählen, aber Absalon schüttelte bedenklich das Haupt. „Alan soll den Namen Gottes nicht eitel nennen", sagte er, „und wenn ich mich Gottwelt nenne, heißt das nicht die Leute in Versuchung führen?" — „Goldmann", ries Esterka, das wäre ein herrlicher '.Kante, Date leben" — .,Wie sollen wir heißen Goldmann," wendete Mutter Rachel ein, „wenn wir sind so arm, daß wir kaum haben uns satt zu essen. Müßten wir nicht werden zum Gespötte der Leute?" — Absalon sagte nach langem Nachsinnen, plötzlich mit einem seinen Lächeln: „Was lagst Du aber, wenn ich Lilienthal heißen will, Rachel?" — „Aber Tateleben", rief Iossel lachend, „thu doch einmal ein bischen riechen, riecht es etwa nach Lilien hier? Die Leute, sie werden sagen, hätt' er sich doch lieber Zwiebelthal genannt." Sie berieten weiter bis zum Essen, sie berieten während des Essens und nach dem Essen. Sie fanden keinen 'R'amen, der ihnen schön und passend genug erschienen wäre, endlich ging Absalon seufzend seinen Geschäften nach. Unterwegs, wenn er bei irgend einer Köchin ein Hasenfell verhandelte oder ans der Straße ein verlorenes Hufeisen auslas — stets war er nur von dem Gedanken beseelt, einen guten Namen zu finden. Er stand eben bei einem Bauer und feilschte mit diesem um ein halbes Dutzend Schweinsblasen, als ihm seine ganze Familie, Frau und Kinder, nachgelausen kam. — „Tate", ries Rebekka von weitem schon, „jetzt haben wir einen Namen, einen besseren kannst du nicht finden." — „Also sprich", murmelte Absalon erwartungsvoll. — „Löwenmut mußt Du heißen." - Absolon zog die Achseln und lächelte. „Bin ich mutig?" sprach er, „kann ich doch keine Fliege umbringen, bin ich ein Löwe?" Und wie er so dastand in seinem verblaßten bouteillengrüneu Kaftan und dem niederen, runden, schäbigen Filzhut, den Schmachtlöckchen an den Schläfen und dem fuchsigen Bart, klein, mager, mit einwärts gebogenen Knieen, sah er wahrhaftig keinem Löwen gleich. „Wenn ich heiße Löwenmut, wird jeder Mensch glauben, daß ich bin ein Simson, und werden mich so lange prügeln, bis sie wissen werden, daß ich ein Schaf bin und kein Löwe." — Betrübt schlich Rachel, schlichen die Kinder nach Hause, sie brüteten den ganzen Abend und gingen zur Ruhe, ohne einen 'Namen gesunden zu haben. Mitten in der Nacht schrie plötzlich Rachel aus dem Schlafe: „Absalon, weißt Du, wie Du wirst heißen? Atlas wirft Du heißen!" — „ A tlas ", wiederholte Absalon, indem er sich auf die andere Seite drehte. „Atlas wäre nicht übel, aber laß mich schlafen jetzt:" (Schluß folgt.) Entgleist! Eine galizische Erzählung von Wilhelm Fcldmu n. (Iorsictzuiig). Nachdruck verboten. Frau Brouislawa war keine alltägliche Erscheinung. Einer hohen Familie entstammend, erhielt sie eine noch höhere Erziehung und hatte die höchsten Prätensionen. Ans drei .Gründen trug sie Gott einen Groll nach: erstens weil er sie überhaupt erschaffen hatte, zweitens weil sich die Verhältnisse so gestalteten, daß sie „solch einen Molicki" heiraten mußte, drittens weil die Welt so verdreht, prosaisch, oder richtiger, materialistisch ist. Im übrigen war sie noch jetzt eine recht hübsche Frau, in der französischen und polnischen Belletristik belesen, und alle Zellen ihres Körpers waren mit Ideen und Idealen verschiedenen Kalibers angefüllt. Damit blendete und unterwarf sie sich Molicki, der ein allergewöhnlichster simplex clei servns war, sich erträglich unterschreiben konnte, sonst aber auch nichts mehr! Er war nur der polnischen Sprache nnd des jüdischen Jargons mächtig, im Verkehre mit der amtlichen Intelligenz hatte er sich einige „höhere" Redewendungen und seine Ausdrücke angeeignet und damit war seine Bildung zu Ende. So wie der galizische Ehoßid es als Glück betrachtet, die lleberrestc aus der Schüssel des Zaddik verzehren zu können, so war er ans den Besitz der gräflichen Frau stolz. Er liebte und ehrte sie, gab nichts ans die Klatschereien, die ihm übrigens nur selten zu Ohren kamen, da er nirgendwo hinkam und selten jemanden empfing und — vollzog sein Lebelang die Befehle des Grasen und seiner Frau. Seine Ehrenhaftigkeit war makellos, die Gutmütigkeit nicht fingiert, und all diese Eigenschaften zusammengenommen kamen der Durchtriebenheit der Frau Gemahlin und den „versprechenden Hoffnungen" der Tochter Elise nicht gleich. In dieses Haus kam Klara.' „Bronia, mein Herz, Bronia meine Seele", rief Herr Molicki schon aus " der