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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 398

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 398 (sequence 10)
Language
German
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a Seite 398. =? e f urun. '.Nr. 25. mt sitz >" 5' Tf - Zu derselben Stunde waren die Beamten des Kreisamtes an ihren großen, mit kleinen Sänlengeländern versehenen Schreibtischen erschienen und besprachen das Ereignis, das wie ein senriger Stein vom Himmel unter sie gesallen war. Plötzlich trat die Gemahlin des Kreishauptmanns Grobacher in langer Schleppe, spitzenbesetzter Nacbljacke und Haube herein. Die kleine üppige Frau strahlte vor Vergnügen und in ihren Augen funkelte eine fast unheimliche Befriedigung. „Ich habe eine unschätzbare Idee," begann sie mit jener Würde, durch die sie nicht allein den untergebenen Beamten, sondern dem ganzen Kreise zu imponieren verstand. „Der Wille Seiner Majestät soll ersüllt werden, aber in einer Weile, welche uns allen Vorteil bringt. Der gute Kaiser hat verfügt, daß die Juden ^iaineu bekommen sollen, aber er hat nicht gesagt, was für Namen ihnen gegeben werden sollen, tind ich finde in dem Reskript keine Stelle, welche es den Juden gestatten sollte, steh 'Namen zu wählen." Sie blickte erhaben um siel), wie Napoleon vor einer Schlacht. — „Richtig," sagte der Kreishauptmann, indem er bedächtig aus seiner goldenen Tabatisre eine Prise Spaniol nahm, „vollkonnnen richtig, aber ich sehe nicht ein, was daraus folgen sollte." — Frau Grobacher lächelte mitleidig. „Ich müßte unsere Juden nicht kennen," fuhr sie fort, „oder jeder von ihnen wird sich ans das eisrigste bemühen, einen möglichst schönen Namen zu erlangen" — „Gewiß," versetzte der Kreishauptmann, „und wir werden ihnen also in Gottesnamen möglichst schöne Namen geben." — „Aber nicht umsonst," ries Frau Grobacher, „sie müssen ihre Namen gut und bar bezahlen." — „Was für ein Gedanke!" ries der Kreiskommissar Steineck, indem er sich fröhlich die Hände rieb, „die Gnädige sind in der Thal ein ersinderisches Genie." Der windschiefe halbblinde Kanzlist begnügte sich, ein Kompliment zu machen und unter seinem grünen Augenschirm verständnisinnig hervorzulücheln, während der Kreishauptmann ängstliche Blicke um sich warf, und nachdem er heftig geschnupft hatte, ausrief: „Und das sagst Du hier so ruhig, hier im kaiserlichen Amte vor den Herren Beamten? Du vergißt, welche Pflichten die Ehre des Dienstes —" — „Papperlapapp," ries die resolute Dame, „die Dienstehre verlangt, daß das Reskript Seiner Majestät pünktlich ausgeführt wird, und sie verlangt auch, daß die Herren Beamten an den V.wteilen, die wir damit verbinden, partizipieren." — „Run, wir werden ja sehen," versetzte der Kreishauptmann heftig schnupfend, während sich die anderen Beamten vor seiner Gemahlin dankbar verneigten. — So stolz übrigens Frau Grobacher aus ihre Idee war, so entsprang dieselbe doch nicht ihrem Kopfe allein; allerorten waren die Beamten sofort einig, aus dem kaiserlichen Reskripte ein gntes Geschäft, eine lukrative Einnahmeguelle zu machen. Und so geschah es auch. Die Juden begriffen, an derlei Dinge gewöhnt, die Prozedur auf der Stelle und alles ging glatt ab. Wer brillant zahlte, bekam einen brillanten Flamen, wer gut zahlte, einen guten, wer bescheiden zahlte, einen bescheidenen, und wer nichts zu zahlen imstande war, einen recht gewöhnlichen, wobei die Beamten nicht selten ihrem Humor die Zügel schießen ließen. Damals errangen reiche Juden jene herrlichen Namen wie Reichenfeld, Goldreich, Mondbach, Löwenstamm, Diamant, Hermelin, Rubinfeuer. Wohlhabende mußten sich mit Bezeichnungen wie Scharmant, Nußbaum, Dukat, Perlmutter begnügen; gegen geringe Summen wurde gewöhnlich die Geographie und das gemeine Leben zu Hilfe genommen. Stammte einer aus Wien, wurde er Wiener genannt, war sein Großvater aus Warschau eingewandert, hieß er Warschauer. Andere wurden als Regen, Feuerstein, Tabak eingetragen, später nahm man Vatersnamen zn Hilfe und es entstanden die Aschersohn, Salomonsohn, Davidsohn, Ioelsohn und so weiter. Die Armen wurden zu Essig, Pfeffer, Ameisen, Haberkorn, Kahlkopf und anderen mehr oder minder glanzlosen Rauten verdammt. - Der erste, welcher im Kreisamte erschien, war der reiche Kaufmann Meilech, er erschien in seinem vollen Sabbatstaate, dem schwarzen mit Marderpelz besetzten seidenen Dalar und der hohen Sabbatmütze atts Marder, verneigte sich verlegen und lächelte. — „Was wünschen Sie?" fragte der Kreiskommissar. — „Was ich wünsche," begann der Kaufmann, „wie soll ich mich unterstehen, etwas zu wünschen, Herr Kreiskommissar, ich bin nur da, einen Namen zu erhalten, und da ich schon haben soll einen Namen, so bitte ich unterthänigst um einen schönen Namen." — Der .^reiskommissar winkte dem Kanzlisten mit den Augen und begann eine Feder zu spitzen. — „Das ist nicht so leicht," ließ sich der Kanzlist Krummholz vernehmen, „wir haben da ein Verzeichnis, und es geht der Reihe nach." Er nahm ein Heft zur Hand, legte seine Nasenspitze in dasselbe und sagte endlich: „Sie bekommen den 'Namen Schöps, Herr Meilech." — „Schöps!" jaminerte der reiche Kaufmann, „was für ein Name! Warum soll ich heißen Schöps? Die teilte werden zeigen mit den Fingern auf den reichen Meilech, wenn er kann nicht bekommen einen besseren Namen als Schöps, das ist ja ein Tier und kein Mensch." — „Es ließe sich schon ettvas machen," nturmelte der Kanzlist, „aber man müßte die Verordnung beiseite setzen und dann giebt es auch viele Schreibereien —" — „Ich will gerne geben, was Sie wollen für die Mühe," rief der reiche Jude. — „Gut," sagte Zer Kanzlist, „vor allem müssen Sie zahlen, dann müssen oie aber auch schweigen, Herr Meilech, sonst könnte ich mein Amt verlieren und Sie kämen in das Kriminal." — „Verstehe, Herr Krummholz, verstehe," antwortete Meilech und faltete die Hände andächtig über feinem runden statt lichen Bauche — „also was soll ich etwa bezahlen für einen sehr schönen 'Rauten?" — „Wenn sie zwanzig Dukaten bezahlen, können sie sich sogar einen aus suchen." — Meilech seufzte, zog seine Börse, zählte zwanzig Dukaten auf und flüsterte: „Nun bitte ich aber um den schönsten Namen, den Sie haben mit lager." — Ter Kanzlist richtete sich auf, nahm eine erhabene Miene an und begann: „Herr Meilich, haben sie schon einmal in einer schönen Nacht das Himmelsgewölbe betrachtet? Kann es etwas schöneres geben als die Sternenwelt?" — „Soll ich Stern heißen?" murmelte Meilech, „das wäre ja schön, aber finden Sie nicht, daß der 'Name etwas kurz ist für zwanzig Dukaten?" — „Gewiß", entgegnete Krummholz, „aber es giebt verschiedene Sterne, Herr Meilech, große und kleine, solche die stark leuchten und solche, die nur schwach leuchten." — „Also geben Sie unreinen Stern der sehr groß ist und sehr stark leuchtet." — „Wissen Sie was", sprach der Kanzlist nach einigem Nachdenken, „nennen Sie sich Lichtenstern, das erinnert an Lichtenstein, Fürst lichtenstein." - „Was für ein prächtiger Mensch, der Herr Kanzlist," sagte Meilech schmunzelnd, „Lichtenstern, das ist wirklich schön, das muß ich sagen. Schreiben Sie also lichtenstern, Herr Kanzlist." — Meilech blieb stehen und blickte ängstlich über seine Schulter in das Protokoll, bis er sich überzeugt hatte, daß er wirklich als Meilech ,: . : >• H :ii

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