Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- Seite 397 (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 25. 3 c i tß u r u n. Seile 397. 3i'it habe ballen können. Ein solcher idealer Staat, meint Renan, sei in der greifbaren Wirklichkeit unmöglich. Renan war ein geistvoller und glänzender Historiker, in diesem Falle aber besindet er sich in einem dovpelten Irrtume. Der jüdische Staat hat ein längeres Leben gehabt als die meisten anderen Staaten, und — die schönen (besetze, von denen die Bibel zu erzählen weiß, der ganze Weltverbesserungsplan, wie Heine sagte, waren nur der fromme Wunsch ideal gesinnter Männer, die einen Jdealstaat schassen wollten, der aber ebensowenig verwirklicht wurde, ivie etwa Platon's Idealsrepublik. Dennoch darf man über beide nicht spotten. Jedenfalls wurde der Gedanke angeregt, daß die beitehenden Verhältnisse, soweit ne mangelhaft sind, einer Verbesserung lmterworsen werden müßten, tmb soweit es in der Ratur der menschlichen Gesellschaft gelegen ist, wurde auch viel reformiert. Deshalb, weil nicht alles praktisch durchführbar in, dürfen wir noch keinesivegS alles für verderblich halten, was von derartigen Bestrebungen laut wird. Manches ist zu unserer Zeit undurchführbar oder gar unmöglich; aber kein Sandkörnchen geht verloren aus dem Boden der Geschichte. Es kommt eine andere Zeit, und unter anderen Verhältnissen werden die in früheren Zeiten verworfenen oder für unmöglich gehaltenen Ideen verwirklicht. Wir und aber den Männern, zu Dank verpflichtet, die sich von ihren Zeitgenossen verspotten oder gar verfolgen ließen, weil sie die Mängel der Zeit erkannt und bie Verbesserung aller jener Mängel augestrebt haben. Jene aufopseruugsvoUen Männer gleichen, nach einem tiefsinnigen Wort eines Philosophen, dem Lichte, welches sich selbst anszehrt, um andern zu leuchten. Und so wenig die Goldköruer an Wert verlieren, weil sie erst von vielen Erzen und anderen Bestandteilen befreit werden tnüssen, so wenig verlieren jene WeltverbesseritngSpläne an Wert, weil die brauchbaren Ideen mit vielen unmöglichen und verderblichen vermengt sind. Es wurde bereits von vielen daraus hingewiesen, wie wenig ein großer Teil des Ehristentums mit den praktischen Anforderungen im Staatsleben in Einklang zu bringen fei, daß überhaupt kein Staat möglich wäre, wollte man die chrinlichen Lehren in allen Einzelnheiten verwirklichen und in dem praktischen Leben verwerten. Aber auch hier gilt, was wir vom alttestamentarischen Jdealstaate angedeutet haben: das Wesen eines Idealstaates besteht eben darin, daß es nicht in allen seinen Einzelnheiten verwirklicht werden kann. Das Ehriftentnnt stellt sehr hohe Anforderungen in Bezug auf die Heiligkeit des Ehelebens, wie sie in der That damals in Galiläa unter jenen Kreisen, unter dem armen, aber sittlich hochstehenden Fischer- und Handwerkervolk, mit der größten Skrupulosität beobachtet ilnd geübt worden ist. Unsere heutigen Zustände ließen manches Strenge nicht ansrecht erhalten; so mußte unter anderem die Ehescheidung von den meisten Kulturvölkern eingesührt werden. Allein das beweist noch iinmer nicht, daß die Gedanken über die Ehe und deren Heiligkeit, die aus palästinaesischem Boden entstanden sind, keine höchst bewunderungswürdigen wären, und daß es nicht gut wäre, wenigstens zum Teil auch iin modernen Leben solche Gesinnung zu bethätigen, soweit es überhaupt mit der menschlichen Ratur zu vereinigen ist. — Wir bewilligen Jahr ütis Jahr ein ungeheure Summen für das Heer, und ganz Europa starrt von Waffen; wir haben alle' Achtung vor dem Militärstand und bewundern die Dpferwilligkeit und die Tapferkeit unserer Vaterlandsverteidiger, weil unter der herrschenden Kultur der Krieg noch unvermeidlich zu sein scheint. Aber alle Sympathie für die tapferen Krieger kann nicht den Wert der hohen Ideale verkleinern, die zuerst durch gottbegeisterte Männer ausgesprochen worden sind, daß eine Zeit kommen werde, in der „das Lamm mit dem Wolf zusammen grasen", „Volk gegen Volk nicht utehr das Schwert erheben und der Krieg nicht mehr geübt würde." Trotz der ungeheuren Rüstungen überkommt doch die Menschheit ein Jammer über alles Elend, das ein Krieg heraufbes.chwören muß. Kriege werden auch nicht mehr so leicht vom Zaun gebrochen, wie in der barbarischen Zeit, und werden auch.nicht mehr so unmenschlich geführt, wie zuvor. Die Rörgler von früher, die Schwärmer und Weltverbesserer, über die man damals gespottet, oder die man gesteinigt hat, haben doch im Lause der Zeit gewirkt und den Keim für edle Früchte der kommenden Zeiten gelegt. 'Rur in einer Beziehung können Idealisten Unheil und Verderben stiften, ivenn sie nämlich staatliche Autorität erlangen und ihre Theorien, so unreif und einseitig sie auch sein mögen, mitttelS der Staatsgewalt verwirklichen wollen. Taine hat recht, wenn er in diesem Umstand alle Greuel der französischen Revolution begründet findet, daß trotz der großen Summe von huinanen und edlen Bestrebungen die französische Revolution in Blut erstickt werden konnte, um einer bleiernen Tyrannei Platz zu machen. Die Idee soll nur durch die Macht der Wahrheit und durch die ihr innewohnende moralische Kraft wirken. Von Staatswegen darf sie weder ein Hindernis, noch eine Unterstützung erfahren. Es muß ihr freistehn Anhänger zu werben, so weit sich dies mit der Sicherheit der Gesamtheit verträgt: aber sie darf niemandem ausgedräugt werden. Beide Extreme die gewaltsame Unterdrückung wie die gewaltsame Propagierung, sind, vom Uebel. 6. 0. Feuilleton. Der Han-tl inn dm lli»»m. V o ii Sacher- M a s och. Das war ein Trauertag in Israel und ein unerhörter Tumult in der Iudengasse der galizischen Kreisstadt, als der Erlaß des Kaisers Joses II. bekannt wurde, durch den die Juden gezwungen wurden, fortan Familiennamen zu führen. Wie bei einer Feuersgefahr waren alle die schlichten, guten, ängstlichen Menschen, welche in den engen hölzernen Häusern über- und nebeneinander wohnten, nicht selten zwei und drei Familien in einem Zimmer, nur durch hölzerne Verschlüge getrennt, zusammengelaufen und standen nun in dichten Haufen, indem sie laut schrieen und heftig gestikulierten, wie es nun einmal jüdischer Brauch ist. Nachdem man sich unter Seufzen und Wehklagen dahin geeinigt hatte, sich dem Willen des Monarchen zu fügen, erwachte sofort der auch in den bescheidenen und verschlossensten Kaftans wohnende Trieb nach Ehre und äußerem Glanz, und so und so viel von Streimels (kolpakartigen Pelzmützen) oder ^tirndindcn und seidenen Scheiteln bedeckte Köpfe begannen möglichst schönen und dem Ohre schmeichelnden Namen nachzusinnen. *) Aiis des Heimgegangenen Verfassers „Nene Indengeschichten". Leipzig, E. L. Morgenstern.