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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 396 (sequence 8)
Language
German
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.. « I Seite 396. Jefchurun. Nr. 25. schriftliche Denkmäler haben. Pessimisten im höheren Sinne des Wortes gab es sowohl unter den Indern, dem ältesten arischen Kulturvolk, wie unter den biblischen Schriftstellern, unter denen Renan mit Recht einen findet, dessen pessimistischen Epikureismus er als den Vorläufer des Weltschmerz-Philosophen bezeichnet, der an der gutbedienten WirtStafel eines seinen Frankfurter Gasthauses feine Stätte gefunden. Reu mag wohl das Wort fein, die Sache ist es nicht. Die Unzufriedenheit, die bei dem einen mehr und bei dem andern weniger zum Ausdruck gelangt, ist von der menschlichen Natnr unzertrennlich; manchem wird vielleicht die Anekdote von jenem persischen Weisen in Erinnerung kommen, der versprochen hatte, eine schöne Fürstin, deren Tod ihr Gemahl nicht verschmerzen konnte, wieder in's Leben zu rufen, wenn es gelänge, sich mit denr Heinde eines Menschen zu bekleiden, der nie im Leben unzufrieden gewesen fei. Rach langem Suchen wurde ein solcher endlich in der Person eines armen Hirten gefunden — doch der hatte kein Hemd. Soweit der Pessimismus sich nur negativ verhält, d. h. so lange er sich damit begnügt, über die Welt als die „Eitelkeit der Eitelkeiten" den Stab zu brechen, soll man niemanden in seinem Vergnügen stören.. Heinrich Heine hat mit Recht in den zwei biblischen Büchern, die sich mit dem Pessimismus beschäftigen, einen hohen ethischen Wert gesunden. In der großen „Hausapotheke der Menschheit", — wie er das Buch der Bücher nennt, durste auch die Medizin nicht fehlen, welche dadurch heilsam wirkt, daß sie den Schmerz austoben linb ausweinen läßt. Es bietet manchem Unzufriedenen einen hohen Genuß, manches Mal auch Trost, wenn er in irgend einem Buche seine Gedanken und Ansichten von dem Wert des Lebens bestätigt findet, und er fühlt sich nicht mehr so unglücklich, wenn er weiß, daß es schon vor ihm Menschen gegeben, die ebenfalls von der 'Richtigkeit des menschlichen Daseins und von der Unzulänglichkeit der Schöpfung überzeugt waren, mag diese Ueberzeugung eine richtige sein oder nicht. Anders aber wird die Sache, wenn der Pessimismus eine positive Form annimmt, wenn er Anhänger findet, die sich nicht damit begnügen wollen, daß sie die Welt in der Idee vernichtet haben, sondern es für ihre Pflicht halten, diese Welt, die nun einmal nach ihrer Anschauung und Ueberzeugung nichts taugt, aus den Angeln zu heben, sie in der That wegzuräumen, um eine andere zu schassen, die der Menschheit mehr Freiheit und mehr Daseinssreudigkeit bieten würde. Es ist dies die Klasse der „Weltverbesserer", von der bald mit Spott, bald mit Furcht gesprochen wird, je nach dem Erfolge, den der eine oder der andere dieser Weltverbesserer auszuweisen hat. Man weiß, wie es in der landläufigen Geschichtsschreibung zugeht: Ein Agitator, der rechtzeitig gehängt wird - oder er mag auch, wie es manches Mal geschehen ist, zum Tode durch Pulver und Blei „begnadigt" worden sein, oder sein Leben aus der Festung zugebracht haben — ist ein verächtlicher Demagog, von dem man nur spricht, um ihn als warnendes Beispiel für die Schuljugend hinzustellen, für den Fall, daß sich etwa unter ihr jemand befände, den es dilettiert, ebenfalls ein Weltverbesserer zu werden. Dagegen ist derjenige, dem es gelungen war, gehörig von sich reden zu machen, und der seine Gegner zwingen konnte, mit ihm, als mit einer gleich wertigen Macht zn rechnen, ein großer Agitator und Staatsmann. llnd hat er in der That das Bestehende gestürzt und neues geschaffen, so setzte er manchen Bildhauer und andere Künstler in Brot und Erwerb, und sein Kontersei schmückt das Heim vieler gutsituierten Bürger, die alle Achtung vor einem Manne haben, der es ebenfalls „zu etwas gebracht hat." Ein denkfähiger Mensch läßt sich von dem Erfolg, der oft Sache des Zufalls ist, nicht belehren und nicht überzeugen. Die Geschichte kennt Persönlichkeiten, die auf dem Scheiterhaufen geendet haben, für welchen die heilige Einfalt die Holzscheiter zusanuncngetragen hat, die aber dennoch sittlich und intellektuell höher stehen als solche, die von: Erfolge begünstigt worden sind. Man darf sogar sagen, daß gerade lautere, makellose Charaktere am wenigsten geeignet sind, in der großen Welt Erfolge zu erzielen, ebenso wie aus dem unlegierten Gold keine Münze geprägt werden kann, die von Hand zu Hand geht. Gerade die, welche Märtyrer ihrer Sache geworden sind und es nicht verstanden haben, ihre Ideen unter das Publikum zu bringen und Anhänger zu werben, waren die besten und edelsten Menschen, die das Wohl und das Heil der Menschheit gewollt und erstrebt haben. Unser Zeitalter hat im großen und ganzen keine besondere Verehrung für die „Ideologen", wie Napoleon I. mit Verachtung, aber auch mit heimlicher Furcht zu sagen pflegte. Zur Not versteht man noch den Agitator und Volksmann, der in die rauchgesüllte Bierstube geht, um vor einer wenig denksähigen Menge seine Weisheit zu predigen; man versteht dies, weil es im praktischen Leben 'Nutzen bringt, nicht etwa für die bethörte Menge, aber für den Redner. Spielt doch im öffentlichen Leben auch ein solcher eine Rolle, der dem Prinzipe huldigt, die Menge thut es, und deshalb bei kleinem Entree vor einer großen Versammlung eine Schimpsvorstellung giebt. Hingegen sind alle in dem Urteil über den unpraktischen Denker und Utopisten einig, daß er vom Hebet sei. Hochgestipnnte Männer, die über die Unzulänglichkeit der menschlichen Einrichtungen bittern Schmerz empfanden, haben es zu verschiedenen Zeiten versucht, in der Theorie einen Jdealstant zu bilden, der alle die Mängel beseitigen würde, unter denen die Menschen oder einige Volksklassen zn leiden haben. Das erste Beispiel eines solchen in der Theorie geschaffenen Idealstaats finden wir in den mosaischen Büchern, deren Lektüre uns alles Geschrei der Radau-Antisemiten nicht verleiden wird. Der eivigen Frage, wie dem menschlichen Elend und der Verarmung Abhilfe geschaffen werden könnte, wird in diesen ehrwürdigen Büchern breiter Raum gewährt; nur finden da alle Anfänge des sozialen Rechtsstaates, der modernen Sozialresorm; wir finden da die ganze Skala der modernen Arbeiter- und Agrargesetzbebnng, welche einerseits die Zunahme des Pauperismus zu verhüten amtrebt, andererseits den Bauernstand konservieren null. Wir erblicken die obligatorische Armenunterstützung, indem ein bestimmter Prozentsatz des Bodenertrags für diesen Zweck geliefert iverden mußte, ferner die Verhütung der allzu großen Zersplitterung des bäuerlichen Grundbesitzes, der unveräußerlich fein sollte, und wobei auch dem freien Versügnngsrecht der Eltern bezüglich der Vererbung gesetzliche Schranken gezogen wurden. In gewissen Zeiträumen wurden sogar sämtliche Schuldtitres vernichtet, was nnsern „erblich belasteten" Gutsbesitzern gewiß ebenfalls angenehin wäre. Gerade dieser sozialen Gesetzgebung schreibt Renan den Umstand zu, daß sich der jüdische Staat nicht für längere

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