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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 395 (sequence 7)
Language
German
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morbcn ist. Und blinder Eifer schadet nur; und mögen sie sich der Eideshelferschaft selbst der ältesten römischen Schriftsteller — welche die in ihrer Mitte lebenden jungen Christen nur ab „Inden" kannten und beschimpften auch bedienen, atme zu bedenken, daß wenn alle alten Urteile ihre Geltung beibehalten haben, der Spieß auch umgedreht werden könnte, mögen sie auch die Anhänglichkeit an die alten biblischen Barschristen, Labbat, Speisegesetze u. s. w. noch so oft als Starrsinn bezeichnen -- als Starrsinn, den sie willkommen Heine», da das Auigebeu derselben ihnen das Schmipfobjekt entziehen würde -, wir lassen uns nicht irre n.'achen, und bezeichnen unsere Anhänglichkeit als unverbürchliche, nachahnrenswerte Treue. Unterwerfet die Konzil - Bestimmungen van ^25 einer Nachrevision, beweiset itns, daß der Sonnabend bis dahin nur irrtümlich van Inden und Christen als der eigentlich siebente Tag der Schöpfung gefeiert wurde — beweiset uns die Schädlichkeit unserer Speisegesetze und religiösen Zeremonien für die Allgemeinheit, und wir werden dann, aber auch nur dann, mit Euch gemeinsaui Sabbat, Ostern, Pfingsten :c. feiern, mit Euch gemeinsam aus einer Schüssel essen, und alle die religiösen Absonderungen aufgeben, welche für uns Uebegnemlichkeiten im (befolge haben. Der Willkür beugen wir uns nicht, gegen den Zwang werden wir gleich unseren Barfahren unser Herzblut zunt Opfer bringen, gegen leere Schimpfereielt werden >vir uns ntit Verachtung lvehreit, und immer mehr bestrebt fein, zu zeigen, daß eilt religiöser Mensch sein in unserem Sinne heißt: gleichzeitig ein guter pflichtgetreuer und opferfreudiger Bürger des Baterlandes zu fein. Es ist eine Lüge, daß der Talmttd über das Ehristentnm schimpft, oder sich überhaupt in unfreundlichem Sinne mit ihm beschäftigt, er hat viel höhere und heiligere Aufgaben zu erfüllen, den Buchstaben iticht erstarren, seinen geistigen Inhalt, seilte erhabenen Absichten im rechten strahlenden dichte erstrahlen zu lassen. Und weil die Karäer diesent Wegweiser nicht folgen wollten und den tötenden Buchstaben ausschließlich auf den Thron erheben, darum ist ihr Untergang von der Borsehnng besiegelt — dagegen kann kein staatlicher Schutz sie behüten; ein Leichnam kann galvaitisiert werden, der ätlßere Schein des Gebens -für eine Zeitlang erhalten dauernd zunt Leben erweckt und dem Dasein erhalten, werden, — das kann er iticht. Es wird dem Gründer des Ehristentums ein Fluch gegen die Pharisäet in den Mund gelegt itach unserer Ueberzettgltng mit Unrecht, weil dieser ganze Aussprtlch ntit der sonnigen Aeußernng seiner Wesenheit gar nicht tu Einklang zu bringen ist. Der Fluch ist aber auch unverständlich an sich, denn er träfe ein ganzes Bolk, mit ivenigeit Ausnahmen derjenigen, welche zum Saddueäertum und znm Effäismus sich bekannten. — Ersteres die Adligen und Bornehmen, letzterer die Aseeten einbegreifend, welche in ihrer Blütezeit keine viertausend Anhänger zählten —- und ein ganzes Bolk kann nicht zu Heuchlern gestenipelt werden. Auch ein Heuchler muß ein Publikum haben, das sich von ihm Sand in die Augen streuen läßt, ttnd ist derjenige, „der für fein fündiges heimliches Thun der öffentlichen Alterkennung und deit iiohn der Frömmigkeit erstrebt"; im Etter gegen diese begegnen sich Jesus und die vielgeschmähteit Lehrer des Talmuds. Die von derKirche vom Judentum übernommenen Opfer- und Priesterspenden werden uns jetzt noch zur p'ast gelegt, als wenn wir durch sie alle bösen Handlungen gegen die Mitmenschen wieder gut machen wollten — auf die alberne Behauptung der Ablaßspende durch das Kol Nidre- Gebet einzugehen, diesen schlechten Geschmack darf man uns gar nicht mehr zumuten. Mit der Zerstörung des Tempels hörten bei uns die Opfer auf, die Priesterspenden wurden durch Thaten der Menschenliebe abgelöst, ja das ganze Priestertum hat bei uns feitdein eine andere Gestalt angenontmen, eine bessere und schönere, die der Belehrung und — bei den bestehenden Berhältnissen — leider auch der Selbstaufopferung. Und so wie bei dein Hinweise auf das Alte gelogen wird, so auch bei der hämischen Schadenfreude über den einen oder andereit Fautilienstreit, in welchen sich hineinzumischen jeder achtbare Mensch Anstand nimmt, aus neuester Zeit. So hat in letzter Zeit ein greiser gelehrter Rabbiner in einer freigesinitten Schrift fein religiöses'Testament niedergelegt, und ist basür von der Gegenpartei wahrlich nicht geschoitt worden. Was geht das aber andere Leute aitV Das müssen die unberufenen Krittler, welche diese Frage ahnten, herausgefühlt haben, und sie lassen darunt durch ihre Phantasie die Thatsache ergänzen. Der erivähnte Gelehrte will von manchen überlieferten mündlichen Gesetzen nichts ntehr wissen; daraus machen die Zaungäste „überlieferte mündliche Geh ei in lehr en "; offenbar waren sie durch das Wort „mündliche" irregeleitet worden, ohne den Gegensatz zwischen „schriftlicher Lehre" — der Bibel — und der „mündlichen — erst in der Diaspora niedergeschriebenen -— Lehre" — dem Talmud zu kennen. Im Hinblick auf diese Kampfesart und Gesinnung unserer Gegner, wollen wir thatsächlich unsere uns vorgeworfene Eigenart bewahren, treu dem als gut Erkannten, dankbar nuferen Berteidigern und abweisend gegen die bösen Geister der Finsternis, die jetzt überall heruinspuken, und denen es weder um die Wahrheit, noch um die reine Wissenschaft zu thun ist. „Denn ich finde keine Spur von einem Geiste, und alles ist nur Dressur." Dr. M. Allerlei Aeitsragen, in nichtzüdischer, doch nicht nnjndischer Beleuchtung. 2. Der Idealstaat. Seitdem es eine menschliche Kultur giebt, hat es auch stets Unzufriedene gegeben, die sich mit beit bestehenden Berhältnissen und Einrichtungen nicht befreunden konnten, es mochte diese Unzufriedenheit persönlicher oder allgemeiner Statur sein. Es hat zu jeder Zeit und unter jeder Gesellschaftsform Menschen gegeben, die durch fremde oder eigene Schuld im Leben Schmerzhaftes und Bitteres erfuhren, oder denen es bei aller wirklichen oder eingebildeten Tüchtigkeit nicht gelingen wollte, in der großen weiten Welt, bei den vielen Komplikationen der gesellschaftlichen Ordnung ein geeignetes Plätzchen für sich zu entdecken, und die deshalb mit sich und aller Welt haderten; andererseits hat es auch nicht an solchen gefehlt, denen ein freundliches Schicksal zugelächelt hat und die Freuden des Lebens in hohem Maße zu teil geworden sind, die aber dennoch der Welt keinen Keschinack abgewinnen konnten und den ethischen Zusammenhang in der Natur und in dem menschlichen Dasein in Abrede stellten. Dieser „Weltschmerz", wie der utoderne Kunftausdruck lautet, ist nicht neu; er ist eben so alt wie die Kultur der Menschheit und findet feine Vertreter in allen Epochen und unter allen Kulturvölkern, von denen wir

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