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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 394 (sequence 6)
Language
German
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Nr. 894. I e s cH ri r rr n. Nr. 25. Religionsschule, die nicht allein für die Kinder der Mitglieder ein Bedürfnis fein könnte, sondern als Neklame dienen muß. Es ist ja traurig genug, daß die Hauptgemeinde fo lange gezögert und noch Zögert, in allen Stadtteilen autgeleitete Religionsschulen zu errichten, aber einem fühlbaren Mangel hat noch keine Privat-ReligionSfchule abgeholfen. Eine Schule, gleichviel welche Disziplinen darin gelehrt werden, kann nur dann Erfolg haben, wenn in erster Reihe das Lehrpersonal stabil ist. Hier sind es weder die Lehrer noch die Schüler, beide Teile wechseln fast in jedem Semester, und jeder Lehrer, und wenn er auf dem Niveau des früheren Melamed steht (eine solche Erscheinung ist bei den Angestellten der Privatgemeinden gar nicht unmöglich), jeder Lehrer, oder wie er sich lieber nennt und ohne pekuniäre Opfer genannt wird — T irigent unterrichtet lustig darauf los, ohne sich um einen systematischen Lehrplan zu kümmern. Fast jede Privatreligionsschule hat andere Lehrbücher. Ich habe fünf verschiedene biblische Geschichtsbücher in ebensoviel Schulen vorgesunden. Genau so verhält es sich mit dem Leseunterricht; es sind Fibeln von Rahmer, Steinschneider und Horwitz im Gebrauch, ebeusoviele Lehrbücher für die systematische Religionslehre, die nachgerade alle überflüssig geworden. Hier muß eingesetzt werden, sollen unsere Religionsschulen in der größten Gemeinde Deutschlands nur ebensoviel leisten, wie die einer gutgeleiteten Provinzialgemeinde. Ausgabe der Hauptgemeinde ist es nicht allein, für die Vermehrung dieser Schulen zu sorgen, was ja jetzt zum Teil geschieht, sondern ein einheitlicher Lehrplan, von fähigen und bewährten Pädagogen ansgearbeitet, muß als erste Grundlage dienen, denn die Direktion eines Rabbiners giebt noch lange keine Gewähr, daß die Schule im p ädngogischen Sinne geleitet wird. Rach diese»' Lehrplan mögen dann auch die Lehrer in den Privatschulen unterrichten, dann kann auch ein Gelegenheitsinspektor die Fortschritte kontrollieren. Es ist vorgekommen, und der Schreiber dieser Kulturbilder ist bereit, den Wahrheitsbeweis dafür anzutreten, daß zwei von einer subventionierten Rebengemeinde dazu beauftragte Mitglieder, die im vollen Wortsinn als Analphabeten irr üedraiom bekannt waren, eine Schule inspizierten und ihr Urteil dahin abgaben: die Kinder können nicht „dawnen"! Die biblische Geschichte, die der Lehrer exerzierte, blieb Unverstanden, bei der Religionslehre bemerkten die Inspektoren, das fei „Mumpitz", aber da ein aufgeschlagenes fremdes Gebetstück nicht geläufig gelesen wurde, füllten sie das obige Urteil. — Der Lehrer fiel natürlich als Opfer. Derartige Vorkommnisse: Unterbrechung und Störung des Unterrichts, Beleidigung des Lehrers in Gegenwart der Schüler, können wir Dutzende anszählen, allerdings waren die Thorheiten, die bei sülchen Inspektionen vorkamen, mehr komischer als tragischer Ratur, aber |ie haben wenig dazu beigetragen, die Achtung für diese Eheder zu haben. — — Wir haben aber vorgegristen und wollen die Entwickelung weiter verfolgen. Die Synagoge ist eingerichtet, und zwar aus dem Ertrage eines Konzertes und aus Geschenken einzelner Wohlthäter; jetzt kommt die Zeit der Engagements, und zwar soll ein Prediger, der zugleich als Dirigent die Schule leite, und ein Kantor angestellt werden. Roch vor wenig Zähren konnte man in den jüdischen Zeitungen folgendes Konkurs-Ausschreiben lesen: ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ ♦ + ♦ Die Gemeinde (focht ein hebräischer Name, alle ♦ X diese Vereine sichren hebräische Firmen) sucht baldigst J ♦ einen tüchtigen Prediger, der zugleich auch den Unter- + ♦ richt in der Neligionsschule leitet, zu engagieren. Be- ♦ X Werbungen mit Zeugnis - Abschriften und Curiculum X ♦ vitae bitten wir an den Unterzeichneten einznsenden. X ♦ Berlin . . . . Der Vorstand der Gemeinde .... ♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Die Ausschreibungen waren, wie man sieht, sehr vorsichtig abgesaßt; ein Rabbiner- oder Dr.-Diplom war nicht verlangt und die Gehaltssrage blieb offen. Es giebt gar viele Kultusbeamte und Lehrer die in ihren Gemeinden, besonders in Westfalen und in den östlichen Provinzen, sich mit Recht oder Unrecht „Prediger" nennen, und von denen keiner eine Stelle in Berlin verschmäht. Es braucht durchaus keine krankhafte Ehrfurcht zu fein, wodurch viele veranlaßt wurden, einem solchen Ruse zu folgen. An einem auskömmlichen Gehalt hat ohnedies niemand gezweffelt und ivas konnte man in Berlin, der Metropole auch der Wissenschaft nach lernen! , Welch' eine verlockende Aussicht in Berlin eine Stellung zu erringen! Es liefen auf einer solchen Annonce selten unter hundert Meldungen ein. Eine Kommission aus der Mitte der Repräsentanten wurde gewühlt, um die eingegangenen Papiere zu prüfen und einstweilen fünf Kandidaten zur Probepredigt und Probelektion ausgewählt. Der Vorstand ladet nun einen nach dem anderen Kandidaten auf großen Bogen, die mit der Firma der Gemeinde versehe» sind, zum Probevortrag ein, betont aber zugleich, daß im ZahreSbudget eine Reifeentfchädignng nicht vorgesehen sei. Begleiten wir nun den nach Berlin Berufenen aus seine Probetour! Entüellilllgkii. Ze mehr nachgewiesen wird, daß die Moral des Judentums und der Evangelien eine gemeinsame Quelle und eine gemeinsame Färbung haben, ja — was dein Verständigen doch gar nicht erst nachgeiviesen zu werden braucht, daß letztere aus dem Fundament des Judentums ihre Heilslehren ansgebaut haben, — je mehr vorurteilsfreie christliche Gelehrte sich finden, welche diese unleugbare Thntsache lediglich bestätigen, desto kopsscheuer werden unsere Gegner, desto krainpshaftere Anstregungen machen sie, um als grundsätzliche Feinde aller Wahrheit und Gerechtigkeit auch diese geschichtliche Unbequemlichkeit von sich abzuschütteln. Daß bei dieser Mühewaltung Uebertreibungen nicht zu verinciden sind, ist klar, denn sie müssen den Mangel an Gegengründen verdecken. So ist beispielsweise die Behauptung, daß in jüdischen Schulen und Predigten das Christentum als eine „Abart" des Judentums bezeichnet wird, etwas mehr als ein Irrtum, da die jüdischen Prediger es sogar ängstlich vermeiden, in ihren Reden aus spezielle Beziehungen zum Ehristentum anzuspielen, das verbietet ihnen der Takt; — wissen Sie, meine Herren Antisemiten, was Takt ii'tV — wohl aber wird die allgemeine Menschenliebe, welche im Jndentnnl wurzelt, immer wieder betont: und wenn diese Praxis den Gegnern unangenehm ist, so liegt nicht die Schuld aus seiten des Judentums, sondern in dem ihnen innewohnenden Konkurrenzneid, der ihnen zur zweiten "Ratur ge-

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