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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 393 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25. I e s ch it r ir n. Seite 893. sammlunflen Reden hält über den mangelnden Religionsunterricht der Heranwachsenden jüdischen fugend, seine eigenen Kinder aber an dem christlichen Religionsunterrichte der Schule teilnehmen^ läßt-" Wenn nach Deinem eigenen Zeugnis die Eitern mit Eifer die Gelegenheit benutzen, ihren Kindern jüdischen Religionsunterricht erteilen zu lassen, so kann der Vorwurf wegen mangelnder religiöser Ausbildung der Jugend nicht die Eltern treffen. Du Haft zuviel beweisen wollen, und das mußte mißraten. Dn bist eben noch jung, bist gar noch nicht gescheit gennng, machst Deine Sache schlecht. Im Hause des Gehängten spricht man nicht vom Strick, im Verein der nur zufällig noch nicht Getauften nicht in mißbilligendem Tone von der Teilnahme jüdischer Kinder ani christlichen Religionsunterricht der Schule. Sieh Dir nur einzelne Unterzeichner des sogenannten liberalen Aufrufs an, wie sie Dir zublinzeln, Du sollest schweigen! In den Bezirksversammlungen des sogenannten liberalen Vereins hat dessen Redner in Ausführung des in galizischem Deutsch abgesaßten Ausrufs mit großem Eifer versichert, die deutschen Juden seien nur Deutsche, nichts als Deutsche. In der letzten dieser Versammlungen wurde, wie eingangs erwähnt, das Zeugnis der vereinigten Antisemiten gegen mich aufgerufen, weil ich von der jüdischen Stammesgemeinschaft gesprochen. Der Zufall, dieser große Humorist, will es nun, daß gerade in der Reklame - Rümmer der Allgemeinen Zeitung des Judentums ein Aufsatz über A. Bernstein von Karl Emil Franzos, dem Verfasser jenes gallischen Aufrufs, sich findet, der uns deutschen Juden Treue „sür" unser deutsches Volk und Vaterland zu predigen sich herausnimmt, und daß dieser Aufsatz folgende Stelle schmückt: „Schon das wäre Schwierigkeit genug, eine weit größere z. B., als dem deutschen Leier Geschichten aus slavischem Dorfleben zu erzählen: der Anschannngskreis eines Naturvolkes ist ein begrenzter, seine Lebensbeziehungen eiwach; hier aber handelt es sich um ein nraltcsKult»rvolk mit tausend und abertausend scinst ausgebildeten, zngespitzten, ja überspitzten Lebensformen." Dieses „ u r a l t e Kulturvolkvon dem Franzos spricht, sind die deutschen Juden aus der Mitte dieses Jahrhunderts, es sind die deutschen Juden von Fvrdon, die A. Bernstein so köstlich geschildert hat! Franzos fährt fort: . „Run wohl, wird man sagen, etwa dieselbe Schwierigkeit, die Bulwer besiegen mußte, wenn er altrömisches, plaudert, wenn er karthagisches, E.?f. Metzer, wenn er italienisches Leben der Renaissance zu schildern hatte. Nein, erwidere ich, eine größere, denn die alten Karthager sind tot, die Fudeu aber leben noch und sind noch heute, was sie vor Jahrtausenden waren: ein Gegenstand des Hasses, des Vorurteils, im besten Halle für einige ein Gegenstand des Mitleides, kurz einer Empfindung, die ein sachliches Urteil behindert." Die ^greinende Salbaderei zu würdigen, die für den gerechten Stolz der Juden kein Verständnis und kein Wort übrig hat, ist hier so wenig der Platz wie für die Zurückweisung des ganzen ästhetischen Fehlurteils — den Ghetto- und Judengeschichten ist das Interesse an den Juden, das ein liebendes ^von seiten der Juden, ein Kuriositätsinteresse von anderer Seite war, mächtig zu Hilse gekommen — nur den Zufall wollen tvir betonen, daß der Galizier Herr- Franzos mit der „Treue für unser deutsches Volk und Vaterland" gerade in der Reklame - Nummer der Allgemeinen Zeitung des Judentums Zeugnis ablegen mußte dafür, daß die deutschen Juden ans der Mitte dieses Jahrhunderts ein uraltes Kulturvolk waren und daß die deutschen Juden noch heute sind, was sie vor Jahrtausenden waren. Das ist zwar nicht wahr; aber es ist überaus belustigend, daß dieser Ausspruch an dieser Stelle von diesem Manne gethan werden mußte. Zum Schluffe die Ergänzung einer früheren Bemerkung: Ich sagte schon einmal, daß ich der Mehrzahl der Mitglieder des sogenannten liberalen Komitss eine absichtliche Irreführung nicht zutraue. Sie sind selbst in der Irre. Sie wähnen, das Judentum, das sie nicht kennen, reformieren zu können — „entwickeln" nennen sie das — und sie glauben, es reformieren zu sollen, eben weil sie es nicht kennen. Sie wissen nicht, was das Judentum ist, und wenn sie nach dem Wesen des Judentums befragt werden, so geben sie eine Auskunft, die nicht unjüdisch ist, aber vom spezifischen Judentunr nichts hat. Sie glauben nicht an Jesus und nicht an Mohamed; deshalb sind sie nicht Christen und nicht Mohamedaner. Doch weshalb sie Juden sind, und wie man ein Jude ist, davon haben sie keine Ahnung. Darum fühlen sie den inneren Drang, das Judentum zu reformieren. Wer möchte an der Berechtigung zweifeln? Die Nriliatgcmtin-kil in Kerlin. Von Bar Minan- VL Die Gemeinde hat sich konstituiert; Vorsteher und Repräsentanten sind nach berühmten Mustern gewühlt, und da die Wahl keiner Bestätigung bedarf, so treten sie bald in volle Aktion. Man verfügt über die Beitrüge von 100 ordentlichen Mitgliedern k 0 Mark, über den Ertrag der Miete von 200—300 Sitzen in dem Betlokal und über die beim Gottesdienst gespendeten „Nedorim". In allen Gemeinden, die den dreijährigen Cyklus in der Thoravorlesung eingeführt haben, in fast allen Gemeinden Mitteldeutschlands und der Provinz Schlesien hat die Versteigerung der Mizwos, Mischeberach-Spenden längst ausgehört; in den Privatsynagogen in Berlin steht dieser Brauch noch in voller Blüte. Und nicht ganz mit Unrecht. Der Verein zahlt an Mieten mindestens 1000 M. — über die Gehälter der Beamten sprechen wir weiter unten; er hat in der That Verpflichtungen, die nur durch außerordentliche Einnahmen gedeckt werden können, und die Beamten — von den Batlonim bis zu dem Raw — aceeptieren auch gerne den kleinen Rebenvenverdienst „Matono limworchim"! Verirrt sich einmal ein Fremder, d. h. ein Nichtmitglied, nach einer solchen Betstube, oder hält jemand dort Jahrzeit, so muß er beim Aufrufen spenden, denn der Alijah entgeht er nicht. Ganz ungeschoren kommt so ein „Jahrzeiter" übrigens in keiner Synagoge oavon, — nimmt auch die große Gemeinde keine Spenden, — der Schammes ist nirgends ein Kostverächter und weiß den fremden Kaddischsager aus der hintersten Ecke hervorzuholen, damit er wenigstens am Schluffe des Gottesdienstes bei dem Schirhajichud die heilige Lade und weiter anr Schluffe auch sein Portemonnaie öffne. Die Synagoge resp. der Gottesdienst ist nicht Hauptaufgabe der Privatgemeinde und wird auch nirgends als besonders segensreich wirkend betrachtet und bezeichnet. Das Schmerzenskind sämtlicher Privatgemeinden ist die

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