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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 392

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 392 (sequence 4)
Language
German
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Seite 392. JescHurun. Nr. 25. ihrem Fürsprech in der Karpeles-Mosse'schen Zeitung. Die Posener Orthodopen handeln vielleicht engherzig, aber Gewissenszwang üben sie nicht und ihr Persahren darf nicht in die Parallele gestellt werden mit der Forderung, den zu unterstützenden Lehrlingen das Arbeiten am Sabbat zur Pflicht zu machen. Die Posener Liberalen haben sich solcher Forderung auch nicht schuldig gemacht. Ein solcher Gedanke konnte nur in dem Kopfe eines Berliner sogenannten Liberalen entstehen. Denn hier hat thatsächlich die angeblich liberale Mehrheit der Repräsentantenversammlung — dieselbe Mehrheit, der von der Allgemeinen Zeitung des Judentums, wie oben mitgeteilt, ungebührliche Eonnivenz gegen die Drthodorie in geheuchelter Entrüstung zum Vorwurf gentacht wird — ein Legat anzunehmen beschlossen, dessen Verwendung an die schmähliche Bedingung geknüpft war, daß von ihm nur genießen durste, wer zur Uebertretung der Sabbatgebote sich verpflichtete! Zur Hebung solchen Gewissenszwanges war die angeblich liberale Mehrheit der Berliner Repräfentantenversammlung, war selbstverständlich der angeblich liberale Berliner Gemeindevorstand bereit, und nur ein Zufall hat gehindert, daß die Berliner Gemeinde mit der herabwürdigenöen Verwendung solchen Legates sich belastete. Der galizische Aufruf der Berliner sogenannten Liberalen aber, der ausdrücklich verspricht: „wir ivollen niemals Gewissenszwang üben", fordert zugleich zur Unterstützung der Gemeindeverwaltung auf, die jenen unerhörten Beschluß gefaßt hat, einen Beschluß, den sogar die Allgemeine Zeitung des Judentums als Ausdruck des Gewissenszwanges zu bezeichnen nicht ulnhin kann. — Tie Reklame-Nummer der Allgemeinen Zeitung des Judentums enthält ferner einen Vortrag, den Oberlehrer Dr. Blaschke über den jüdischen Religionsuntericht an den öffentlichen Schulen Berlins in einer Bezirksversanunlung des sogenannten liberalen Vereins gehalten hat. Den Vortrag habe ich seinerzeit gehört. Er ist nicht vollständig wiedergegebcn. Es fehlt der wichtigste Passus darin, nämlich das Geständnis des Herrn Blaschke, daß der Bestich des fakultativen jüdischen Religionsunterrichts einzig an der Anstalt fast allgemein geworden, an der von seiten des Leiters der Anstalt zur Benutzung der Unterrichtsgelegenheit mit sanftem Zwange angehalten wird. Dieser Passus, schriftlich niedergelegt, hätte in unbequemer Weise an die Richtigkeit der voit mir ausgestellten Forderung der Einführung obligatorischen Religionsunterrichts erinnert. Solche Forderung aber entspricht nicht der Bescheidenheit des Herrn Dr. Blaschke, der von Herzen zufrieden ist, daß an den königlichen und städtischen höheren Lehranstalten Berlins blos 1448 jüdische Schüler nicht die Möglichkeit haben, jüdischen Religionsunterricht zu genießen, während eine erheblich größere Zahl den Unterricht genießen kann —■ wenn ste will. Daß sie aber nur will, tvo Zwang angewendet wird, das wird geflissentlich verschwiegen. Die Blaschke'schen Zahlen lind übrigens unvollständig. Boit den 4210 jüdischen Schülern der höheren Knabenschulen Berlins hat nur die Hälfte 2161 die Möglichkeit jüdischett Religionsunterricht an den von ihnen besuchten Schulen zu einpfangen. Zunt Ersatz für den unterdrückten Passus, den ich ungern vermisse und deshalb an dieser Stelle einzuschalten mir die Freiheit genommen, hat Herr Blaschke acl usum der Karpeles- Mosse'schen Zeitung einige Sätze zugefügt, die er nicht gesprochen. Hier sind sie: „Unter diesen Verhältnissen (nämlich bei dem verschiedenen Maße der Beteiligung am jüdischen Religionsunterricht in den städtischen höheren Töchterschulen» kann man keiner Behörde irgend einen Vorwurf machen; da aber Zufriedenheit Ruhe und Frieden im Gefolge hätte, so sucht man einen andern Prügeljnngen.Ist es denn wirklich unbekannt, daß und wo man für berechtigte Klagen Gehör findet? Wer auf Umfliegen schleicht, dem wird es vielleicht gelingen zu, zerstören, nimmermehr aber aufznbanen oder das, was der Verbesserung bedürftig und fähig ist. anfznsinden" Itm Gott, Herr Blaschke! warum so aufgebracht? Ich gebe ja zu, daß Zufriedenheit Frieden im Gefolge hat. Auch bin ich bereit anzuerkenneit, daß es zum mindesten nicht ratsain ist, auf Umwegen zu schleichen, wenn inan ausbauen tvill. Jin Schleichen, es fei auf Umwegen oder geraden Wegen, kann man meines Erachtens überhaupt nicht bauen, wogegen es schon eher denkbar ist, daß jemand auf Umwegen schleichend das findet, was der Verbesserung bedürftig uitd fähig ist. Doch um alles in der Welt, Herr Blaschke, rver schleicht denn auf Umwegen? Sie werden mir die Antwort schuldig bleiben, und darum will ich sie Ihnen geben: Ihr sogenannter liberaler Verein ist es, der auf Umwegen schleicht, der sich liberal maskiert und Fortschritt und Entwickelung predigt, der aber sich nicht 'getraut, offen zu sagen, was er will, um die Wähler in der Täuschung sestzuhalten, und der nicht ein Ausbanen im Sinne hat, sondern die Zerstörung und Verwüstung des Judentums. Ihr sogenannter liberaler Verein ist es, der sich anmaßt, das Judentum „entwickeln" zu wollen, während er das Judentum nicht kennt und, wo er irgend kann, verleugnet! — Eine Ergänzung zu dem Blaschke'schen Vortrage bietet ein Artikel über den jüdischen Religionsunterricht in den Berliner Kummunalschulen, vermutlich von dem Zögling einer Unterklasse dieser Schulen versaßt. Der brave Junge, der ungerechter Weise nicht genannt ist, beginnt mit der Bemerkung, daß aus jeden Unbefangenen die Wärme wohltuend wirken kann, mit der die verschiedensten Kreise sich der Frage des jüdischen Religionsunterrichts angenommen haben, und fährt dann fort: „Tb die Beweggründe zu dieser Bewegung immer in dem heiligen Eifer für die höchste religiöse Pflicht eines jeden Juden, seine Kinder mit dem Wesen, der (beschichte nnd den Tuellen der väterlichen Religion bekannt zu machen, gelegen haben, ob nicht auch manchmal diese rein weltlicher Ratnr gewesen sind, wollen wir hier ununteriucht lassen." _ ■ Warum so schüchtern, lieber Junge? Bei Deiner Begabung wird es Dir nicht schwer fallen, bald genug herauszufinden, daß „heiliger Eifer" nur Dich selbst beseelt, die Andersgesinnten aber B e w eggr ü n d e „rein weltlicher Natur", wie Du Dich zart ausdrückst, zur Teilnahme an der Bewegung veraitlassen. Bezüglich der Logik stehst Du ganz aus der Höhe Deiner Freunde in der Allgemeinen Zeitung des Judentums. Tn erzählst deren Lesern aus der einen Seite, daß die Vorwürfe wegen mangelnder religiöser Ausbildung der Jugend in moralischer Beziehung in erster Reihe gegen die Eltern gerichtet werden müßten, und erwähnst schon auf der nächsten Seite als Beweis für den erfolgreichen jüdischen Religionsunterricht in den Berliner Koim ntunalschitlen den llntstand, daß die Eltern der Kinder sich Mühe gegeben haben und noch geben, ihre Kinder in Kommnnalschulen unterzubringen, in denen jüdischer Religionsunterricht erteilt wird. Du fügst sogar hinzu: „Und gerade die jüdischen Ellern ans den Bevölkernngsschichtcn, ans denen sich die Kommnnalschnlen rekrutieren, haben für alles, was Religion betrifft, einen sehr regen Sinn und eine geschärfte Urteilskraft und wollen sicherlich nicht nur ihr Gewissen salvieren, sondern wollen eine wirklich und wahrhaft religiöse Erziehung ihrer Kinder. Jedenfalls haben sie hierfür ein regeres Interesse und auch ein ungetrübteres Urteil sich bewahrt, als jeniand. der in öffentlichen Ver-! s i

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