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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
Seite 391 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25. Seite 391. *}f ' J if it) ii r xi Tt. ja mir die allgemeinen Verhältnisse in Erwägung gezogen, von denen einzelne Gemeinden sich auch frei zu erhalten und eine rühmliche Ausnahme zu machen nässen. Ader nicht zu vergessen ist, das; für hierarchische Gelüste der Geistlichen^ in unsern Tagen wenig Nanm ist, da in der Regel die Eifersucht der Vorstände'gegen diese genugsam wacht, und ebenso ist der Fahrlässigkeit des Predigers durch den Eifer der Gemeindebehörden leicht entgegen zu wirken. Auch dürfen Sie nicht glauben, dast ich mit meinen Auslassungen der Besserung und Hebung unserer Angelegenheiten in der Zukunft alle Hoffnung absprechen, alle Aussicht abschneiden wollte. Tie Gemeinden werden sich entwickeln, ihre innere Organisation sich stärken, ihre Fiele sich klären und befestigen, ihr Gemeinsinn und ihre Würde sich heben; nicht minder wird mein Stand durch die Prüfungen und Kämpfe, die er durchznmachen hat, reisen und seines wahren Berufes bewusster und sicherer werden. Damit werden die Schwierigkeiten sich ebnen und die Misthelligkeiten sich ansgleichen. Dies ist meine feste Ueberzeugung, die zwar an der Beschaffenheit der Gegenwart nichts ändern, aber doch den Blick in das Kommende erfreulicher machen wird. . . . Örrlinrr Allrrlri. Von Al. A. Klausner. Als ich in der vorigen Nummer dieses Blattes mit den Herren Antisemiten eine Auseinandersetzung pflog, nmsste ich noch nicht, das; mittlerweile die Herren vom sogenannten liberalen Komilä in einer von ihnen veranstalteten Bezirksversammlung ans das Zeugnis der Antisemiten sich berufen hatten. Was sie damit beweisen wollten, ist mir aus den Berichten nickst klar geworden. Dürste man Logik bei ihnen voraussetzen, so müstte man annehmen, nach ihrer Ansicht hätte man nicht das Recht,' eine geschichtliche Wahrheit zu erwähnen, sobald die skrupellosen Gegner ans dieser Wahrheit Mapitni schlagen könnten. Die Logik aber ist jener Herren starke Seite nicht. Sie lieben die Logik so wenig wie das Licht und die Offenheit, gefallen sich vielmehr in Andeutungen, die ungreifbar sind und zmveilen von Ahlwardtschen Verleumdungen sich nur durch den Mangel an Mut unterscheiden. Wenn sie das als ihre berechtigte Eigentümlichkeit anfehen, fo will ich nicht streiten; doch soll es mich nicht abhalten, sie zu beleuchten und ihnen heimzulenchten. Sie Nummer 24 der Allgemeinen Zeitung des Judentums uom_ 14. d. M. bietet hierzu vortreffliche Gelegenheit, denn sie ist besonders reichhaltig — durch zwei Beilagen —, in’ wird von der Redaktion selbst als mustergiltig durch Mafienverfiudung anerkannt und bezeichnet, und sie identifiziert sich durch ihren Inhalt mit den Bestrebungen des sogenannten liberalen Komites. Mit den Beilagen sauge ich an. Die erste Beilage ist ein Reklamezettel, der das Blatt als „ein^Lrgan vornehmen Stils" ausgiebt. Wenn der schlechte Stil im Verein mit souveräner Verachtung der -Folgerichtigkeit und der Sprachgesetze der vornehme Stil ist, so läßt sich gegen diese Selbstanpreisung als aus Wahrheit beruhend nichts einwenden. Die zweite Beilage ist der an dieser Stelle von mir bereits gewürdigte Aufruf des liberalen Vereins, der im reinsten galizischen Deutsch des Herrn Karl Emil Franzos die Juden Berlins dafür zu sorgen einladet, daß ihre Kinder „auch Deutsche der Empfindung nach bleiben." Das Blatt selbst beginnt mit einem Leitartikel, der „Gleiches Recht für Alle!" überschrieben ist. Seinen Inhalt bildet eine Wehklage über die bösen Konservativen, die in der Berliner Repräsentantenversammlung önrchgesetzt haben, daß in einem der von der Gemeinde für die hohen Feiertage gemieteten Säle im Osten unserer Stadt die gottesdienstliche Ordnung der orthodoxen Synagoge eingesührt wird. Die Repräsentanz, die solchergestalt in den Verdacht gebracht wird, ungebührliche Ansprüche der Konservativen zu begünstigen, habe „als ausschlaggebendes Motiv einfach und ohne jede weitere Begründung die Thatsache hingestellt, daß die jüdische Bevölkerung des Ostens vorwiegend konservativ sei." Ich meine, die Rücksicht aus Gesiunuug und Wunsch der Mehrheit wäre ganz korrekt. Tie Redaktion der Allgemeinen Zeitung des Judentums ist dieser Meinung nicht. Sie findet, daß die sogenannten Liberalen vergewaltigt und einem GewissenSdrnck auSgefetzt worden sind. Zunächst bestreitet sie, daß im Osten eine konservative Mehrheit vorhanden sei. Die gegenteilige Behauptung stehe in der Lust, „da es Gott sei Dank noch keine Statistik der Glanbensmeinungen giebt." Unmittelbar hieran knüpft sie die Versicherung: „die Thatsache, daß im Osten eine ansehnliche liberale Minorität vorhanden, könnten wir gerade statistisch belegen." Woraus hervorgeht, daß es eine Statistik der Glaubensmeinungen Gott sei Dank noch nicht giebt, wo sie eine konservative Mehrheit anzeigen tonnte, daß aber die statistischen Belege sich einsinden, ivenn es gilt, eine ansehnliche Minderheit der sogenannten Liberalen zu bescheinigen. Der Autor des Artikels leitet aus dem Umstande, daß man die Wünsche der Mehrheit den Wünschen der Minderheit gegenüber für berücksichtigenswerter gehalten, Anlaß zu der Klage her, es fei der Grundsatz gleichen Rechtes für Alle nicht beobachtet worden. Woraus wiederum hervorgeht, daß nach Anschauung der sogenannten Liberalen jener Grundsatz gewahrt ist, wenn um einer liberalen Minderheit willen die konservative Mehrheit vergewaltigt wird, daß er aber verleugnet wird, wenn die Minorität vor der Mehrheit zurückstehen muß. In demselben Artikel wird von einem Posener Vorschnßverein erzählt, der in Erfüllung seiner Ausgabe, die Ausbildung jüdischer Knaben für das Handwerk zu fördern, herkömmlich die Knaben nur bei solchen Meistern unterbrachte, bei denen sie an Sabbaten und Festtagen nicht beschäftigt wurden. Als vor einiger Zeit die Revision des Vereinsstatuts notwendig wurde, habe die orthodoxe Mehrheit eine Bestimmung eingesügt, daß der Vorschußverein nur solchen jungen Leuten Beihülse gewähre, die die Sabbatheiligung beobachten. Hiergegen habe die liberale Partei Widerspruch erhoben. „Aber sie ivollte durchaus keinen Gewissenszwang ansüben, sie verlangte keineswegs, daß etwa den zu unterstützenden Lehrlingen das Arbeiten am Sabbat zur Pflicht gemacht werde, sie wollte nur verhindern, daß die Unterstützung von der Beobachtung des Sabbats abhängig gemacht werde." — In diesem Falle bin ich mit der Haltung der Posener Liberalen durchaus einverstanden. Jüdische Knaben, die nach eigenem Willen oder nach dem Willen ihrer Eltern oder Vormünder am Sabbat zu arbeiten bereit sind, sollen unter keinen Umständen durch die Drohung mit Entziehung oder Entgang von Benefizien zur Heuchelei verführt werden, und die Erweisung von Wohlthaten, das ist die Erfüllung einer vornehmsten Pfiicht unserer Religion, darf keine Rücksicht auf Gesinnung des zu Unterstützenden kennen. Doch wenn ich mit den Posener Liberalen einverstanden bin, so bin ich es keineswegs mit

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