Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 25 (21.6.1895)
- Date
- 1895-06-21
- Page
- Seite 390 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 390 e f d) u r u n. Nr. 25. sich gehen soll. Als Opponenten sind sie höchst thätig und zu furchten. Dies ist aber auch alles. Eine wahre Begeisterung, ein innerlich geistiger Eifer für die Gotteslehre fehlt auch ihnen in der Mehrzahl. Es ist ihnen nicht darnnr zu thnn, Thora zu lernen, dafür Opfer zu bringen, sich damit zu beschäftigen und alles zu begünstigen, was dahin zielt, sondern es lebt auch in ihnen nur ein schwacher Funke dafür, und wo dies nicht so scheint, ist eS gemacht und von keiner Dauer. Ich habe hierin Erfahrung genug gemacht, und darum sind in den meisten Gemeinden alle Veranstaltungen znm „fernen" untergegangen; darum lassen die Orthodoxen ihre Kinder ebenso wenig gründlich in Bibel und Talmud unterrichten wie die andern. Glauben Sie aber nicht, daß der Prediger hierdurch bloß aus dem Grunde sich verletzt fühlen wird, weil seine Anstrengungen deshalb wenig geehrt werden, sondern weil ihm dadurch jede Befriedigung über die innern Erfolge seiner Lebensthätigkeit verkümmert werden. Er kann sich nicht sagen: thue unbekümmert deine Pflicht, du wirst Gutes und Bedeutendes wirken. Er kann dies nicht, weil er nichts davon vor sich - Ist dies Urteil, wertester Herr Doktor, nicht zu hart? Muß der geistliche Lehrer sich nicht mit dem Bewußtsein trösten, daß der Herr schon die Saat ausgehen lassen werde, wenn sie fleißig und mit bestem Willen gesäet worden? — Ja, dies wird er für feine Person thnn; damit aber kann er andere nicht von dem zurückbringcn, was sie zu sehen glauben. Gehen Sie in eine Synagoge hinein und lassen Sie den besten Redner die Kanzel besteigen, der mit aller Kraft und aus der Fülle des Herzens predigt, auch jeden Partcistandpunkt und Anstoß vermeidet: Sie werden — Rosch haschanah und Jom Kippur ausgenommen, oder etwa in den größten Städten, wo stets ein großer Zufluß von Fremden ist — die Synagoge leer finden und der Prediger verliert seine besten Worte und die Tropfen des Schweißes an eine geringe Zahl Zuhörer und an leere Bänke. Hat er den größten Eifer aus den Religionsunterricht verwendet und trotz der Eltern einigen Raum in den Herzen der Jugend gewonnen: sobald diese den Unterricht verlassen hat, sieht er sie nicht wieder: die Knaben kommen in die Lehre oder besuchen höhere Anstalten, die Mädchen nehmen ihren Platz im Hause ein und damit sind sie der Synagoge und dem Lehrer bis aus seltene Gelegenheiten entzogen. Trifft er sie wieder, so sind sie in der Regel ihm und seiner Sache entfremdet. Was läßt sich da Großes von Wirksamkeit und Erfolg sagen, wenn man sich nicht selbst täuschen will? — Indes ist doch die soziale Stellung des Predigers eine viel bessere und ehrenvollere geworden! — Ta berühren Sie erst einen andern wunden Fleck. Ich habe Ihnen zuerst die Schwierigkeit der allgeineinen Stellung des Predigers innerhalb der verschiedenen Parteien und Elemente seiner Gemeinde gezeigt. Hierzu kommen nun noch die persönlichen Beziehungen, von denen doch niemand frei bleiben kann. Es iff beispielsweise kaum zu vernieiden, daß der geistliche „Beamte" der Gemeinde mit und ohne Willen im Laufe seiner Amtsdauer bald bei diesem bald bei jenem durch irgend eine kleine Veranlassung Anstoß erregt. Der eine wird ihm feind, weil er sich nicht genug geehrt von ihm glaubt, weil er sich in irgend einer Höflichkeitspflicht zurückgesetzt meint, der andere, weil er eine Anforderung an den Prediger stellte, die dieser nicht erfüllen konnte. Ich versichere Sie, daß da Dinge Vorkommen, die allen Glauben übersteigen und von denen ich Ihnen manches Ergötzliche Mitteilen könnte, das aber immer feine unangenehme, wenn nicht traurige Seite hat, denn gerade solche Gegnerschaft isi die unversöhnlichste. Da der Geistliche seine Besoldung ans der Gemeindekasse erhält, so denken sich die Leute ihn gar zu sehr als ihren Diener, als den, den sie bezahlen und der also von ihnen abhängig ist. Was wollen Sie nun in sozialer Beziehung? Besuchen Sie das Haus eines ineiner Kollegen und beobachten Sie feine Verhältnisse. Gerade in den Häusern der gebildeteren Familien kann er in der Regel gegenwärtig kein Tischgenosse sein und der Umgang mit ihnen vermindert sich daher äußerst. Wählt er seine geselligen Beziehungen eine Stufe tiefer, so mißachtetet ihn der andere Teil. Doch lassen wir dieses Thema fallen; eS ist gerade der delikateste Teil. — Die Verhältnisse sind freilich sehr mißlich. — Gewiß, und wenn nun auch der gereiste Mann über alle diese Schwierigkeiten um der Sache willen, der er lebt und die seinen ganzen Geist aussüllt, hinwegsieht, so können Sie es doch der Jugend nicht verargen, wenn diese davor zurückschreckt. Die Anforderungeil in wissenschaftlicher Beziehung sind an uns jetzt außerordentlich hoch gestellt. Der Prediger soll nach allen Leiten hin gründlich wissenschaftlich unterrichtet sein und muß es fein; er soll das ganze ungeheure talmudische und rabbinische Gebiet sich angeeignet haben und muß dies haben; er soll bedeutende Rednertalente besitzen, und dies ist noch der ivefentlichste und erfolgreichste Teil »eines Wirkens; er soll die Weltkenntnis besitzen, um nachhaltig mit den Menschen fertig zu werden und aus sie Einfluß zu üben, und dabei dennoch einen festen Eharakter erweisen, denn jede Schwankung »vird ihni nachgetragen. Wenn eine so große Ausgabe dem Jüngling, wenn er ansängt klar zu sehen, voraussichtlich wird, — was Wunder, daß er davor zurückschreckt und sich eine andere Bahn erwählt! Hier haben Sie die Antwort aus jene Frage, die den Ausgangspunkt unserer Unterhaltung bildete, — aus die Frage nämlich, weshalb keiner von meinen Söhnen Theologe geworden ist. — Mit allem diesen habew Sie aber nur Anschuldigungen aus die Gemeinden, oder besser gesagt, aus die einmal vorhandenen Verhältnisse und Zustände in den Gerneinden ausgesprochen. Liegt aber nicht and) viel Schuld an ihren Kollegen selbst? Ucberlasscn sie sich nicht oft genug hierarchischen Gelüsten, die zum Widerstande führen müssen. Ueberschützen sich nicht viele und machen aus eine Verehrung Anspruch, welche unsre Zeit niemandem inehr einräumt? — Sie haben vollkommen recht. Sie würden mich auch gänzlich mißverstanden haben, rvenn Sie glaubten, daß ich hiermit die Gemeinden selbst angeklagt haben wollte. Es sind Verhältnisse und Zustände, die einmal aus der Eigentümlichkeit unserer Zeit hervorgegangen sind, die niemand geinacht hat und niemand anders machen kann. Daß nun unter solchen prekären Verhältnisseir nicht wenige Kollegen nicht selten auch sehlgreisen und persönlich jene gerügten Uebelstünde teils Hervorrufen, teils vermehren, »vie könnte es anders nur vorausgesetzt werden? Dafür sind wir alle Menschen, und der Gereizte irrt um so leichter. Wenn ich aber billiger Weise im allgemeinen die Gemeinden an sich nicht anklage, so kann ich ebenso wenig im allgeineinen meine Berussgenossen beschuldigen, und wenn einzelne Geineinden sich besonders durch Zerwürfnisse und unangenehme Vorgänge Hervorthun, so mögen immerhin auch einzelne Kollegen unangemessenen Gebahrens beschuldigt werden. Wir haben, werter Freund,