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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-21 · 25 (21.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
25 (21.6.1895)
Date
1895-06-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Do. 25. Iaßrgang iv. llgemerne JerNn, 21. Juni 1895. Herausgeber: Ä. Levin. Derttn. eschurnn Bezugspreis: viertekjäyrt. 2 Mir. für das Erscheint an jedem Kreitag. Peziiflspreis ünstand: Mir. 2,50. Zu beziehen durch die poft unsere Trpeditioneii und den Buchhandel Hicdaktion und Perlag: <$>r L>ainbnrgerstr. 21. Hnzeigcn, die Zeile 25 Pf., nehmen alle Aironcen-Lrpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Hirt und Jöccrbe. Berliner Allerlei. Bon M- A. .Silanßuer- Tie Privatgeineinden in Berlin. VI. Bon Bar Minan. 'Berdrehungen. Bon Tr. M. 2lllcrlei Zeitfrnqeii- II. Ter Handel nm den Namen. Bon Lacher-Mo'och. rnirglein. Bon Wilhelm Feldman. Woclienchronik. Brief- und Irmzekwteii — Kalender. Anzeigen. Hirt und Heerdt. lrjn Zwiegespräch. — ... Sic irren, mein Freund, wenn Sie glauben, meine Söhne hatten in meinem Hause wenig oder gar keine Veranlassung finden können für die von ihnen an den Tag gelegte Abneigung gegen den heiligen Berus, dem ich mein Veden geweiht. Zm Gegenteil', sie hatten nur 511 oft Gelegenheit — wie man zu sagen pflegt — hinter die .stoulissen zu sehen, ich meine die mißlichen Uedelstände, die der geistliche Vertreter des Judentums in unseren Tagen 511 erdulden, die .stampfe, die er zu bestehen, die geringen Erfolge, deren er sich zu erfreuen hat, wahrzunehmen. Das ist mir freilich neu. Ich habe geglaubt, daß Ihr Stand in neuerer Zeit einen großen Aufschwung genommen und aus der Mißachtung, unter welcher er früher zu leiden hatte, zu verdienten Ehren gelangt ist, ja daß er sogar mancherlei Vorzüge genießt, namentlich wenn er mit Talent und Wissen ansgestattet ist. — Dem Anscheine nach ist das richtig. Es werden an uns viel höhere Anforderungen gestellt, als in früheren Jahrzehnten imb dafür wird uns auch im allgemeinen eine geachteten' Stellung eingeräumt und meist auch ein bedeutend höheres Gehalt gezahlt. Diese Vorzüge, um nicht zu sagen Vorteile, .find aber mehr Schein als Wirklichkeit, denn mit diesen 'Vorzügen haben sich auch ungleich mehr Mißftünde eingestellt, so daß es schwer zu sagen ist, ob die frühere Zeit nicht doch zu preisen wäre vor der Gegenwart. — Darf ich fragen, worin die Mißstände bestehen, aus die Sie hindeuten? — Lasset Sie uns zuvor zu der Quelle derselben hinabsteigen; wir werden jene dann leichter begreifen. Diese Quelle ist eine zwiefache. Daß die jüdischen Gemeinden keinen einheitlichen Eharakter lnehr haben, daß die meisten mittleren und alle größeren Gemeinden aus den verschiedenartigsten Elementen, Richtungen und Stufen in religiöser, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Beziehung zusammengesetzt, zusammengewürfelt sind, — das ist Die erste Quelle. — Sollte nicht der Geistliche über den Parteien stehen? — Das ist eine undurchführbare Forderung. Heber den P e r 1 0 n e it soll er sich wenigstens bemühen zu stehen; über den Parteien aber, — das ist eine Unmöglichkeit. Denn zuerst kann er seine eigene religiöse Ueberzeugnng nicht verleugnen und dann führt ihn der erste Schritt in seinem Amte irgend einer Partei zu. Ist er selbst orthodor gesinnt so wird er alsbald von den Reformbedürftigen perhorresziert und verliert allen Einfluß ans sie. Gehört er zu diesen selbst, so zieht er sich die Gegnerschaft der Qrthodoren zn. Strebt er, sei es ans Ueberzeugnng, sei es aus Rücksichten, nach einer gewissen Mitte, so genügt er keiner Seite. Denn die Qrthodorie ist ein abgeschlossenes Ganzes und vergiebt ihm die Abweichung vom geringsten Minhag niemals. Der andern Seite aber genügt er ebenso wenig, weil sie alles, was er beabsichtigt und thut, für halb ansieht und mißachtet. Hierzu komnck, daß er gerade bei denen, welche eine Umgestaltung wollen, in der Regel keine dauernde und kräftige Unterstützung findet. Während diese ebenso gut wie die Qrthodoren den Geistlichen verurteilen, wenn er ihren vorgefaßten Ideen sich nicht fügt, lassen sie ihn in der Regel doch im Stich, wenn er wirkliche Schritte dahin thut. Teils stellen sie der Rührigkeit und Entschiedenheit der orthodoren Partei einen sehr schwächlichen Widerstand entgegen, teils hat das Alte über sie unbewußt noch so viel Gewalt, daß ihnen das Reue, wenn es selbst eingesührt wird, innerlich wenig zugesagt und sie sich leicht bestimmen lassen, es wieder anszngeben. Der Sündenbock bleibt dann immer der Geistliche. Entschließt sich endlich dieser, gar nichts zu thnn, sondern nur eben seinen naheliegenden Pflichten nachzukommen, so wird er von allen Seiten als ein Müßiggänger, der sein Amt und die Pflichten desselben vernachlässigt, angeseindet. — Dies ist freilich eine sehr mißliche Stellung. — Sie wird aber noch durch die zweite Quelle des Uebels getrübt. Diese besteht in der religiösen Gleichgiltigkeit und Bedürfnislosigkeit, von welcher gegenwärtig die große Mehrzahl der Juden gleich den Bekennern anderer Religionen heimgesucht ist. Glauben Sie nicht, daß ich etwa diese nur aus einer Seite finde; die sogenannten Qrthodoxen teilen nach meiner Erfahrung dieses Geschick mit ihren Brüdern. Sic sind wohl eifrig in der Uebung der alten Bräuche und Satzungen, wie sie es gewohnt sind; auch erheben sie ein großes Geschrei, wenn irgendwie eine Abweichung davon vor

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