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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 24. Jefcyurun. Seite 388. „Ick bin hergekommen", sagte Molicki, „denn ich brauche (gelb. Der (graf ist im Baae, die Ernte im (gange, und ich habe nicht die Arbeiter zu bezahlen. Ich war in der Bank . ." — „Und dort bat man gewiß nichts gegeben", unterbrach Riska sarkastisch. „Daß sie dort der Donner treffe mit ihren Reglements und Paragraphen. Sie sagen, baß die Hnpothek bereits belastet ist, baß die Zinsen im Rückstände sind, und drohen mit Lizitation! Dein Grasen mit Lizitation zu drohen! Das ist eine unerhörte Sache?" „Und warum zahlt nicht der Gras?" - „Er zahlt nicht . - nun weil er nicht zahlt! Ei, es war früher besser! Ich pflegte mir früher bei Deinem seligen Iankel zu leihen soviel ich nötig hatte. Es ist wahr — ich zahlte gesalzene Zinsen, aber was thut's? Dafür kannte ich keinen Dermin. £mttc ich nicht gleich zu zahlen, nun so machten wir bas schon unter uns ab; ich gab einen Koretz Weizen, einige Hühner vom Meierhose, und alles war in Ordnung! Und jetzt? Zinsen zahlen, die Hypothekarbücher klecksen, tausend Formalitäten und Bosten, und sollte man nur einen. Termin verfehlen . . lizitieren sie gleich! C, daß ich sie gar nicht kennte! Riska, Rifkchen, Ihr werdet mir einige hundert Gulden geben". Und der Handel begann. Molicki sprach ein reines Jüdisch, den Jargon yie und da mit einem polnischen Ausrufungsworte oder Fluche durchwirkend. Riska lieh endlich das Geld, nicht auf den Namen des Grafen, welcher schon ganz in Mißkredit zu stehen schien, nur dem Herrn Molicki. — Ans dieser Szene erfuhr Klara, daß ihr neuer Herr ein ehrenhafter Mensch sein müsse, wenn er Riska s Vertrauen besitzt. Abends war sie schonin Parowee. * xvn. Herr Molicki war Oekonom, ober richtiger Verwalter in Parowee, welches Torf dem Grasen D. von seinem ausgedehnter Güterkomplere geblieben war. Der Gras, ein leichtsinniger und ehrloser Mensch, hatte sein Erbteil von seinen Vorfahren burchgebracht, einzelne Dörfer gingen in die Hände Krasicki's und ähnlicher „neuer" Individuen über. Dank Molicki, der mit grenzenloser Aufopferung und ivahrer Selbstverleugnung dem Grasen treu diente, ihn fanatisch liebte, blieb noch die Besitzung Parowee bei ihrem Erbherrn. Molicki hatte nämlich seine ganze Erjstenz dem Grafen zu verdanken. Er entstairnnte einer Bauernfamilie, oder — wie eine Legende besagte sehr hohen Sphären. Auf dem gräflichen Gute erzogen, begann er seinen Dienst mit dem Amte eines'Hirtel? und dann eines Küchenjungen; allmählich, stufenweise in dem Maße, wie der Gras materiell herunterkmn, avaneierend, wurde er mit der Feil der einzige Oberosfizial, und als solcher verwaltete er, wenn auch ohne theoretische Bildung, das Gut. Er hat nur zwei Leidenschaften: seine Anhänglichkeit an den (Basen und die an höchste Verehrung grenzende Liebe für seine Frau. Die zweite Leidenschaft hat ihre Quelle in der ersten. Es ist nämlich Dhatsache, daß die Frau Bronislawa einlt sehr intime Verhältnisse mit dem Grafen unterhalten halte und aus seinen Händen ging sie erst mit Molicki zum Altar, der am Tranungstage einen höhern Rana und höhere Gage erhielt. Im Laufe der Zeit aber schloß er sich wie rasend seiner schönen Frau an, besiegte sogar ihren Stolz und ihre Gleichgiltigkeit, wovon Life der Beweis mar, sich allen Klatschzungen zum Trotz auf die frappante Aehnlichkeit zwischenPich und feiner Tochter berufend. (Fortsetzung folgt.) Wochen-Shronik. Bürgerliche Verhältnisse. Neues vom „<^eschästsantisemitismus". Unter dieser Stichzeile schreibt ein Berliner Antisemitenblatt) „Unlängst wurde in Wien ein jüdischer Kaufmann verhaftet, weil er als Konkurrent einer Sensen- und Gerütehandlung in Wien öffentlich behauptet hatte, der Inhaber dieser Handlung sei ein polnischer Jude. Während dieser erste Geschästsantifemit seiner Strafe entgcgensieht, hat er bereits Nachfolgerschaft erhalten und seltsam! die zweite antisemitische Geschäftsgruppe ist ebenfalls jüdisch. In einigen jüdischen Zeitungen wird von dem Berliner Witzblatz „Lustige Blätter" gesagt, daß es seit einiger Zeit antisemitische Witze mache, weil es konservativen Provinzialzeitungen als Beilage gegeben werde. Verleger und Redakteur der „Lustigen Blätter" sind Juden. Daß sich jüdische Geschäftsleute selbst antisemitischer Gedanken bedienen würden, um unlauteren Wettbewerb zu machen, das ist in der That verblüffend!" — Die Dhatsache ist fast noch trauriger, als das Deutsch des nrteutschen Blattes in dem letzten Satze. Allgemeine Konferenz für Judenmission. Vorn 6! bis 8. dieses Monats wurde sie in Leipzig abgehalten und sollte nach dem Vorbericht der „Krenzztg." sich n. n. mit folgeirden Fragen befassen: „.. . 2. Welche Anknüpfungspunkte findet die evangelische Verkündigung bei den Juden? Ref. Rabbiner a. D. I. Lichtenftein-Pest. (Nicht aus Pest, aus einem ungarischen Nest ist dieser Mann gekommen, der es fertig gebracht hatte, zu gleicher Zeit im Dienste des Judentums und der Judenmission zu stehn und sich für beide Dienste bezahlen zu lassen! Red.). 8. Wie verhält sich die Mission gegenüber christgläubigen Juden, welche durch Annahme der Taufe ihre Subsistenz verlieren würden? Ref.: Qberpastor em. R. Gurland -Riga. 4. Welche Bedeutung hat die zionistische Bewegung unter ben Juden für die Mission; Ref.: Pastor W. Faber-Berlin. 5. Ist die Bildung judenchristlicher Gemeinden von der Mission anzustreben? Ref.: Probst R. Fallin - Kifchinew. 6) Welches ist die richtige Stellung christgläubiger Juden zum Gesetz? Ref.: Pastor A. Gaebelein-New-Pork." — Einige Referenten aus Rußland und England führen jüdische Familiennamen. Jüdische und antisemitische Moral. 'Nr. 1: Ein gewisser Tr. Bock in Peine in der Provinz Hannover veröffentlicht in der „Peiner Zeitung" vom 19. Mai d. I. ein Jnserar, in welchem er die Eröffnung einer Poliklinik anzeigt und gleichzeitig dabei bemerkt, daß Unbemittelte unentgeltlich behandelt werden. Er führt dann in dem Inserate wörtlich fort: „Ausgeschlossen von dieser freien ärztlichen Behandlung sind: 1. Solche, welche ein Honorar bezahlen können. 2. Mitglieder von Krankenkassen. 8. Kranke, welche zur Zeit schon in ärztlicher Behandlung sind. 4. Juden." — Nr. 2: Rechtsanwalt Mar Bernstein in München hat gegenüber feinen Klienten in dem bekannten Prozeß gegen die armen Fuchsmühler Bauern sowohl auf sein Honorar als Verteidiger, als auch auf R'ückerstattung seiner nicht unbedeutenden Barauslagen verzichtet. — Die „Kreuzztg." hat uns vor nicht langer Zeit eine unerbetene Gratisvorlesung über den gewaltigen llnterschied zwischen jüdischer und christlicher Moral gehalten; nachträglich müssen wir ihr' das Zugeständnis machen, daß sie teilweise recht hatte: Wenn

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