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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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Seite 882. JefcHurun. Nr. 24. Milzen Erde (ums übrigens die jüdischen Propheten schon viel früher geweissagt haben), aber daß die ganze Welt einstmal verteutscht werden soll iin Sinne der Weltverbesserer der „unparteiischen" Tgl. Rundschau, davon steht weder im N. Dnoch auch in der Kirchengeschichte, — die Li im Gegensätze zn der Glaubensgeschichte nur der Inden: dem A. T. — sür die christlichen Arier als einzige Glaubensgeschichte reklamiert, auch nur eine Silbe. Li tacuisses. Sonstige geschmackvolle Ausdrücke, wie von der Entwicklung des TalmudismnS zur Vertierung, überraschen uns bei bcn liebevollen Herzen der Herren nicht, und sür die epochemachende Erfindung einer Mischreligion, namens Berg Garizin, überlassen wir der Wissenschaft, Herrn .2'i den gebührenden Dank auszusprechen. Der Zorn des Herrn Stöcker, welcher in Düsseldorf tirbi et orbi verkündet hat, das; er die orthodoren — also Talmud- — Juden liebe und nur die Resormjuden stüt seiner Entrüstung beehre, ist denr Verfasser gewiß, -und wehe dem Armen. Wir Juden aber müssen uns mit Fassung und Würde in das Unvermeidliche fügen und können es, solange noch hervorragende Instanzen, wie der uns tausendfach mehr als Herr Lienhard maßgebende „Verein sür wissenschaftliche Pädagogik", uns günstiger beurteilen. Beider von bedeutenden Männern ans allen Teilen Deutschlands beschickten Pfingst-JahreSversammlnng zn Eisenach hat dieser Verein der These zugegimmt, daß die Religion der Israeliten, welche die stärkste Wurzel ihres Rationalgesühls war, den Volkscharakter günstig beeinflußt und deshalb die Entstehung des Ehristenlmns ermöglicht habe! Das genügt. 1)o. M. Feuilleton. Entgleist! Eine cpilizische Erzählung von 28i Hk Im Jyolbuia n. (Fortsetzung). Nachdruck vrrl>atrn^ „'Wie geht es Dir? was hört man? was machst Du? wie gehen die Geschäftes" Und Riska klagte vor ihr. ,,.C, miserabel. Die R'ol wird immer größer, täglich wird's für uns Juden schlimmer. Ich sage Dir, alles, was auf der Welt vorgeht, ist nur gegen uns gerichtet, um uns zuznsetzen, uns des 'Brotes zu berauben. Vor einigen Jahren entstand das 'Wuchergesetz, jetzt wieder das Gesetz gegen die Schenken. Aber weißt Du, diese Herren glauben mit diesen Gesetzen uns zuzusetzen, während wir dabei nicht am schlechtesten wegkommen, denn den Schaden erleiden sie selbst. 'Wie hat sich alles verschlechtert! Der Bauer ist stolz geworden, er war früher dumm, jetzt wird er klüger und schlechter. Und wir müssen uns Rat geben. Ich bitte Dich, im Laden habe ich verschiedene Waren zum Verkaufe. Bei mir geht alles ordentlich, anständig zu, und deshalb habe ich auch so viel Kunden. Tn konuut Dir ein 'Bauer und beginnt zu feilschen . . ich verlange sür ein Pfund Zucker 20 Kreuzer, er will's nicht geben, handelt und will Weggehen. Was thun, verlieren kann ich nicht, ich möchte verdienen, also muß ich das entweder an der Dualität oder am Gewichte der 'Ware wieder einbringen. Der Bauer verliert ja streng genommen nichts, denn er bekommt soviel und solche 'Ware, wieviel er Geld giebt, und dennoch schreit man gleich, daß wir betrügen, — obwohl das nicht wahr ist." — Und die redselige Hotelierin klagte vor der Schwester über die schlechten Zeiten, und Klara lauschte aufmerksam ohne Gewissensbisse diesen 'Worten, welche ihr die Lebensverhältnisse erklärten und die Handlungsweise der Kausleute, welche sie bisher verdammte, in einem neueil Lichte erscheinen ließen. „Riska, Riskchen, Wirtin", ließ sich plötzlich eine lustige Baßstivlme hören und cine breitschultrige Gestalt schob sich ins Ziinmer hinein. „Meine Reverenz", rief Riska enlporschnellend. „'Was ist denn los, daß der gnädige Herr Verwalter in der Stadt ift V" Und sich verbeugend, lud sie den Gast ins zweite Zimmer, wo Klara saß. Letztere erkanilte in dem Eintretenden den Herrn Molicki, den sie bes der Herrschaft Krasicki zweimal gesehen hatte. Sie wurde über sein Erscheinen verlegen, und er, sie erblickend, war nicht weniger verwundert und grüßte sehr artig. „'Was sehe ich? Sie, Fräulein, hier?" „Ja, so, ich niuß hier einige Stundeil aus die Ankunft des Lemberger Zuges warten, obwohl der Drt nicht passend ist." „Wie denn? Erwarten Sie jemand? oder. . ." „Rein, ich selbst reise ab." Und nach und nach erzählte ihm Klara alles, was vorgefallen, ihm nur das Hauptnrotiv ihres Austrittes verheimlichend. Sie sprach viel, nrehr als nötig, aber das that ihrem vollen Herzen not. Das verschaffte ihr eine kleine Erleichterung. „So, so", meinte ')Rolicki, „ich kenne sehr gut diese Krastcki's. Eine aufgeblasene Gesellschaft. Sie steifen sich aus ihr Geld, und der Teufel weiß ans welche Weise sie dazu gelangt sind. Der Alte war einst mit mir zusammen beim Grasen, und es ließe sich so manches erzählen . . . aber . . .!" Rach einer Weile schlug er sich mit der Hand aus die Stirn, als wäre ihm ein guter Gedanke gekommen. „Ach, das ist gut!" rief er. „Sie, Fräulein, wünschen wahrscheinlich einen neuen Posten, nicht wahr?" -- „Natürlich!" — „'Bravo! wie sich das ausgezeichnet trifft! Meine arme Bronia . . . Aber Sie wissen nicht, von wem ich spreche. Meine Frau heißt 'Bronislawa und meine Tochter Life, Elise. Sie ist bereits zwölf Jahre alt. 'Bisher hat sich meine arme Frau mit ihr geplackt, jetzt gedenke ich ganz einfach eine Lehrerin ausznnehmen und offeriere Ihnen diesen Posten. Life, mein Fräulein, ist ein gutes Kind, oder richtiger ein heranwachsendes Mädchen; Sie werden sich also nicht so wie mit jenen Knirpsen abplacken ' müssen, und außerdem weiß ich selbst sehr gut, wie man solch einer junge» und gebildeten Person, wie Sie es sind, zu begegnen hat; und über ^die Bedingungen, Fräulein, werden wir uns schon einigen. Sie iverden sich hier noch aushalten, bis ich meine Geschäfte besorge, und dann fahren wir gleich uad) Parowee". Xlara befand sich in solcher Lage, daß ne diese Proposition sehr erfreute. Sie ging aus die sür sie günstigen Bedingungen ein und schaute heiteren 'Blickes iu die 'Welt. Molicki rieb sich die Hände, ins andere Zimmer gehend: „So wahr ich Gott lieb habe, es ist mir prachtvoll gelungen! Und wie wird sich Bronia mit dieser Gehilfin und Gefährtin freuen!" Und leise fügte er bei: „'Wenigstens werde ich einmal diesen Krasicki's zusetzen". Rach einer 'Weile vernahm Klara zn ihrem größten Er staunen, wie derselbe 'Molicki mit Riska ein sehr lebhaftes Gespräch im jüdischen Jargon führte. Er herrschte ihn vorzüglich, und Riska, wie es schien daran gewöhnt, sprach mit der ganzen Natürlichkeit und Schlichtheit.

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