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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 24. P e f t§ u x u n. Seite 381. „Reform" übrig und die Fibel Hütte das Licht der Welt nimmer erblickt. Eine eingehendere Beleuchtung der Schwächen, der sogenannten Reformsibel ist nicht vonnöten, denn jeder urteilsfähige Lehrer ivird die Schwächen und Schnitzer des Machwerks auf den ersten Blick selber erkennen, aber staunen must man billig über den bescheidenen Sinn des Verfassers, der so selbstzufrieden und überlegen ob seiner grandiosen 20 zeitigen Schöpfung lächelt. Vermutlich sind die Herren Bollegen weniger bescheiden und stellen ganz andere Forderungen an Inhalt und Quantität einer hebräischen Lesefibel, namentlich wenn sie unter der anmaßlichen Behauptung in die Welt tritt, „völlig neue Wege zu bahnen". la und i'i. Eine Hand wäscht die andere. Dieser allerliebste Grundsatz ist selbstredend nur bei den bösen Juden verwerflich, aber bei denen, die ihr Deutschtum und Ebristentnm zu einem Handelsartikel herabwürdigen, natürlich erlaubt.;)u den schlimmsten der Blätter, welche ans ihren eigenen Vorteil zngeschnitteit sind, gehört die „Tägliche Rundschau". Es wird uns kein Mensch für die heuchlerische „Kreuzzeituug", für die Geldbeutel-opportune „ Staatsbürgerzeituug " mit ihren jämnierlichen und gehässigen Leitartikeln von vorne und den jüdischen Annoncen von hinten, für den verrückten „Bundschuh" und für das alberne „Freidentschland" Voreingenommenheit zum Vorwürfe machen; alle aber übertrisst die sich unparteiisch nennende „Tagl. Rundschau" mit ihren tilgen vom Scheitel bis zur Fußsohle, denen sich ein beispielloser Ennismns in würdiger Vereinigung zngesellt. Der Redakteur derselben, Herr Dr. Lange hat durch seine Schrift „Reines Deutschtum" scheinbar eines argen Mißgriffs sich schuldig gemacht, die ihm nicht mir bei den Parteigenossen den Kredit vorübergehend — denn diese Ehrenmän ner schlagen sich und — vertragen sich — entzogen, sondern ihn auch mit dem Verlust von Abonnenten bedroht. Da muß denn ein in den weitesten Kreisen unbekannter Herr Samiel Lienhard nnshelsen, wofür ihin bei der in dieser Eligne betriebenen gegenseitigen Haftpflicht wohl die „Unsterblichkeit" jedenfalls zugesichert ist, und wäre es auch nur die uniterbliche Blamage, zu der jeder Staatsbürger berechtigt stt, und die große Geister nicht geniert. Herr Lienhardt schrieb in dem Blatt des Herrn Lange eine Lobhudelei über desseit Schrift, und lvir denken uns die mise en scene der Artikel folgendermaßen: Herr Li trifft Herrn La mit forgendurchsnrchter wttru und redet ihn mit der Frage an, rvas den Bärenhäuter-Genossen quäle? Ja, entgegnet dieser, „ich habe mit meiner Erklärung der Sachlage einen dummen Streich begangen, und rnit dem „reinen Dentschtuin" mein Lager beschmutzt". Daraus jener: „Da ist leicht abznhelsen, ich schreibe eine Erklärung zu Deiner Erklärung, n. z. womöglich iroch konfuser nitd oberdeutscher als Du; paß auf, es wird dann alles gut, dem guten Ringen unserer Genossen dürfen ivir schon etwas znmnten, je toller, desto besser!" So entstanden wahrscheinlich die Artikel über „Ebristentnm und Deutschtum", oder richtiger „wie soll das Ehristentmn verdelckscht werdend", und da Bescheidenheit nur den Lumpen ziert, so genehmigte La die Ausnahme der Artikelserie dev Li zur Rechtfertigung des „rühmlichst bekannten Buches" des Herausgebers der „Tägl. Rrindfchan" mit denr größten Vergnügen. Die Quintessenz der in tentscher Zukunstssprache geschriebenen, mit einer Prise'Nietzsche und einem Eimer Dühring'scher Jauche gewürzten Artikel besteht in der Abschwächung der bibelseindlichen Schrift La's aus das Verlangen nach Sichtung und Verringerung des alttestamentlichen Unterrichtsstoffes. Da der Vers, sich aber noch soviel Urteilskraft bewahrt hat, um sich zu sagen, daß der Aufnahme einzelner, jeden Zusammenhanges entbehrender Erzählungen des A. D. große Schwierigkeiten entgegenstehen, so verweist er den Rest den erwachsenen Ehristen zur Privatlektüre! Also, in Zukunft soll neben dem corpus iuris die Bibel aufliegen, im Seziersaal soll sie als Rachschlagebuch dienen, das Kommersbuch wird beim Frühschoppen und aus der Abendkneipe durch biblische Erzählungen des A. und — auch-jüdischen — R. T. ersetzt 'werden, und dem Arbeiter wird die Frau zur Suppe und zum. Fleisch den Bericht über den Fall Jerusalems ans den Arbeitsplatz als Gemüse mitbringen — wenn nicht das Bequemere vorgezogen wird, die späteren Bibelgelehrten aus demselben Niveau zu belassen, aus welchem heute die antisemitischen Dalmudgelehrten stehen, d. h. durch kein nennenswertes Wissen von der Materie in der Beurteilung sich beeinflussen zu lassen. Doch der ehrenwerte Vers, zerbricht sich über das Wie seines Vorschlages nicht den Kopf der Nachwelt, ja, nachdem er über das Christentum und sein Verhältnis zum Deutschtimt ein Langes und ein Breites gefaselt hat, gesteht er recht naiv ein, selber nicht dermaßen im Ehristentume zu stehen, daß er alle kirchlichen Kreise befriedigen könnte und will, wenn blos das „reine Deutschtum" gewahrt bleibe, jedem Volksgenossen überlassen, sich in seiner Art mit der Ewigkeit abzufinden. Wenn es noch eines weiteren Beweises bedürfte, daß der Antisemitismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie fei und der Atlas, der die Verneinung — das Nichts — trägt, besser war er nicht zu erbringen, und dafür allein gebührt dem Herrn Li aufrichtiger Dank, denn je mehr Klarheit über die Unklarheit, mit welcher in diesen Köpfen ihre Welt sich malt, geschaffen wird, desto leichter wird gegen die erkannte Krankheit ein Heilmittel sich finden lassen. Nächst Ahlwardt war ein schlimmerer Verteidiger als der aus der antisemitischen Schule plaudernde Herr Li nicht denkbar, der nur etwas mehr als einzelne seiner Vorgänger, aber doch nichts Neues sagt, selbst die Verächtlichmachung der Geschlechtsregister des Matthäus und Lucas, um dadurch Jesus zu einer Art Arier zu stempeln, selbst durch Preisgabe per augeblichen Abstammung vom König David, ist nicht seinem Gehirn entsprungen. Er hat einfach anderen alles nachgeschrieben, und da er in der Auswahl seiner Quellen skrupellos zu Werke ging, so nahm sich er selbst der kulturullen Schnitzer liebevoll an. Ta aber ein bischen Heuchelei doch niemals fehlen darf, so nimmt er trotzdem aus der Schrift, was ihm paßt, so z. B. die Stelle aus dem Römerbriese, daß „zuletzt auch die Judenschast reuig hiuzukommen werde", ungeniert mit aus; jedenfalls schwebte ihm die Nictzsch'sche Theorie vor, daß den hartnäckigen Juden das „Friedensöedürfnis" eingeprügelt werden solle. Wozu ttbiT? Rach der Theorie der Deutschtünrler werden doch selbst die getauften Juden bis in das zehnte Glied mit wahrhaft religiöser Liebe verfolgt, denn die Evangelisten sprecheil nur von einem Hirten und einer Herde auf der

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