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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · p. Seite 377

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
Seite 377 (sequence 5)
Language
German
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f&r K'; & l Rr. 24. I e s cH u r u rr. Seite 877. In Anbetracht des Anlasses zu diesem Reskript ift seine Absicht meines Erachtens unverkennbar, selbst wenn der sprachliche Ansdruck, was ich nicht wissen kann, jedoch für möglich und angesichts der folgen sogar für wahrscheinlich Jwltc, nicht ganz einwandsrei gewesen, Für die städtische Lchnldepntation aber — ich meine ihren Verstand;>nd nicht ihr Herz — ist es kein sonderlicher Ruhm, das; ihr eine sprachliche Ungenanigkeit genügte, die thatsächliche Ungeheuerlichkeit anznnehmen: das; das Provinzial-Schulkolleginm ganz plötzlich und im Widerspruch Zll der seitherigen Dienstpragmatik einsach verfügte, jüdische Lehrkräfte fernerhin a n s s chl i e s; l i ch zur Erteilung jüdischen Religionsunterrichts heranzuziehen. Es ist wunderbar, mehr als wunderbar, daß die städtische Schuldepntation solche Verfügung zwar mit Schmerz, doch ohne thatkrästigen Widerspruch hinnehmcn wollte und den jüdischen Lebramts-Beiverberiunen den wohlgemeinten Rat erteilte, den Vernf auszugeben. Herr p'onis Sachs, so wird mir erzählt, hat der Repräsentantenversammlnng milgeteitt, das; man in; stA'agistrat über jenen Erlas; geradezu deprimiert sei. Danach hätte der Magistrat das Mißverständnis der Städtischen Schnldepntation geteilt. — Er muß in der That deprimiert gewesen sein. Unsere Herren Repräsentanten mögen sich beruhigen, der vercbrliche Vorstand braucht sich nicht zu bentühcn, der hochlöbliche Magistrat darf sich der gedrückten Stimmung entschlagen, die Städtische Schnldepntation beeile sich, ihr kondolierendes cmisilmni abeundi zu widerrufen: es ist alles nur ein Mißverständnis gewesen. Das Mißverständnis ist hier aufgeklärt. Wer aber unternimmt es, anfznklären, wie es kam, daß das Mißckerständnis auch in unserer erleuchteten Reprüsentnntenversammlnng keine Aufhellung erfuhrt M. A. Klausner. Dir priMtgtiilrin-k» in Latin. Bo» Bch- Allna». V. .Wir kommen nach dieser Abschweifung nunmehr zu der Entstehung der ersten Privatgemeinden Berlins. Wir verließen die drei Landsleute, wie iie beim (stläse Bier die Angelegenheiten der (steineinde besprachen. Sie zogen eine Parallele zivischen den musterhaft geleiteteten stehiilos in Me'eritz, Kordon und Wongrvwitz und der (stemeindeleitung in Berlin, wo so vieles zu wünschen bliebe. Perl beklagt sich, das; er bei seiner Hahrzeit in der großen Synagoge keinen Kaddisch derabbonon sagen durste und Levinsohu ist empört, das; inan dort auch in; Sommer Riaschiw horuach sagt. Meyer vermißt sogar in der alten Schul den Ieknm pnrkon, und so haben alle Kumpane ihre Klagen. Sie' haben ihre Beschwerden schriftlich beim Vorsteher eingereicht, der Eine sogar wegen des Rabbonon-Kaddifch sich an das Kultusministerium gewandt, aber keiner hat eine Antwort bekommen. Alle drei waren tief empört und Levinsohu schwört den überflüssigen Maschiw horuach ans deu Tisch des Hanfes zu legen, sobald die öffentliche (stcmcindeversanunlnng abgehalten werde. „Was red'ft du für Sttlß, Levinsohu", repliziert stReyer, „bis zur Versammlung vergehen noch Ist Monate, und da diese im Oktober stattsindet, so hat doch dein Schmerzenskind während des Winterhalbjahres in allen Synagogen Geltung! Unsere Beschwerden haben keinen Wert, ich weiß einen besseren Rat: bilden wir doch einen Privat - Minjan! Ich komme am Freitag Abend und Sabbat mit meinen zwei Jungen, ihr stellt mit euren Leuten utindestens fünf, und aus unserer Rachbarschast kommen mindestens noch zehn Minjanmänner. Meine größte Stube räume ich zu einem Betsaal ein. Ri ein Rachbar Cohn hat aus Hinten feine Leser - tauro und Hirschberg kann lei'nen. Tawnen kämen wir alle abwechselnd. Da habt ihr die Lösung. Wir brauchen die weiten Wege nicht mehr zu machen und Perl kann nach jedem Gottesdienst Rabbonon-Kaddifch sagen." Der Vorschlag fand begeisterten Beifall und jeder der drei versprach weitere Mitglieder zu werben. Am nächsten Sabbat fand der erste Gottesdienst statt und alle Beteiligten waren hochbefricdigt, denn sie hatten alle ihre Rechnung gefunden: Eohn konnte lei'nen, Meyer Mastir sagen, Perl der Rabbonim freundlich gedenken und von den Üebrigen bekan; jeder eine Alija, was ihnen in einer Berliner Synagoge noch nicht passiert war. Vier Wochen später hatte sich die Privatgemeiude konstituiert. 80 Mitglieder hatten sich zu einem monatlichen Beitrage verpflichtet, wovon die ersten Einrichtungen beschafft ivurden und die drei erstgenannten Entrepennenre wurden bei der ersten (steneralversammlung als Vorsteher der Gemeinde erwählt. Das war die erste Staffel zur Befriedigung der Ehrsucht und der religiösen Bedürfnisse in X. oder 0. oder iX.0. Als die hohen Feiertage heraunahten, machte mau den zweiten entscheidenden Schritt zur Konsolidierung der Gemeinde. Es wurde ein Lokal mit 200 Sitzplätzen gemietet, ein .Kantor und ein Prediger für diese Tage engagiert.und man konnte nach den Feiertagen mit einem Plus von einigen hundert Mark und fast 100 Mitgliedern die Rechnung abschließen. Jetzt galt es namhafte Mitglieder, in erster Reihe Aerzte, Rechtsanwälte, Bankiers als Repräsentanten zu gewinnen, was auch in der ersten Zeit gelang. Run trat man offiziell in die Aktion. Es wurde ein Iirknlair entworfen, worin den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde die kirchliche Rotlage der ärmeren jüdischen Bevölkerung an der Peripherie geschildert wurde. Man könne bei der großen Entfernung den Gottesdienst nicht besuchen; die zahlreichen Kinder wüchsen ohne Religionsunterricht auf u. s. w. Dieser Aufruf wurde in vielen hundert Exemplaren nach dem Westen und an die als ivohlthätig bekannten Glaubensgenossen versandt und that stets seine Wirkung. ES gingen außerordentliche und ordentliche Beiträge ein, d. h. einige sandten einen einmaligen Beitrag, andere verpflichteten sich alljährlich eine bestimmte Summe zu zahlen. 'Rach diesem Rezept wurden in Berlin sämtliche Privataemeinden, Vereine für Witwen und Waisen, für kranke und Wöchnerinnen, für Invaliden jedes Genres gegründet nnd erhalten. Die Berliner jüdische Gemeinde war und ist eineKehilln der Wohlthätigkeit pav exellence, aber die Wohlsahrtsbeftrebungen wurden immer zersplittert und die Anregungen gingen öfters von unberufener Seite aus. Uuzählige Sammlungcu durch Zirkulaire, Wohlthätigkeits-Konzerte und Bälle, wurden ohne Kontrolle erlassen und abgeschlossen. Man verstehe uns recht; nichts liegt uns so fern/als die Männer, welche derartige Bestrebungen fruktifizierten, irgendwie zu verdächtigen. Im (stegenteil, sie haben die Ertrüge nicht § J ■4 i V

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