Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-14 · 24 (14.6.1895) · p. Seite 374

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
24 (14.6.1895)
Date
1895-06-14
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608675--0513-9608677
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 374. 5 e f dj u r u n. - -j.'V Nr. 24. Bruder, der Prinz non Wales, desselben deutschen Prinzen Sohn, ist der erste Gentleman in England, der erste Engländer und dereinst König von England. Der Geburt nach ist die N'ationalität des einen auch die des anderen, erst der Zufall eines Erbes bat den Unterschied hervorgernsen. Hier zeigt sich in den Reihen der Fürsten eine erstaunliche Fähigkeit, eine Nationalität abznstreifen und eine andere zu gewinnen. Solche Fähigkeit ist von der großen Menge natürlich nicht zu erwarten, bei der es allerdings oft auch an dem guten Willen wie am Interesse fehlt. Man siebt es in Nordschleswig, man sieht es in Elsaß-Lothringen, man sieht es in den weiland polnischen Landesteilen. Wir aber, wir deutschen Juden, brauchen unser Deutschtum nicht erst zu beweisen, denn wir haben es durch lange Jahrhunderte bewiesen imti deutschen Patriotismus in einem Maße bewährt, wie kein anderer deutscher Stamm es gethan, wie kein anderer deutscher Stamm eS gekonnt bat! Das Stöcker'fche „Volk" erwähnt in der gewohnten liebenswürdigen Weise, daß die „national empfindenden Deutschen" durch der deutschen Inden „zersetzenden Einfluß" in Gefahr kommen, „in ihren von der ganzen Welt geschätzten nationalen Tugenden, der Biederkeit, der Rechtschaffenheit und der Menschheit Einbuße zu erleiden". Die genannten Tugenden sind in der That von der ganzen Welt geschätzt, aber als allgemein m'enschliche, nicht als deutsch-nationale Tugenden, man müßte denn die Herren Leuß, Dr. Böckel und Freiherrn von Hammerstein - Kreuzzeitung als ihre besonderen Vertreter anerkennen. Bon „nnchristlichen Steigungen im geschäftlichen wie im gesellschaftlichen Leben" spricht in demselben Zusammenhänge die „Kreuzzeitung" des Herrn von Hammerstein. Wir können doch nicht Alle durch die Drohung mit Indiskretionen Unregelmäßigkeiten decken, die man für geivöhnlich mit weniger schonenden Namen belegt! Ich habe in meinen! Artikel in Nr. 22 dieses Blattes von der Stammesgemeinschaft der Inden gesprochen, die eine Thatsache ist, man mag sie preisen oder bedauern, und die inan vor zweihundert Jahren nicht anslösen könne. Die Herren Antisemiten thnn ganz erstaunt über diese historische Anführung. Warum die Verstellung'< Zst ihnen der Rassen-Antisemitismus vielleicht neu? Ist ihnen in manchen Prozessen durch eine gefällige Anslegnngskunst der Richter das Bekenntnis zum Raffen-Antisemitismus nicht recht bequem geworden '< In Wahrheit find die Wackeren gar nicht erstaunt, sondern blos verlegen. Die „Volksrnndfchan" sagt nicht, daß ich lediglich eine Thatsache konstatiert habe, sondern versichert, sie entnehme ans meinem Artikel, daß „die Inden unter sich bleiben wollen", und daß „von einem Deutschtum der Fremdlinge, die selbst sagen, sie wollten ihre Stammesgemeinschaft nnverinischt erhalten, natürlich überhaupt nicht die Rede sein kann". Die Leser meines Artikels wissen, daß ich das nicht gesagt habe. Doch wenn ich es nun gesagt hättet Die Juden befänden sich dann in der Gesellschaft der sozial bevorzugtesten Bevölkerungsschichten, den Alleredelsten der Nation, die auch nur „unter sich" bleiben wollen und jeder Vermischung die Anerkennung versagen. Die „Staatsbürger-Zeitung" nennt es in UeberZustimmnng mit der „Leipziger Zeitung" anmaßlich, daß ich den deutschen Inden „das natürliche Recht, sich als eine Stammesgemeinschaft abznsondern", znspreche. Das müsse. meint die „Staatsbürger-Zeitung", „selbst den gutmütigsten Deutschen in berechtigte Entrüstung versetzen". Die „Volksrnndschan" nimmt mich hingegen in Schutz, denn sie sagt in nnbeivnßter Anlehnung an das galizifche Programin- und Aufruf-Deutsch von Barl Emil Franzos, ich „käme damit den Gefühlen aller ivirklich Deutschfühlenden nur entgegen". Mitden antisemitischen Blättern ist, natürlich in einem anderen Sinne, die „Volkszeitung" in der Verdammung meiner Ausführungen einverstanden, die sie allem Anscheine nach nur in dem sinnentstellenden Auszuge der antisemitischen Organe kennt. Sie druckt deu von diesen Organen mit Vorliebe zitierten Satz ab und nennt ihn, vermutlich um dmnit die Legitimation besonderer Sachverstündigkeit in jüdischen Dingen beizubringen, „Stuß". Sie giebt aber ihrem Urteil eine gewisse Unterlage, indein sie erläuternd ausführt, ich, ein verbohrter Talmud- Ortbodorer, hätte den „handgreiflichen Unsinn" verkündet, daß die Juden immer noch eine Nation in der Nation geblieben seien. — Mir wird dmnit zu viel Ehre zu teil, und die „Volkszeitung" zeigt sich allzu bescheiden. Der „handgreifliche Unsinn" rührt nicht von mir her. Es ist mir nicht eingefallen, von den deutschen Juden zu sagen, sie bildeten eine Nation in der Nation; ich habe lediglich die historische Thatsache erwähnt, daß sie eine gemeinschaftliche Abstammung haben und demgemäß eine Stammesgeiueinschaft besitzen. Das läßt sich nicht leugnen und hindert auch das Deutschtum der deutschen Juden nicht, so wenig ihr Wendentum die Wenden hindert, gute Deutsche zu sein, oder ihr Wallisertum die Walliser, gute Engländer zu sein. Wer in Deutschland Staatsbürger ist, der ist Deutscher — das ist die einzige zulässige Definition der N'ationalität in ihrer rechtlichen Beziehung; ethnologische Unterscheidungen gehen den Staat und das Verhältnis des Bürgers zum Staat so wenig an, wie konfessionelle Unterscheidungen. Daß die „Volkszeitung" für die Gleichberechtigung aller KoufeffionSangehörigen, für die bürgerliche Gleichberechtigung aller Deutschen kämpft, wie sie bei dieser Gelegenheit zu erwähnen für gut findet, soll dankend anerkannt werden. Doch wenn sie glaubt, uns dafür zum Verzicht auf unser Judentum eiuladen zu dürfen, so erhält sie darauf ohne jede Entrüstung die einsilbige ablehnende Erwiderung, die ihr geläufig zu sein scheint: „Stuß!" Die „Kreuzzeitung" geht in der Entstellung am weitesten, indem sie in Anknüpfung an meine, das Gegenteil beweisenden Aeußerungen, die deutschen Juden „fremdartige.Elemente" nennt, die auch fremdartig bleiben wollen. Das „Volk" giebt sich wenigstens die Blühe, eine Art Mißverständnis zu konstruieren, indem es mir in den Mund legt, ich hätte gegenüber gestellt die deutschen Juden, die eine Stammesgemeinschaft geblieben, und die übrigen Stämme, die „sich vollständig assimiliert haben, daß sie durch und durch Deutsche geworden." Ich habe genau das Gegenteil gesagt, daß nämlich nicht allein die Juden eine Stammesgemeinschaft geblieben, daß noch andere Stammesgemeinschasten in Deutschland eristieren, die von Tracht und Sitte und Sprache und Gewohnheit nicht lassen und doch Deutsche sind von unzweifelhaftem Patriotismus. Ich habe ausgeführt, daß die Vaterlandsliebe nicht unvereinbar ist mit alten, nicht einmal mit veralteten hebräischen Gebeten und ganz gewiß nicht mit der Kenntnis der hebräischen Sprache. In diesem Punkte dürfen mir die Herren Antisemiten nicht entgegen sein, denn ihre hohen Protektoren Herr von Langen und Freiherr von Wackerbarth haben öffentlich, der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.