Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 24 (14.6.1895)
- Date
- 1895-06-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Hl». 24. Jahrgang i v. tigern eine Nerkin, 14. Juni 18S5. Herausgeber: Ä. Leviu, ZZerttn. efchurun. Bezugspreis: Vierteljahrs. 2 Wk. Erscheint an jedem Areitag. Ttezugspreis für das Äustand: Mli. 2,5tt. .Hu beziehen durch die Post unsere Expeditionen und den Buchhandel Ztedaktion und Perlag: Or Kamöurgerstr. 21. Änzeigen, die Zeile 25 Pf., nehmen alle Anoncen-Lrpeditionen sowie uns er Bureau entgegen. t: An die Herren Antisemiten. Von M- A. Klanstner. Aus der Berliner (Gemeinde. Die Privatgemeinden in Berlin. V. Bon Bar Minan. Die Lehrer-Konferenzen. Die „Nctorm"-^ibel. Bon B. Traubenberg. La und Li. Bon Tr. M. Entgleist. Bon Wilhelm Feldman. Wochenchronik. >ialcuder. Anzeigen. A» i>lk Amen Antiftmitkn. Bon Bi. A. Klausner. Tie publizistische Zentralstelle der Antisemiten wendet den Artikeln, die ich in diesem Blatte veröffentliche, Aufmerksamkeit zn. Das ist ihr gutes Recht. Sie verfolgt dabei den istveck, durch zufammeuhaugslose und darum fälschende Zitate ihren Lesern eine falsche Vorstellung von 'meinen Absichten und Ansichten beiznbringen. Tas ist ihr Gewohnheitsrecht. Eine Antwort ist nicht nötig; aber es ist vergnüglich, die Armseligkeit der Gegner sestzustellen, deren dürftiger Verstand ihnen nicht gestattet, zu anderen Trugschlüssen zu greisen, als die einem unter dem Tnrchschnitt begabten Klippschüler zu Gebote stehen. . In der „Volksruudschau," der „Leipziger Zeitung," der s^^^^ürger - Zeitung," der „Kreuz-Zeitung" und dem etöcker'schen „Volk" finde ich den Ausdruck teutonischer Entrüstung darüber, daß ich in der Nummer 22 dieses 'Blattes die geschichtliche Thatsache erwähnt habe, daß wir deutschen Juden vor der Völkerwanderung nach Deutschland gekommen sind, Jahrhunderte ehe der Großvater des Mannes geboren war, der zum Stammhalter des ältesten Fürstengeschlechtes in Deutschland werden sollte. Hierin soll sich ein „unbegreiflicher Hochmut" offenbaren, der „gewisse Kreise des Judentums dazu treibe, sich an den deutschen Fürsten zu reiben." So heißt es in der „Volksrundschau" und in der „Kreuz-Zeitung." Ter Vorwurf ist etwas unvorsichtig erhoben. Unsere Fürsten sind die Ersten des Landes, die Ersten im Lande sind sie nicht gewesen, und das macht auch ihren Rang nicht aus. Uebereiustimmend deduzieren die genannten Antisemitenblätter sämtlich, daß meine historische Anführung den deutschen Juden mit dem höheren Alter zugleich ältere Rechte in Deutschland vindizieren, sie zu Deutschen erster Klasse gegenüber den anderen Deutschen machen solle. Das ist, mit Verlaub, keine richtige, es ist eine antisemitische Schlußfolgerung. Das höhere Alter begründet kein besseres Recht. Oder sind die Wittelsbacher in Deutschland Fürsten besseren Rechtes als die Hohenzollern, weil sie um Jahrhunderte älter im Lande sind als diese? Sind die Bewohner der östlichen Provinzen schlechtere Deutsche, weil sie dem Deutschtum erst ein halbes Jahrtausend später gewonnen worden sind? Vielleicht sind die genannten Blätter in ihrer antisemitischen Schlußfolgerung ausnahmsweise einmal guten Glaubens gewesen, weil sie Alter und Adel für identisch gehalten haben. Die Verwechselung ist gerade 'dumm genug, daß man sie ihnen zutraueu dürfte. Giebt es doch Leute, die in aller Aufrichtigkeit besonderen Stolzes voll sind darüber, daß ihr Ureltervater Stallknecht oder Auswärter gewesen und von seiner Marschall- oder Schenken - Thätigkeit den Namen behalten hat. Das Alter unseres Deutschtums habe ich erwähnt, nicht aus Hochmut, sondern zur Belehrung derer, die mit der Geschichte nicht vertraut sind; ich habe es erwähnt zur Illustration des Patriotismus, den wir deutschen Juden zu einer Zeit schon bewährt und als in unser Fleisch und Blut übergegangen bewiesen haben, da die zeitgenössischen Deutschen noch nicht einmal diesen Begriff kannten. kknd nun eine Frage an die Herren Antisemiten, Chauvinisten und sonstigen Deutschen: Wie lange dauert es, bis man als Fremder die deutsche 'Rationalität oder als Deutscher eine fremde 'Rationalität gewinnt? 'Ratalie, des Exkönigs Milan Gemahlin, ist in Rußland geboren und jetzt Ur-Serbin. Fürst Ferdinand von Koburg, als deutscher Fürst von einer französischen Mutter geboren, ist mit ganzem Herzen Bulgare. König Karol, ein Prinz von Hohenzollern, ist mit Leib und Seele Rumäne. Des deutschen Kaisers Schwester ist die zweite Frau in Griechenland und wird dereinst die erste Griechin sein. Des deutschen Kaisers Schwägerin, vor Jahresfrist noch eine deutsche Prinzessin, ist jetzt die erste Frau in Rußland und die erste Russin. Herzog Alfred von Sachsen-Koburg-Gotha war bis zum vorigen Jahre der zweite Gentleman in England, er ist jetzt ein regierender deutscher Fürst. Freilich war sein Vater ein deutscher Prinz aus dem Hause Koburg; doch darum war er selbst nicht weniger ein Engländer; denn sein