Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- Seite 367 (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 23. 5 ( [ (6 ut u n. Seile 367. Witter in drohender Rüstung, Hexen in finstrem Kebän: Denke der (Gräber, der Lichter, Denk' an des Aufruhrs Keschrci. Alle die Lieder und Sagen Waren non uraltem Kuß, Waren gewöhnlichen Anfangs Und vom gewöhnlichen Schluß. Bosheit bedränget die Tugend, .Heftig ihr Kampf nun entloht, Lange dann seufzet die Wahrheit, Hart von der Bosheit bedroht. Aber zuletzt triumphierend lieber den sinkenden Feind, Wieder in göttlichem Klanze Prangend die Hehre erscheint. . . Lieblich war immer der Lieder Schlnßto», doch ach, daß den Sang Känzlich zu Ende zu hören Nimmer dem Knaben gelang! Lauschend der großen Krzählnng, Wurden die Ohren mir mnd', Schlummer umfing mir das Herze, Legte sich bleischwer aufs Lid. Abging mit Tode die Amme, Hinschwand der Zeiten Keroll; Uebcr mir wicdrum ein neues, Schreckliches Märchen erscholl. Nene und schreckliche Märchen Heute das Leben mir fingt. Und mit dem Liede ein Gisthauch Frostkalt die Seele dnrchdringt. Jegliches Wort drin ist Stöhnen, Das sich dem Krabc cntrafft, Elend zertrümmerter Hoffnung. Elend vernichteter Kraft. Jegliches Wort in dem Schrecklied, Das wie ein Peitschenhieb gellt, Hört man schon ilennzehn Jahrhundert' Kräßlich durchsausen die Welt. (Gräßlich die Länder durchsaust cs Und in die Busen es fließt. . . - Wimmer vernahm ich den Anfang, Hör' auch nicht, wie cs cinsi schließt. Klauben zwar will ich, daß rnhnivoll Heiligem Siege geweiht Endet dies Lied von dem langen Piclhnndertjährigcn Streit; Klaube zwar, daß triumphierend Uebcr den sinkenden Feind, Stolz einst die heilige Wahrheit Wieder voll Klanzcs erscheint. Doch ach, ich höre cs immer, Wie dieses Lied einst verklingt, Schlummer umfängt bald das Herz mir, Schlaf mir die Angen umschlingt, Ewiger Schlaf, der auch mir bald Ruh' in dem Krabc verschafft, Elend zertrümmerter Hoffitung, Elend vernichteter Kraft. (Jüd. Bolks-Ztg.s Mochen-cLhronik. Bürgerliche Berhältnifse. * Jüdische Analphabeten. Die „Nordd. Alle; Ztg." schreibt: „Im Zähre 18.-3 befanden sich unter den 258 348 männlichen bezw. weiblichen Personen, welche im preußischen Staate die Ehe schlossen, 9800, und zwar 3764 männliche und 6036 weibliche Analphabeten. Vom Tausend der Neuvermählten, desselben Religionsbekenntnisses waren Analphabeten: Evangelische: Männer 6,7, Frauen 11,4, — Katholiken: Männer 31,3, Frauen 40,7 — sonstige Christen: Männer 1, 7, Frauen 4,2, — Inden: Männer 5,1, Frauen 6,6. Die Judeil haben somit weniger Individuen unter sich, die nicht lesen und nicht schreiben können, als die Christen, und selbst die hier notierten 11,7 Analphabeten dürsten sich zum überwiegenden Teile aus Ausländern, besonders Slaven, rekrutieren. Wirkliche Analphabeten, d. h. solche, die nichts lesen noch schreiben können, hat es übrigens unter den Juden aller Länder fast gar nicht gegeben; denn Hebräisch konnte jeder lesen. Die sächsischen Tierschützer. Die Sachsen, die sich rühmen, das erste Schächtverbot crlaffon zu haben, sind ihrer Meinung nach natürlich die huntansten Tierschützer. Man weiß zwar, daß in ihrein Königreich die meisten Selbstmorde verkommen, nichtsdestoweniger fahren die Hellen Sachsen fort, sich inehr um die Beschützung der Ochsen als um die der lieben Mitmenschen zu kümmern. Leider stehen ihnen die Ochsen auch iiäher als die Pferde. Tiefe zu schützen, fällt ihrem Humanitätsgefühl nicht ein. Die „Lpzg. Ztg." vom 26. Mai schreibt nämlich: „Wie wir erfahren, bestätigt es sich, daß bei dem Distanzritt Dresden-Leipzig außer dem von uns gestern erwähnten iloch fünf weitere am Distanzritt beteiligte Pferde den Strapazen erlegen sind. Zwei der wertvollen Tiere verendeten unterwegs und vier derselben waren so außerordentlich erschöpft, daß sie, obglich sie bei ihrer Ankunft sofort in tierärztliche Behandlung genornnten wurden lind ntan ihnen die beste Pflege angedeihen ließ, hier im Stalle verendeten." Es geht doch nichts über Tier- und Wahrheitsliebe! * Der Budapester Hirlap brachte dieser Tage eine recht interessante Statistik über die in Ungarn vollzogeiten Aenderungen von deutschklingenden in ungarische Namen. Es ließen stch in den Jahren 1801 bis 1804 ihre Namen magyaristeren: 1801 1892 1803 1804 Römisch-Katholische 201 337 401 260 Griechisch-Katholische 18 15 17 25 Lutheraner 40 35 43 23 Reformierte 30 18 24 20 Unitarier — — 1 1 G r iechis ch-Orienta len 1 8 1 4 Judeit 433 468 501 526 Suiuiue 723 781 888 868 Folgende Flamen werden besonders häufig mit magyarischen vertauscht: 1804 Kohn 53 mal, 1803 56 mal, Weisz 28 (28), .Klein 26 (17), Schlesinger 13 (1.4), Löwi 11 (8). *v Die Juden in Nutzland. Das folgende Schreiben des Fürsteil Krapotkin lvurde in eitler der letzten Nummern des londoner Weltblattes „Times" veröffentlicht: „Mein Herr! Als ich vor einigen Monaten in Bl. A. Errcra's Buch „Die Juden in Rußland" las, daß' einem alten Juden, der von eineni tollen Hunde gebissen worden war, die Ausnahme in das Pasienr-Jnstitut zu Petersburg verweigert wurde, weil Juden in die Krankenhäuser der russischen Hauptstadt nicht aufgenomlnen werden dürfen, hielt ich, offen gestanden, diese Blitteilung für wenig glaubwürdig. Tic Thatsache soll allerdings zu der Zeit, als sic sich ereignete, in den russischen Blättern erivähnt worden sein: die Ablehnung der Aufnahme, hieß es, fei von den Aerzten des Hospitals schriftlich beglaubigt worden: man müsse cs also glauben. Ich dachte aber trotzdem noch, daß ähnliche Facta sich nicht wiederholen könnten: sie sind doch zu empörend. Aber in dem „Regierungsanzeiger" lPraivitelstweniipi WyesiniO, der mir heute zuging, finde ich ein Rundschreiben des Kriegsministers, Kcneral Wannowskp, welches beweist, daß die unmenschliche Politik der russischen Regierung gegen die Judeil immer schlimnier wird. Hier ist eine