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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
Seite 365 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 23. 5 e l d) u r u u. Seile 3<;u sehen bekommt, und seinen Geschmack nicht für schleckt und verderbt halten, weil gewisse litternrische Produkte erscheinen, die unter frühreifen und scknell verblühten Sprößlingen in Stadt und Dort luiüit^e Abnehmer finden. Die Werke unserer großen Dichter und Schriftsteller finden im Volk noch immer mehr Verehrung und Anerkennung. Man besuche das Theater an den Tagen, an denen klassische Stücke aufgeführt werden, und man wird stets aus den billigen Plätzen, die der „kleine Mann" zu bezahlen imstande ist, ein dichtgedrängtes, begeistert lauschendes Publikum finden. Und so lange dies der Fall ist, thut man Unrecht, unferm Zeitalter den Sinn für das Witte und Schöne abzusprechen. Jedenfalls wird man den Sinn für das Ideale nicht 'fördern, wenn diese moralsierenden Bestrebungen von Kreisen ausgehen, denen selbst es damit nicht lernst ist, und welche die Tugend wünschen unter der Voraussetzung, das; sie - von anderen bethätigt werde. ^l. K. Feuilleton. Entgleist! Eine galizische (5'r,;äf)Imiß von Wi lhelm Jyelbntau. (Jvortfcpufl). Nachdruck verboten. XV. Eines Tages, es war dies an einem Feiertage, fuhren sie in die Kirche. Auch Herr .Sirafitfi war, was sich selten traf, von der Partie, und sie machten sich nach dem nah gelegenen Städtchen aus den Weg, denn in Janowka war kein (Geistlicher, nur eine kleine Kapelle, wohin der Vikar zweimal des Monats kam. .(kaum waren sie im Städtchen angelangt, als Herr Atraficfi unter einer Gruppe vor ihm tief sich verbeugender Inden einen Bekannten gewahrte. „Steh, Franz," ries er dem Rutscher zu und winkte gleichzeitig seinem Auserwählten. „Komm nur her, Du Schacherer!" Hastig kam der nicht mehr junge Jude herangesprungen und blieb mit der Mütze in der Hand vor der Kalesche stehen. „Der,jasni Pan*) will wahrscheinlich sprechen wegen des Napfes, was ick von ihm gekauft lmbe." - „Ja, ja, Du Schacherer. Du kannst jemand um Deine Säcke schicken." — „Wiek Der gnädige Herr hat mir doch den Raps hierher zu liefern!" — „Dieses Jahr wirst Du keinen Raps mehr bekommen. Ich habe ilm an Schmul verkauft." „Aj, >vaj," rief der Jude entsetzt. „Das ist ja eine Gewallthat! Wie heißt, Sie haben ihn verkauft k Warum haben Sie ihn verkauft? Habe ich doch für ihn noch voriges Jahr bezahlt — bares Geld, welches bei Ihnen ohne Prozente liegt k" „Du bist gescheidt, Iüdel," lachte Krasicki hell aus. „Und weißt Du. das; man jetzt für Raps 3 pEt. teurer zahlt, und Du hast gar gewollt, das; ich ihn Dir zum vorjährigen Preise gebe." — „Ja, so," erwiderte der Jude mit Einfalt, „war doch so unsere Abmachung. Und wenn der Raps heuer gefallen wäre, so hätte ich wiederum verloren." — *) Ter hochwohlgeborene Herr. „Und da der Preis in die Höhe ging und Schmul gut bezahlte , habe ich ihn ihm verkauft und damit basta. Dir gebe ich das Geld und die Säcke zurück. Lebewohl, Du Schacherer — wio, Franz!" Und sie fuhren nach dem Gotteshause. Der Jude stand händeringend am Flecke und der Herr Krasicki erzählte seiner Frau, das; er diesem Jizckok voriges Jahr Raps verkauft und das Geld im voraus genommen habe, und jetzt . . „Du hast gut gethan, Knzimier," schloß Frau Amalie. „Mögen diese Schacherer wissen, das; auch wir zum Verstände kommen." Diese Szene gab Klara viel zu denken. Und auch in der Kirche, während der Herr Krasicki in der Kollatorbank saß und andächtig das ihm vom Geistlichen gereichte Kreuz küßte, konnte sie sich das vorige Bild nicht aus dem Kopfe schlagen und — zum ersten Male seit langer Zeit dachte sie: „Er hat schlecht gehandelt, der Jude hat recht, obwohl ihn der Herr einen Schacherer genannt hat." Und die von dem Ehepaare Krasicki zur Schau getragene Frömmigkeit, welche doch zu Hause durch ihre aktive Irreligiosität Anstoß erregten, wunderte sie. — Unterdessen wurde ihre Lage bei der Herrschaft immer unerträglicher. Tie vom ersten Augenblick ihr feindliche Frau Amalie trieb mit der Zeit ihre Barschheit und Geringschätzung zu solchem Grade, das; das arme, an eine derartige Behandlung nicht gewöhnte Mädchen viel litt und verstohlen weinte. Auch das Hofgesinde wurde, sich die Herrschaft zum Muster nehmend, keck und setzte der „stolzen" Gouvernante auf verschiedene Weise zu. Das war aber zu ihrem Wöhle. Das Kapriziöse und Phantastische, bisher in ihrem Eharakter vorwiegend, schwand allmählich dahin, aus solche felsige Hemmnisse stoßend. Aber den größten Verdruß hatte sie mit den Kindern. So lange sie sich mit ihnen unterhielt und ihre Uebergrisfe duldete, hatten sie sie lieb; als sie aber ihre pädagogische Arbeit begann, wurden sie rebellisch. „Pfui, Lala, das ist nicht schön, das; solch ein erwachsenes Mädchen noch nicht sollte lesen können." Lala machte ein verdrießliches Gesicht, weinte und mußte die Hilfe des Vaters in Anspruch nehmen, der aus eine ganz uupädagogische Weise sich mit ihr auseinandersetzte, wofür ihr daun die Fran Amalie schwere Vorwürfe machte. Ein anderes Mal ruft Klara: „Ranie! Warum schlägst Du den kleinen Hans? Das ist schlecht, das ist Sünde!" Da ließ sich die spitze Stimme der Frau Amalie vernehmen: „Was machen Sie dort für Szenen wegen des Bauernkiudes? Der- Teufel wird ihn nicht holen, wenn ihn Ranie am Dhr zieht." In den Briefen, welche Klara an Sophie schrieb, war der Ton immer ein leichter und der Sinn freimütig. Sie machte aus ihren Leiden ein Hehl, denn sie wußte, daß es schwierig sei, einen anderen Posten zu bekommen. Ende Juni kam aus Lemberg der geliebte Sohn der Frag Amalie, der achtzehnjährige Rechtshörer Genio. Er war der Stolz und Trost der Mutter. Der Zylinder, den der junge Herr trotz der tropischen Hitze aus dem Lande nicht ablegte, imponierte ihr und entzückte sie, wie nicht iichider der goldene Zwicker und der Stock. Und was für Benehmen, Ehie und Anmut hatte er! Und mit welcher geringschützenden Miene erwähnte er der Häuser, in welchen er verkehrte, der Fürstinnen und Gräfinnen, mit denen er tanzte, und der Triumphe, die er in der Gesellschaft davontrug . . Di^. Mutter war im siebenten Himmel und der Vater wiederholte.

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