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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
Seite 364 (sequence 8)
Language
German
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Seite 364. JescHriarun. Nr. 23. Naturwissenschaft vorzüglich eine materialistische war, so wurde von uiclcn verschüchterten Gemütern das Ende der Dinge prophezeit. Nichtsdestoweniger hat das deutsche Volk noch Episoden auslodernder Begeisterung erlebt, und es wurde klar, daß die materialistische Weltanschauung dort keineswegs den Idealismus der Menschen vernichtet hatte, wo Ideale vorhanden gewesen waren. Jakob Moleschott, den man als den Vater des wissenschaftlichen Materialismus bezeichnen darf, dessen materialistische Weltanschauung Feuerbach in einer berühmt gewordenen Besprechung in dem Lehrsatz zusannnenfaßte: „Der Mensch ist, was er ißt", hat stets dagegen^ Verwahrung eingelegt, daß man den Materialismus als Philosophie und Weltanschauung mit dem Materialismus als Lebeusauffasiuug verwechsele. Er selbst war ein klassischer Zeuge gegen jene Verwechselung, denn der Naturforscher blieb Zeit seines Lebens ein Idealist, dem es ein unübertreffliches Vergnügen war, Goethe's Schriften zu lesen und wiederum zu lesen. Als er sich in seiner holländischen Heimat geistig vereinsamt fühlte und fürchten mußte, melancholischer Stimmung zu verfallen, boten ihm Goethe's Werke Heilmittel gegen jene Stimmung, Trost und geistige Erholung. Seitdem hat die materialistische Philosophie durch die Kraft der freien Wissenschaft und ohne die Einwirkung des Polizeibüttels viel von ihrem Nimbus verloren, was nie der Fall hätte fein können, wenn sich die hohe Dbrigkeit in die Sache gemischt hätte, um eine andere Weltanschauung von oben herab zu dekretieren. Andere Wissenschaften wurden seitdem Modesache, die Philosophie in ihrer pessimistischen Richtung, die Geschichtsschreibung mit tendenziösen Hinbeutungen und endlich gegenwärtig die Sozialpolitik. Alle diese Wissenschaften werden ihren bleibenden Wert behalten, für das große Publikum aber nicht immer von gleichem Interesse sein. Dagegen zweifeln wir keinen Augenblick daran, daß das, was man so gerne „für das Volk" behalten möchte, Glauben und religiöse Empfindungen, stets wiederkehren wird, auch wenn es in gewissen Episoden scheinen möchte, es sei mit allem Glauben zu Ende. Doch auch hier gilt die Voraussetzung, daß nicht von oben gar die Sache gewaltsam herbeigesührt würde. Wir haben es in verschiedenen Episoden der Geschichte erlebt, daß gerade nach einem Sturm, der jedes religiöse Gefühl im Volk vernichtet zu haben schien, dies (Gefühl mächtiger denn je wieder hervorbrach. Nie war das französische Volk religiöser und der Kirche ergebener, als nach den Revolutionsstürmen, nachdent Jahre lang die Parole „eerasez l’inlamc“ geherrscht hatte und nachdem von fanatischen Theoretikern die Vernichtung des „Aberglaubens" mit den.gewaltsamsten Mitteln versucht worden war. Der Religioustrieb ist dem Menschen angeboren, und nur die Forin, in welcher sich jener Trieb bethätigt, wird durch Erziehung und andere Umstände bestimmt. Dieser Satz ist nicht etwa die Hypothese eines modernen Philosophen, sonderitz stammt von einem genialen Halbbarbaren, von dem Stifter des Islam, der das richtige getroffen hat. Unter irgend einer Form, wird sich das Bedürfnis für Ideale in der Menschheit stets bemerkbar machen, ebenso wie alle Wissenschaften nicht imstande sind, die Empfänglichkeit für Poesie zu ertöten, wenn sie dem Menschen als Raturgabe verliehen ist. Trotz der abhanden gekommenen Ideale hat gerade unser Zeitalter großartiges an Werken der Humanität und der Wissenschaft geleistet. In Amerika, wo von oben herab gar keine Moral uitd gar keine^ Ideale dekretiert werden, erblicken nur die bedeutendsten Schöpfungen für wissenschaftliche und humanitäre Zwecke, wie wir sie in Europa, wo stets der Segen von oben erwartet wird, gar nicht kennen. Vielleicht ist es gerade das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit, welches den Menschen an: meisten dazu führt, eine ideale Gesinnung zu hegen und auch zu bethätigen. Wir sehen, daß in Amerika ohne Staatsunterftützung und ohne staatliche Autorität die Religion viel wirksamer ist, als in der alten Welt. Jedenfalls haben wir nicht das Recht, in der Menschheit eine tollgewordene Bestie zu erblicken, die Verderben und Unheil stiften würde, sobald sie losgelassen wäre. Es wird von gewissen Seiten gehöhnt, man wplle keine Armeiuinterstützung, sondern nur Arbeit lind Lohn. Jeder denkfähige Mensch wird dies ebenfalls als wünschenswert betrachten. Da gewiß selbst die Adepten des Zukunftsstaates größtenteils eingestehen müssen, daß die Verwirklichung des Jdealstaates in unabsehbare Zukunft gerückt ist, so wird den „Mühseligen und Beladenen" damit nicht gedient sein, daß wir ihnen eine Anweisung auf den „Jdealstaat" geben, in welchem für jeden der Tisch gedeckt stin wird. Da die Armen nicht hoffen dürfen, ein so hohes Alter zu erreichen, um sich dann satt essen zu können, so thut Hilfe, wenn sie mit Humanität und Vernunft, noch mehr aber, wenn sie mit Gemüt geleistet wird, sehr wohl. Auch hier sehen wir, daß die Hilfe am ausreichendsten und wirksamsten ist, wenn sich der Staat nicht hineinmischt und dem menschlichen Gefühl Spielraum gewährt, an dein Anblick des Elends und her Armut sich für die Werke der Humanität zu erwärmen. JU’iit Staat der Welt mit aller obligaten Armenhilfe ist imstande, das zu leisten, was die private Wohlthätigkeit in der großartigsten Weise geleistet hat. Auch die Sitten sind besser und das Verhältnis zwischen Starken und Schwachen menschlicher geworden als früher. Und wo wir Roheit und Brutalität hervortreten sehen, sind wir keineswegs berechtigt, die Wissenschaft und die Kultur dafür verantwortlich zu machen, sondern wir müssen sagen: Hier hat die Kultur noch keinen gründlichen Einfluß ausüben können, und wir müssen mit Geduld abwarten, bis dies im Laufe der Zeit geschehen sein wird. Die unliebsamen Erscheinungen im öffentlichen Leben und in der Litteratur sind keineswegs Produkte des modernen Staatslebens. Vor hundert Jahren war es in Berlin verboten, über Politik zu sprechen, weil lium vor dcm französischen Jakobiuismus eine heillose Angst hatte. Es wurde auch nickst gesprochen, weil die Polizei aus der Höhe ihrer Ausgabe stand und Polizeispione auszuschicken pflegte, welche die politische Rechtsglüubigkeit der Unterthanen zu beaufsichtigen hatten. Aber ein verständiger Beobachter beinerkte sehr treffend: „Jetzt wird wohl nicht öffentlich getadelt, aber heimlich um so vernichtender geschimpft und verurteilt." R'ach den Karlsbader Beschlüssen waren Staat und Kirche gerettet; aber gerade aus jener Zeit hat unsere Litteratur die schlechten Zoten ausbewahrt, und Abgeschmacktheiten, die damals ein großes und begeistertes Publikum gefunden haben, halten wir heutzutage für unmöglich. Wir glauben, kein Wort davon, daß unsere Kultur schon den Höhepunkt überschritten habe itnb nun dem Verfall entgegengehe, weil irr den (Großstädten, wo die Wellen des Lebens manche faule Auswürfliitge zum Vorschein bringen, schlechte Sitten 'und sittliche Verkommenheit anzutresfen sind — wie aus dem flachen Lande. Ai au darf das Volk nicht nach dem beurteilen, was man an den Stätten des Lasters

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