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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
Seite 363 (sequence 7)
Language
German
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‘Jtr. 23. p * f ttj u r ii u. Seite 363. ^h^'^ninu'ily io wäre die ÜU'tion zue Lösung der „Iudenfragc" sicherlich lischt in jene bestialische Judenverfolgung ausgeartet, welche ihr in deck fahren 1837 bis I8!>3 ihr nbiebeukiches (Gepräge anförückte. Der Sknat, dein i» Rechtssachen eine geivisse Unparteilichkeit nicht abgesströckM werden kann, Hütte sein Urteil jenem der Majorität der .Kommission angepaßt, was für die Bagt' der Juden im Gleiche von den wohlthnendsten sollten gewesen wüte. Aber die Kommissivnsbeschlüsse kamen nicht vor den Senat, sondern würden n«l iuün gelegt, und zwar deshalb, weil man wußte, daß an allerhöchster Stelle der Wille nicht vorhanden ist, die ^age der Inöen atich nur durch eine teilweise Emanzipation besser zu gestalten. Dagegen drang der inhumane Geist der Minorität der Pahlenschen Kommissiön in alle Regierungskreise, die sich mit besonderem Eifer bemühten/ die Juden ans Schritt und Tritt zu bedrängen. So standen die Dinge, als 18st1 eine neueKommissiön zur Bosnng der „Indensrage" unter Vorsitz des Geheimrntes v. Plehve eingesetzt wurde. Plehve selbst ist ein Bnreankrat vom Scheitel bis zur Sohle, der seine Laufbahn ln den niederen Regionen des russischen Dschinowniktums begann und durch Kleist und Energie es zum Senator brachte. Seine Individualität gab der Kommission ihren eigentlichen Charakter. Er ließ das ganze Material der Pahlenschen Kommission Herbeischafseil, um die niif Grund desselben gefaßten Resolntioneii zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Juden im Reiche einer Revision zu unterziehen. Und nun nach mehrjähriger Thätigkeit hat die Plehvesche Kommission beschlossen, stch der Ansicht der Minorität der Pahlenschen Kommission, daß die Regierung durch Ausnahmegesetze gegen die Inden die einheimische Bevölkerung vor der „jüdischen Ausbeutung" schützen müsse, anznschließen. Dtlrch diesen Beschluß der Plehveschen Korn Mission dürften alle Hoffnungen der Juden ans eine Besserung ihrer Bage sich als „absurde Träume" erweisen. Die Ansicht der Plehveschen Küinmission ivird ja ans jene Machthaber, von denen das Schicksal der russischen Inden abhängt, schon von vornherein einen für die letzteren verhängnisvollen Einfluß üben. Daß diese Annahme begründet ist, zeigt bereits das Verhalten des russischen Ministeriums für Volksanfklärnng gegenüber den Beschlüssen der Rabbinerkonnnission, welche eigens dazu berufen ivar, um der Regierung Vorschläge zur Hebung des Bildungsniveaus der Inden zu machen. Die Mitglieder der Rabbinerkontmission, Kotlowker und Baratz, überreichten dem Ministerimn ein Memorandum, in welchem die Rotwendigkeit der Errichtung von Elementarschulen für die Inden nachgewiesen ivnrde. Run hat das Ministerium an Herrn Kotlowker die offizielle Antwort ergehen lassen, daß es den Vorschlag der Rabbinerkommission zwar zur Kenntnis genommen hat, aber nicht zur Verwirklichung bringen könne. Wie zum Hohne fahren aber die Judenfeinde fort, zu behaupten, daß die Inden ihre Kinder in die Schule — nicht schicken wollen. Wenn die Ausweisungen von Juden seit der Thronbesteigung Nikolaus II. eilt wenig nachgelassen haben, so geschah es, wie jetzt allgemein bekannt ist, nur aus ökonomischen'Rücksichten; hat es sich doch klar herausgestellt, daß die Indenausweisungen der wirtschaftlichen Wohlfahrt der orthodoren Bevölkerung großen Schaden zngefügt haben. Von einer Regelung der Rechtsverhältnisse der Inden ans gesetzlichem Wege ist jedoch jetzt angesichts der Resolution der Plehveschen Kommission keine Rede. Der Senat dürfte kaum in der Bage sein, zu (Gunsten der Inden seine Stinnne zu erheben, denn zu der Minorität der Pahlenschen Kommission ist jetzt die Mehrheit der Plehveschen Kommission hinzugetreten. Wir fürchten sehr, daß den „absurden Träumen" für längere Dauer bittere Enttäuschungen folgen werden. Allkrlki Mfrap, in ilichtjiidilltikr, dach nicht unjil-ischer öelknchtnng. 1. linier in a t c r i a l i st i s ch e s Zeitalter Unserem Zeitalter ist oft und von. verschiedenen Seiten der Vorwurf gemacht worden, daß ihm jeder Idealismus abhanden gekommen sei, daß die heutige Generation dem ödesten Materialismus huldige und in der Jagd nach Genüssen und Erwerb, dessen Ertrag die Verschaffung jener Genüsse diene, allen Sinn für die Ideale verloren habe, die in der „guten, alten Zeit" die Menschheit für alles Gute und Schöne begeistert halten. Angesichts mancher unliebsamen und verletzenden Erscheinungen im öffentlichen Beben wird von vielen von einem „Kulturdefizit" des nunmehr zu Ende gehenden Jahrhunderts, von dem „Bankerott der Wissenschaften" gesprochen. Andere wiederum, die sich nicht gerne mit Kleinigkeiten abgeben, vergleichen unsere Zustände, die sozialen und politischen Wirren, mit denen, welche die Zersetzung und schließliche Auflösung der alten klassischen Kultur herbeigeführt und es verschuldet haben, daß eine Barbarei hereinbrach, welche die Menschheit viele Jahrhunderte hindurch in geistiger Finsternis hielt. Vorausgesetzt, daß wir es incht mit litterarischen Gigerln zu thnn haben, bei denen der die Welt vernichtende Pessimismus nur eine Pose ist, um bleichsüchtigen Mädchen und blasierten Jünglingen zu imponieren; vorausgesetzt ferner, daß die Parole von dem „Knlturdefizit" und dem „Bankerott der Wissenschaft" nicht im Interesse einer bestimmten politischen oder religiösen Richtung ansgegeben wird; in dem Fall also, wo wir es mit ehrlichen und gebildeten Menschen zu thnn haben, die an dem Fortschritt des menschlichen Geschlechts verzweifels, ivird es sich gewiß lohnen, an der Hand der Geschichte Kritik zu üben und die Frage zu erörtern, ob unsere Kultur schon wirklich auf den Punkt gelangt sei, daß sie dem Untergange anheimfallen müßte. Wir schicken voraus, daß wir, selbst für den Fall einer notwendigen Bejahung dieser Frage keineswegs die Konseauenzen daraus ziehen könnten, die von gewisser Seite als unausweichlich hingestellt werden, nämlich daß „die Wissenschaft umkehren müßte". Hat ein Mensch eine geivisse Reife und ein gewisses Alter erreicht, so kann er unmöglich zu der Naivität eines Kindes znrückkehren, und will er den Versuch wagen, so ist sein Wesen nicht kindlich, sondern kindisch — ein nicht gerade reizvoller Zustand. Im Beben der Völker ist es ebenso. Sollte thatsächlich ein Zustand der inneren Degeneration und der sittlichen Verwahrlosung herrschen, so .würden wir durch die „Untkehr der Wissenschaft" nur Heuchelei unö noch größere sittliche Verkommenheit herbeiführen. Ist es aber in der That so schlecht mit der öffentlichen Moral und der Wirkung der Wissenschaft bestellt'( Wir haben es im Banse der letzten fünfzig Jahre miterlebt, wie das Interesse für einzelne Zweige der Wissenschaft im großen Publikum wechselte. Unmittelbar vor den Märzereignissen und später während der Zeit der politischen Windstille war die Naturwissenschaft sozusagen Mode, und da die damalige

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