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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
Seite 360 (sequence 4)
Language
German
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Seite 300. A e s cH u r r< n. Vir. 23. Hub bas beute noch, nachdem nufer beutfcher Patriotismus die jeden Zweifel erfchlagenben Probe.! bestauben hat, von beiten oben die Rede gewesen ist? Es soll nun schlimm fein oder ein Ruhm, daß wir eine Ttammesgemeinschast bilden - eine Thatsache ist es jedenfalls. WaS sie beseitigen will, unternimmt ein schwieriges und unter allen Umstänben langwieriges Werk; unter zpieibnnbert Jahren ist an eine Auflösung nicht zu denken, nnc nur wenn die Kreuzung als unverbrüchliches Gesetz beobachtet wird. Dann erst wäre eine jüdische Religion möglich, wie die Herren vom angeblich liberalen Konnte sie sich denken. Der Gottesdienst freilich machte auch dann noch Schwierigkeiten, denn mit der bloßen Abschaffung der hebräischen Gebetssprache ist eS nicht gethan. Das Dogma schon ist so nnbegnem national eingekleidet, wendet sich so ohne jede Rücksicht ans die Herren vom angeblich liberalen Konnte an das Volk Israel, das doch gar kein Volk, ist, und nicht einmal ein Volk gewesen sein soll. In der Znknnstssimagoge, die sich demnächst in Berlin W. erbeben nnd in der kein hebräisches Wort die Andächtigen an ihre Unwissenheit erinnern soll, wird der Vorbeter, ehe er die Vorlesung anS der Dhora beginnt, nicht rufen: Höre, Israel! sondern: Höret, ihr deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens? Es wird reitend sein. vic plirnitzeiiikili-kil in Kerlm. Bon Bar Miiian.;iv. Ist der Gottesdienst am Sabbat oder am Feiertag zn Ende, so sieht man heftig gestikulierende Männer vor der Synagoge nnd ans dem Wege nach Hanse. Da wird die Predigt nnd natürlich auch der Prediger seziert nnd fast immer im negativen Sinne beurteilt. Ganz befriedigt hat der Vortrag keine Versammlung; eine Partei hat gewiß etwas daran nnSznsetzen. Ich fragte einst einen Biedermann, der sich in leidenschaftlichen Angriffen ans den mir bekannten hochwissenschastlich gebildeten Rabbiner erging, was er denn eigentlich an der Predigt anSznsetzen habe? „Run, mir hat sie nicht gefallen!" — „Was hat Ihnen denn an dem schönen Thema: „Religion nnd Wissenschaft" nicht gefallen; haben Sie überhaupt die Ausführungen verstanden?" - Mit gutmütiger Selbstironie gestand der Kritiker: „Rein, die Ehnzpe habe ich nicht, aber was red't der Herr Dinge, die man nicht versteht?" Richtig. Die meisten älteren Spnagogenbesncher verstehen keine philosophischen Themata, nnd es ist falsch nnd nnpraktitch, abstrakte Fragen ans der Ranzel zn behandeln, die oft nnd von vielen nicht verstanden werden, aber die Ehnzpe der Kritik haben alle, — die Jungen wie bic Alten! Nimmt der Prediger die Auslassungen ernst, remonstriert er gar dagegen, so ist er verloren; in preußischen Gemeinden hängt so wie so das Damoklesschwert der Kündigung über seinem Haupte. Eine mißlungene Predigt bringt niemanden nm sein Amt, eine glänzende Rede aber befestigt eben so ivenig die Stellung. Hier hilft nur ein bischen Eoneilianee nnd ein gewisses Roli me taubere! Zwei Fremdwörter mit echt deutschem Begriff. In dem Worte Eoneilianee kann man alles hiaeinlegen: Liebenswürdigkeit, Biegsamkeit, unbedingtes Unterwerfen n. f. w. Diese Eigenschaften stellt man heute in erster Reihe an den Meschnbod Nr. l. Das Xoli me tangere läßt sich kürzer nnd in Zahlen ansdrücken. Es bedeutet eine große Mitgift oder eigenes Vermögen: mindestens so viele Zinsen, wie das jährliche Einkommen in derKehillah. Der Mann ist alsdann groß, feine Predigten geistreich, an ihn wagt sich selbst die größte Ehnzpe nicht hinan. Eigenes Vermögen des Beamten, gleichviel welcher Qualität, ist ein Felsen, an dem die heftigsten Gemeindestürme machtlos sich — brechen. Ebenso verhält es sich mit dem Kantor, der allerdings in den älteren Gemeinden unentbehrlicher ist als der Prediger um dessen Leistungen man schon eher und richtiger zn beurteilen versteht. Auch er wird oft das Opfer der weisen Gemeindebeschlüsse. Am schlimmsten aber ist der KnltnSbeamte daran, der wie ein abgerichteter Vogel singen, sprechen nnd pfeifen kann. (Er geht auch flöten! Anm. des Setzers.) Dieser ist ein Allerweltsgenie nnd merkwürdigerweise am wenigsten seßhaft, weil er am meisten der Kritik ansgesetzt ist. Er schächtet die Ochsen, lehrt die Kälber — (es heißt Kinder, verehrter Setzer!) er singt, so gut er kann nnd wenn er am Jomtob „gelei'nt" und etwa 30 Mischeberach gemacht, so besteigt er würdevoll die Kanzel nnd liest eine Predigt vor. Ist er ein wirkliches Genie, so hat er sie auch memoriert. Es giebt Gott fei Dank nicht viele solche Genies, denn je mehr er leistet, desto mehr „schwankt sein Eharakterbild in der Gemeinde." Unten in der Synagoge hat sein „Lei'nen" nicht gefallen, er „grast" zn viel!*) Oben hat den Frauen die Predigt gefallen, aber die Parneßte ist böse, weil der neue Hut der Frau Prediger etwas geschmackvoller ansgefallen ist, wie der ihrige; so hat eine gute Freundin ihr ins Ohr geflüstert. Armer Mensch, er hat bei den vielen Leistungen den einen großen Fehler: er ist abhängig von dem Gehalt, nnd ist er sehr tüchtig, so bringt er es bei 23 jähriger Wirksantteit zn 8—10 verschiedenen Stellen in allen Gauen Deutschlands. ES bewährt sich eben das alte Bibelwort: „Uw'ne ko rach lo messu!" — Die Söhne Korach's leben, kritisieren nnd reklamieren! Das ist in gedrängter Kürze das Wesen der Kritik in allen Gemeinden der Provinz, und wenn die Wellen sehr hoch gegangen, haben sie meist Weib und Kind des -- Beamten verschlungen. Auch in Berlin schweigt die Volksstimme nicht, aber hier ist sie ganz ungefährlich, weil hier der einzelne „niks to feggen" hat. Die Predigt wird ebenso rezensiert, der Gesang des Kantors ebenso besprochen, wie in der Provinz, — aber dabei bleibt es, nnd werden auch die Herren gelegentlich einmal gehörig dnrchgehechelt, von ihnen bleibt kein Haar an den Zähnen hängen. Selten oder nie ist wegen der Funktionen eine Beschwerde an den Vorstand gelangt, nnd sollte der Zorn eines einzelnen sich soweit verfteigen: — ans derartige Reklamationen reagiert der Berliner Vorstand nicht. Das ist gut so, nnd wenn die Epigonen in der Provinz — Epigonen im Einkommen meinen wir — die Angestellten in der hiesigen Gemeinde auch nicht wegen des horrenden Einkommens beneiden, — wegen der unnahbaren Stellung werden sie mit Recht beneidet. *) Vci’uen ist kein Hemdcittuch, sondern das Vorlese» ans der Thora, nnd grasen hat mir dem Tiner des Ochsen nichts zn schaffen, sondern bedeutet: „er hat nicht geochst", d. h. er macht Fehler beim Vorlesen. H

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