Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- Seite 359 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Z e f cH u r u n. Seite 359, wendet zu jeden, denen sie sonst entwachsen zu sein glauben dürfen. Doch ich brauche solche Besorgnis nicht zu begen. Meine minder und nach Maßgabe ihrer Jahre mit der deutschen (beschichte vertraut, nicht zum wenigsten mit den Kapiteln, die von deutscher Schande erzählen, indem sie von den Leiden der deutschen Juden berichten. Meine Kinder wissen von den Martern, die durch inehr als ein Jahrhundert ganze (Geschlechterfolgen ihrer Vorfahren zu Märtyrern machten; sie wissen von den namenlosen Qualen, die ihrer Väter Chronik mit Blut und Tbränen niederschreiben ließ; sie wissen von den Peinigungen, die au der „Pfaffengasse" anhoben, über Worms und Speier und Erfurt sich fortsetzten und erst an der Reichsgrenze aufhörten, wo den Verfolgern nicht der Hast, aber die Macht ausging; sie wissen, wie die deutschen Juden, ein leidgewohntes Geschlecht, in dem Asyl selbst, das vor den Nachsetzungen des allzu stiefväterlichen Vaterlandes sich ihnen aufthat, das Deutschtum nicht vergasten, seine Sprache treu bewahrten, treuer und sorglicher als die vermochten, die im Lande blieben und dessen Kultur in grüuelvollen Kriegen bis zur Spurlosigkeit verwüsteten. Meine Kinder wissen, daß die von deutschem Raub- und Mordgesindel aus Deutschland vertriebenen deutschen Juden Deutsche geblieben sind auch in der gastfreien Fremde. Hier hat sich Treue erprobt, „Treue für unser deutsches Volk und Vaterland", wie das Programm des angeblich liberalen Komit^s so schön, wenngleich mit etwas freindem Aeeent sagt. Eine Treue, die solche Fährnisse Überstunden, die fast bis zur Kuechtseligkeit sich erprobt hat, die bedürfte in unseren Tagen noch besonderer Stärkung, bedürfte ihrer gerade in Berlin und namentlich aus Anlast der Gemeindewahlen? — Credat Judaeus Apella! Man hätte glauben mögen, daß das in Rede stehende Programm sich nur im Ausdruck vergriffen, ums dem sprachfremden Verfasser leicht begegnen konnte. Freilich müßte man dabei ein ziemlich ungewöhnliches Maß von Ungeschicklichkeit voraussetzen, denn in jenem Programm war dem „häßlichen Schauspiel des Abfalls", das die Eineu bieten, als das noch schlinnnere gegenüber gestellt, daß Andere das Heil in der Rückkehr zu starren Formen „oder gar zu nationaljüdischen Ideen" suchen. Inzwischen haben führende Mitglieder des angeblich liberalen Komiü''s in den von diesem berufenen Versammlungen regelmäßig mit erhobenen Händen beschworen, daß es in ihren Augen und nach ihrem Wunsche außer der des Glaubens unter den Juden keine Gemeinschaft gebe noch geben dürfe. Was meinen die Herren wohl damit? Sind sie Anti-Zionisten? Das untre an sich nicht unmöglich und nian dürfte ihnen schon Zutrauen, daß sie mit Kanonen aus Spatzen schießen. Doch da unter den solchergestalt bedrohten Spatzenköpfen sich auch Häupter befinden, die ihnen besonders lieb und wert.sind, da in ihrer eigenen Mitte eifrige Förderer der zionistischen Bewegung sind, so muß ihr schweres Geschütz auf anderes Ziel gerichtet sein. Sie wollen aus den traditionellen Gebeten alle Hinweise auf eine Rückkehr in das Gelobte Land streichen, jede Andeutung entfernen, aus der man schließen könnte, daß ihnen der Anbruch des messianischen Reiches willkommen sei. Das ist ihre Absicht, weil sie in der That nicht nach Palästina zu gehen Neigung haben, und weil sie besorgen, man möchte im anderen Falle ihren deutschen Patriotismus in Frage ziehen. Der Patriotismus jener Herren ist offenbar recht empfindlich; er kann keinen Zug vertragen. Der meinige hat eine derbere Konstitution; er fühlt sich über jeden Zweifel erhaben, auch wenn ich offen bekenne, daß ich unter des Messias Führung dem Zuge gen Jerusalem freudigen Herzens folgen würde. Ganz unter uns erlaube ich mir die bescheidene Anfrage, ob jene Herren sich ernstlich sträuben würden, wenn der Messias sie riefe? Sie dürfen die Frage getrost bejahen oder verneinen, ganz nach dem Bedarf des Augenblicks: denn dem Messias, der wirklich Messias ist, versagt niemand den Gehorsam, und dem man den Gehorsam versagt, der ist nicht Messias. Hierüber aber will ich mit niemandem rechten. Ich verarge es keinem, der es anders hält, als ich thue; ich freue mich nur, daß mein deutscher Patriotismus, der so groß ist wie der des besten Patrioten, nicht engbrüstig und nicht engherzig genug ist, mir zu verbieten, daß ich bei dem der Erinnerung an den Auszug aus Egypten geweihten Fest' mahl mit Aufrichtigkeit rufe: „Heute noch im Mürkschen Sande, Später im Gelobten Lande; Heute noch gequält, geknechtet, Später frei und vollberechtet." Anti-Zionisten also sind die Herren voin sogenannten liberalen Komitv nicht. Sie fürchten nur für ihreu Patriotismus. Nicht als ob sie selbst ihm mißtrauten — bei Leibe nicht! — sie fürchten blos, daß andere ihm mißtraue» könnten, und in dieser blinden Furcht wollen sie dem Judentum jedes nationale und Stammes-Element abschwören und abstrcisen. Wollten die Herren sich etwas beruhigen und aus dem Mißtrauen Anderer sich weniger machen, sie würden die Dinge bald objektiver lernen und es am Ende gar so übel nicht finden, daß wir deutschen Juden, zu den ältesten Bewohnern des Reiches zählend, bei unserer Einwanderung schon, die vor der Völkerwanderung anhob, auf eine Geschichte zurückblickten, die zugleich die Geschichte der höchsten Kultur und des größten sittlichen Fortschritts war, daß wir somit eine Mitgift ins Land brachten, stattlich genug, um uns Anspruch auf unauslöschlichen Dank zu gewähren. Man hat uns schlecht gedankt. Unsere Mitgift aber ist darum nicht schlecht geworden, und wir haben keine Ursache, aus sie nicht stolz zu sein. Deutschland zählt in seiner Mitte neben den jüdischen noch andere Stammesgemeinschaften, zum Teil solche, deren Urgeschichte - eben keine Geschichte ist, weil von ihr nur die heutige Fortexistenz Zeugnis ablegt. Die ältesten unter diesen Stammesgemeinschasten sind neben der unsrigen von säuglinghaster Jugend. Als diese Stammesgemeinschasten eine staatliche Existenz führten, von der es kein lebendiges Denkmal, keine Spur einer Kultur-Erbschaft giebt, da hätte der jüdische Staat seit Jahrhunderten zu existieren aufgehört. Zweifeln nun jene an ihrem Deutschtum? Und wenn ein dritter es anzweifeln wollte, was thäten sie? Würden sie Tracht und Sitte und Sprache und Gewohnheit vergessen und abschwören? Das würden sie mitnichten — sie würden den frechen Narren blos auslachen! Sollen wir nun trotz älterer Eingewöhnung, trotz längerer Entfernung von nationaler Sondererislenz für weniger bildungs- und anpassungsfähig uns halten, blos weil wir nicht mit leeren Händen, weil wir mit reichsten Geistesschützen ins Land gekommen sind?