Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 23 (7.6.1895)
- Date
- 1895-06-07
- Page
- Seite 358 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 35S £ e f d? u r u n. Nr. 2\\. witziger Sozialist: „Der Gott Israels l,at wieder einmal fein Volk gerettet." Was in der Kammer vorging, ist ein getrenetz Abbild der Ltimmung des sranzoiischen Volkes, unb and) von ihm fmm niau kurz sagen: „Das französische Volk ist nicht gegen die Inden, sondern gegen die Korruption." Jeder Versuch, den Antisemitismus durch jene Argumente einzubürgern, mit denen er in anderen Ländern sein Glück gemacht hat, ist in Frankreich gescheitert. Das Publikum glaubt Herrn Drnmont nicht, daß die Juden einen Geheimbund bilden, um sich der Herrschaft der Welt zu bemächtigen, und daß Rothschild der tingekrönte König von Frankreich ist. Das Publikum glaubt Herrn Drnmont nicht, daß die Juden eine fremde Rasse sind, und selbst wenn es ihm das glaubt, so ist dem französischen Publikum das vollständig gleichgiltig. Herr Druinont hat in der ersten Zeit der „Libre Parole“ gegen die Juden in Frankreich ohne Ausnahme gewettert. Da kam die Duell-- Assaire des unglücklichen Kapitain Mauer; seitdem ist Herr Drnmont vorsichtiger geworden und macht einen Unterschied zwischen den in Frankreich seit Generationen lebenden jüdischen Familien und den erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit aus Deutschland eingewanderten Juden. Letztere sind nunmehr das hauptsächliche, wenn nicht alleinige Objekt der antisemitischen Agitation. Allerdings ist nun gegenwärtig eine gewisse Mißstimmung gegen die deutschen Juden zu bemerken. In dieser Mißstimmung steckt aber zunächst eher antideutscher (Chauvinismus, als AntisemitisnluS. Hervorgerufen ist sie aber eben dadurch, daß in den Korruptions-Skandalen der letzten Zeit die 'Namen deutscher Juden allzu häufig vertreten waren. Die frechen Schwindeleien der Cornelius Herz, Reinach, Arton haben der aittifemitischen Propaganda eine gewisse Nahrung verliehen; das meiste Kapital aber hat sie aus der leider immer noch so geheimnisvollen Hochverrats- Astaire Drepfuß geschlagen. Aber auch hier ist oer Crsolg bisher weit hinter den Bemühungen der Agitatoreil zurückgeblieben. 'Nicht einmal die Hetze gegen die deutschen Juden, wo, wie gesagt, der Chauvinismus dem AntisenritiSinns nachhals, hat zu greifbaren Resultaten geführt. Cs ist nicht mehr da, als eine Mißstimmung. Da diese Mißstimmung in der Korruption wurzelt, so ist sie durch ein sehr einfaches Mittel zu bekämpfen: durch tadellose Anständigkeit. Wenn unter den aus Deutschland stammenden Juden die Herz, Reinach und Arton keine 'Nachfolger finden werden, — wenn sie sich als Ehrenmänner mit) Patrioten zeigen werden, so wird die gegen sie herrschende Mißftimnlung rasch und spurlos verschwinden. Mail braucht sich in der That nur die Parteien im Parlament anzusehen, um zu erkennen, daß der Antisemitismus in Frankreich keine Zukunst hat. Das Zentrum ist nicht antisemitisch, die Radikalen sind es nicht, die Sozialisten auch nicht. Nur aus der äußersten Rechten und auf der äußersten Linken hat der Antisemitismus einige Anhänger. Aus der äußersten Rechten sind es die Klerikalen, die Um unterstützen. Die eifrigsten Antisemiten in Frankreich siitd nämlich die ganz frommen und ganz orthodoren Katholiken; und dieses religiöse Cleutent im Antisemitismus ist gewiß nichts, was ihm eine Zukunft verspricht. Aus derselben Rechten aber sitzen auch nicht wenige Abkömmlinge alter französischer Adelsgeschlechter, die gar nichts Besseres wünschen, als sich illit jüdischem Reichtlim zu verschwägern lind so ihre etwas fadenscheinig gewordenen Wappenschilder frisch zn vergolden. Nirgends sind die Heiraten zwischen Hoch-Finanz und Hoch- Aristokratie so häufig ivie in Frankreich. Das ist Drninonts ewiger Jammer; aber das hindert nicht, daß unter diesen Umstünden der französische Hochadel wenig geeignet als Pflanzstätte für judenfeindliche Ideen-erscheint. Auf der äußersten Linken sitzen die letzten Trümmer des Bonlailgisnills. Diese Herren können sich nicht mehr Boulangisten n.mnen, da rs keinen BonlangismuS mehr giebt; anderseits könne sie aber nur Ansichten und Benennungen brauchen, welche Skandal ulachen; wenn daher gerade der AntisemitismliS Skandal inacht, so entdecken sie sich als Antisemiten. Aber sie inachen sich aus den Inden keine beschräilkende Spezialität. So hat z. B. erst dieser Tage der Begründer des Boulangismus, Herr Georges Thiebaud, eine ganz neue Hetz-Partei erfunden: den Anti - P r o t e st a n t i 6 m u s. Aus dieser äußersten Linken sitzen die beiden Deputierten, die gestern mit bemerkenswerter Talentlosigkeit als erste Wortführer des AlltisemitismuS in der Kamnler auftratell. Da ist zunächst Denis, ein schlechter Provinz-Advokat, früher die Leuchte des BarreauS voll Dar, der mit honigsüßer Tartuffe-Stimme spricht und seinen Vortrag mit lächerlichen Komödianten-Gesten begleitet. Der Zweite ist der Vicomte d'HugueS, ein junger Mann, der seine Rede aussagt, wie eine auswendig gelernte Schularbeit, der mit leiser, verschüchterter Stimme spricht und dabei mit der Zunge anstößt, und dessen Erscheinen aus der Tribüne die unveriileidliche Wirkung hat, den Saal sofort zur Hälfte zu leeren. Der Sozialist Rouanet brachte in einer vorzüglichen Rede die StiiilNle der Einsicht 511 Gehör und erzielte mit dieser Rede, in der nicht ein einziges geistreiches Wort vorkain und die eben nur in einfachen und klaren Wendungen ausdrückte, was jeder vernüilftige Mensch, denkt, einen Erfolg, wie er ihn noch nie gehabt hat, seit er der Kammer angehört. Er war es, welcher der Debatte die oben erwähnte Richtung gab: „Nicht „Gegeil die Juden!" muß das Feldgeschrei lauten, sondern „Gegen die Korruption!"" Die Kammer klatschte lauten Beifall. Damit ist, unl es nochmals zu betonen, beu französischen Juden die Richtschnur deutlich vorgezeichnet: Wenn man die Juden stets auf der Seite von Recht und Ehre gegeil die Korruption finden wird, so ivird es niemaub mehr wagen, in Frankreich von einer Judenfrage zu sprechen. Dito, Israel! Bon Al. A- Klausner- Das Programm des sogenannten liberalen Komitv's enthält, wie wir seiner Zeit mitgeteilt, iu merkwürdigem gali zischen Deutsch die Aufforderung, „unsere Kinder in dem Geiste zu erziehen, der nns selbst erfüllt: der Liebe zu unsereiu Glauben, der Liebe zu unserem deutschen Volke," aus daß sie „bleiben, ivaS wir sind: Deutsche ilicht bloS nach Sprache und Bildung, geschweige denn nur nach dem bestehenden Recht, sondern auch Deutsche der Empfindung nach." Ich habe den sehr entschiedenen Wunsch und die zuversichtliche Hoffnung, meine Kinder als Delltsche nicht dieser „Sprache und Bildung" nach zu sehen, und selbst der jüngste unter ihnen dürfte strengeil Verweises gewiß sein, ivollte er in seinem Quintaner-Aufsatz mit sülchen übel stylisierten und den Gesetzen der deutschen Sprache zuwiderlaufenden Redewendungen auswarten. Ließen aber die älteren sich beikommen, mit Geringschätzung von Leuten zu sprechen, die Deutsche siilü „nur nach dem bestehenden Recht", so wären sie in dringender Gefahr, auf's neue pädagogische Mittel äuge