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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-06-07 · 23 (7.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Io. 23. Icchrgang i v. Aerkin, 7. Juni 1895. llgemerne äx? f / SNMlM Herausgeber: A. Levin. Aerkin. Hefchurutt. Bezugspreis: vierlekjährk. 2 Wk. <5rsckeint >m jedem Areitag. IZezngspreis für das Äustand: Mir. 2.5«. .F» beziehen durch die Post Aedaktion und Verlage chr LXamvurgerftr. 21. unsere Trpeditionen und den Buchhandel ^nr in Frankreich Höre, Israel! Bon M A Xilansner- Tie Privatgemcinden in Berlin. IV. Bon Bar Minan. Die Verhältnisse der Xinltnsbeaniten- Bon M- Netter. Absurde Träume. Allerlei Zeitsragen. I. Bon Al. .St- Entgleist. 'Bon Wilhelm Feldman. Das iricb des Lebens. Bon Wilhelm Perlmann. 'Wochenchronik. - Litteratnr. Lose Blätter. — Brief- ». Fraqekasten. »ulender. Anzeigen. 3ur lagt in |rnnl:rcid|. lieber die erste Antisemitendebatte in der französischen Kanlmer haben wir in der vorigen '-Hmtuner kurz referiert nnd bat die politische Tagesvresse lange Berichte gebracht. Einen .Kommentar zu diesen trockenen Berichten liefert der Pariser Korrespondent der Frankfurter Zeitung in einem Leiter, dessen Wiedergabe unseren Lesern sicherlich willkommen sein wird. Er schreibt unter dem Lsi. Mai: (Gestern hat also der Antisemitismus seinen Einzug in die französische Kammer gehalten. Er kam zum ersten Male, aber er wurde mit soviel .Fühle und (Gleichgiltigkeit ausgenommen, daß er wohl nicht allzu häufig wiederkommen wird. Leit einigen Jahren versucht man, die glorreiche deutsche Erfindung der Judenhetze in Frankreich einzubürgern. Zuerst hat sich die Presse ans Werk gemacht. Drumont hat seine „Libre Parole“ gegründet, eigens zu dem Zweck, mit Israel anzubinden. Drumont ist ein hervorragender Mann, ein glanzender Stylist, der über das große revolutionäre Pathos verfügt, und ein unbescholtener' Charakter. Seine Artikel gehören zu den lesenswertesten der gegenwärtigen Pariser Presse. Aber um ihn zu verstehen, ist ein gewisses litterarifches Feingefühl nötig. Er wird nie in die Massen dringen wie Rochesort, dem er es gar so gern als Volkstribun gleichthun möchte; erst kürzlich hat er in kindischer Weise Rocheforts Rückkehr aus dem Eril kopiert. Aber Drumont wird nie aufs Volk wirken. Er ist ein Litterat für die Gebildeten, und seine treuesten Leser und diejenigen, die sein Falent am besten zu würdigen vermögen, sind höchstwahrscheinlich die Juden. Auch nimmt man ihn als Antisemiten nicht besonders ernst. Der Judenhaß, wie er ihn betreibt, ist eine Art Monomanie, eine Schrulle, wie man sie so oft bei hochbegabten Männern findet. Er redet sich hier das verrückteste Zeug ein: er glaubt an einen internationalen Geheimbund Anzeigen, die Zcike 2'» £?f,, nehme» alle Anoneen-Erpeoitionen sowie unser Bureau entgegen. der Juden, mittels dessen sie sich der Herrschaft über die Welt bemächtigen wollen; er glaubt ganz wörtlich und ernstlich, daß die Minister Frankreichs von Rothschild Befehle empfangen?e. Als der Dahomey-Feldzug geplant wurde, stand in der „Libre Parole“ zu leseu: Rothschild arbeite im stillen gegen diesen Feldzug, weil die Dahomey-Reger semitischer Abstammung seien und er sich mit ihnen solidarisch fühle, lieber das alles liest man mit Lächeln oder mit Achselzucken hinweg. Die wahre Bedeutung DrumontS liegt nicht im Kampfe gegen die Juden, sondern im Kampfe gegen die Korruption. Die Glanzzeit der „Libre Parole“ ist die Panama-Epoche gewesen, und Drumont hat sich unvergängliche Verdienste erworben durch den Akut, mit welchem er dem Gesindel aus Finanz und Politik, das sich in dieser grandiosen Betrugsgeschichte zusammengesuuden hat, die Maske herunterriß. Dabei ist ihm denn das Malheur passiert, daß er in seinem Blatte, dessen Spezialität, wie gesagt, die Judenvertilgung sein sollte, sich mit viel mehr christlichen als mit jüdischen Betrügern zu befassen hatte. Die Juden blieben zwar immer das Grundmotiv seiner publizistischen Dhatigkeit, und wenn gar zu viel gut katholische Gauner sich zusammenfanden, so tröstete er sich damit, daß im Grunde doch die Juden schuld seien; denn diese hätten die lautere Seele des französischen Volkes verdorben. Ein flüchtiger Bück in die Geschichte genügt, um dieses Argument zu entkräften. Mau braucht nur zu sehen, mit welchem Eifer im Mittelalter die fromm-gläubigen Könige Frankreichs die Falschmünzerei betrieben haben, um sich zu vergewissern, daß die finanziellen Unsauberkelten nicht erst durch die Juden nach Frankreich verpflanzt wurden. Aber abgesehen davon, daß dieses Argument leicht widerleglich ist, bleibt die Thatfache bestehen, daß der große Ober-Antisemit Drumont ein wahrhaftes Thätigkeitsfeld nur finden konnte, indem er fein Wirken zum Kampfe gegen die Korruption „ohne Unterschied der Konfession" erweiterte. Ganz ähnlich ist es mit der gestrigen Kammer-Debatte gegangen, und ihr Verlaus ist beinahe symbolisch. Sie fing als Judenhetze an, und am Schluß war plötzlich nur von der Korruption die Rede, von der Südbahn-Affaire, die neben dem jüdischen Finanz-Gauner Baron Steinach so erlesene gut christliche Mit-Gauner birgt; dieser Teil der Debatte erst begann wahrhaft zu zünden, und während nian über die Südbahn hin und her dabattierte, waren die Juden aus einmal spurlos aus der Debatte verschwunden. Als so im Verlaus der gegen die Juden herausbeschworenen Diskussion die christlichen Deputierten mit dem christlichen Ministerium in einen bedenklichen Streit zu geraten begannen, ries ein

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