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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 350 (sequence 14)
Language
German
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Seite 350. 5 e f u r « n. Nr 22. so vielfach gezollte Lob mußte selbstverständlich zu einer erhöhten Begeisterung anspornen, und so sehen wir denn auch, daß ea. 4000 Juden in den Feldzügen 1804, 1860, 1870/71 genau mit derselben Hingebung wie ihre christlichen Mitbürger für das Vaterland gekämpft und geblutet haben. Redner schloß mit den Worten, daß der Jude, auch wenn ihm von gegnerischer Seite noch so sehr der Vorwurf der Vaterlandslosigkeit gemacht werde, dennoch nicht voll Erbitterung abseits stehe, sondern stets eingedenk der Worte fei: »An's Vaterland an's teure schließ dich an, das halte fest niit deinem ganzen Herzen." In überaus großem Maße gespendeter Beifall dankte dein Redner. In der sich daran anknüpsenden Debatte wurde unter allseitiger Zustimmung aus Anregung des Vortragenden beschlossen, so weit es jeder vermag, Material über das hochinteressaitte Kapitel aus der preußischen Geschichte in den Heimatsorten zu sanuneln und dasselbe dein Tr. nied. Moses, Greisswalderstr. 217, behufs gründlicher Bearbeitung zu übermitteln. y. * Von neuem Deckert. Pfarrer Deckert niacht wieder von sich reden. In derKirche in Weinhaus hielt derselbe in der vorigen Woche eine Reihe von Predigten, in denen er sich ausschließlich mit den Inden beschäftigte und abermals die Schauerinär vom Blutopfer und Ritualntord zur Sprache brachte. Bekanntlich ist Pfarrer Deckert wegen des Versuches, diesen wahnwitzigen Aberglauben zu verbreiten, im Vereine mit dem litterarischen Betrüger Paulus Meyer vom Gerichte verurteilt worden. Er hat ferner schon im vorigen Jahre in der Weinhauser Pfarrkirche Predigten gehalten, welche die Bevölkerung in eine feindselige Stimmung gegen die Juden versetzten. Damals hatte Minister-Präsident Fürst Windischgrütz bei der Beantwortung einer Interpellation erklärt, es sei lebhaft zu bedauern, wenn Seelsorger bei gottesdienstlichen Handlungen Töne leidenschaftlicher Unduldsamkeit anschlagen, welche geeignet sind, eine in weiteren Kreisen bereits herrschende Beunruhigung noch zu steigern. Auch das Wiener erzbischöfliche Ordinariat fand sich veranlaßt, den Pfarrer Deckert anzuweisen, künftig bei seinen Predigten der Heiligkeit seines Amtes und des Ortes stets eingedenk zu feilt. Trotzdeiit ließ sich der leidenschaftliche Mann, der auch aus der Kanzel als Parteimann und Agitator auftritt, nicht abhalten, in seinen Predigten diesmal wieder km wilden Geiste des Antisemitismus neue Nahrung zu geben. Er schilderte angeblich die „wahren Israeliten", um schon durch dieses Schlagwort seine Zuhörer in dem Glauben an seilte Beschuldiguilgen und Verdächtigungen zit bestärken. Anfänglich war er wohl etwas zurückhaltend und vorsichtig, doch machte er die Juden bereits verächtlich und lächerlich, bald aber ließ er der Gehässigkeit die Zügel schießen. Ja, er suchte das Märchen vom jüdischen Ritualmord noch durch lieue Zuthaten glaubhafter zu macheit. So suchte er seinen Zuhörerit vorzuspiegeln, daß die Juden ein „getrocknetes Blutpulver" brauchen, um es rituell zu verwenden; daß Tropfen davon in die Oslerbrote gegeben werden, daß bei deit Eheschließungen ein Ei zerbrochen und in jede Hälfte Ehristenblut gegeben werde und daß eitdlich die Füße der Leichen damit benetzt werden. „Ich ivill ja nicht glauben", fügte Pfarrer Deckert best „daß die Resorrnjuden Ehristenkinder schlachten, aber daß es jüdische Sekten giebt, die das lhuit und die das Ehristenblut brauchen, davon bin ich vollkommen überzeugt." Xlnb um diese Behauptung ztl recht fertigen, berief sich Pfarrer Deckert aus das angebliche Buch eines Rabbiners Moldowan über das Blutopfer' der Juden, das aber merkwürdigerweise - verschwunden sei, da die Juden alle Bücher verschwindeit lassen, in denen etwas gegen sie stehe. Aber damit noch nicht genug! Pfarrer Deckert erklärte, zu wissen, es gebe einen weitverbreiteten Verein von jüdischen Hostienschändern, die um jeden Preis Hostien zu erlangen suchen; der Sitz dieses Vereins sei — Paris, und Pfarrer Deckert will sogar deit Namen des Ober-Präsidenten dieses Vereins kennen. Auf diese inerkwürdige Art von Seelsorge hatte eine Interpellation der Abg. Tr. Ern er und Gen. an den Minister des Innern Bezug, und eine Folge derselben dürste die vor einigen Tagen bekannt gewordene Mitteilung sein, daß gegen Pfarrer Deckert die Untersuchung eingeleitet sei. — So, jetzt wird der ehrwürdige Herr seine Kenntnisse über ein Buch, das angeblich verschwunden, tind einen Nabbiner, der nie existiert, auspacken müssen, und zwar nicht mehr in der Kirche zu Weinhaus. — Gegen Pfarrer Deckert hat sich der österreichische Ministerpräsident Fürst Windischgrätz in energischer Weise ausgesprochen. Seine Worte enthielten zugleich die schärfste Kritik des antisentitischen Treibens überhaupt. Der Ministerpräsident teilte in Beantwortung einer Interpellation des Abgeordneten Erner, betreffend die Reden des Pfarrers Deckert, mit, daß die Staatsanwaltschaft in Wien am 13. Mai, also vor der Interpellation, die von der Polizeidirektion eingelangtendrei Anzeigen unverzüglich an den Untersuchungsrichter geleitet haben mit dein Anträge, Vorerhebungen wegen des Vorgehens der Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen 'Nationalitäten und Religionsgenossenschaften zu veranstalten, sowie daß diese Vorerhebungen thatsächlich eingeleitet worden sind. Ob der Thatbestand einer strafbaren Haitdlung vorliege, sei heute endgiltig zu beantworten nicht möglich, da nur das Gericht berufen fei, dies anszusprechen. Unter allen Umständen müsse die Regierung es schwer bedauern und entschieden mißbilligen, wenn von geweihter Stelle Worte fallen, welche geeignet sind, den Frieden zu stören, oder wenn, von wein auch immer, aufreizende oder gehässige Angriffe gegen bestiinmte, individuell bezeichnete Teile der Gesellschaft gerichtet werden. Das fürgerzbischöfliche Ordinariat, an welches er sich wandte, habe die Zusicherung gegeben, dahin wirken zu wollen, daß alles vermieden werden solle, was geeignet fei, den Frieden der Gesellschaft ztl störeit und zu Haß und Verachtung der verschiedenen Klassen aufzureizen. — Bei der am Mittwoch vollzogenen Wahl des ersten Bürgermeisters von Wien war, wie vorauszufelien gewesen, I)r. Lueger mit den für diese Wahl erforderlichen 70 Stimmen gewählt worden. Nach Rücksprache mit seinen Parteigenossen lehnte Di'. L. die Wahl ab. In dein 2. Wahlgange wurden nur 05 Stimmen für L. abgegeben, so daß eine Wahl nicht zu staitde kam und ain 31. d. M. noch einmal vorgenommen werden muß. Man hat allgemein den Eindruck, daß die Alttisemiten sich in ihrer Herrschaft nicht sicher fühlen. Sie wollen um jeden Preis die Auslösung des Gemeinderats und die Eiirfetzung eines Regierungskommissars herbeiführen. — Ter Jnstizausscbnß des Abgeordnetenhauses in Budapest nahm eiustiminig die Vereinbarung des Unterrichtsausschusses alt, nach welchem er den vom Magnatenhause angenommeilen Wortlaut des Gesetzentivurses über die Rezeption der Jtlden beistimmt. Ebenso stilnint er der Verfügung des Magnaten-

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