Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- Seite 349 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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'■ 3lx. 22. S e ( (§ u r u n. Seite 34!). Stunde, die 'Jiadit nmr schivarz und schaurig, aber liell schien der Rl'ond in'6 Zimmer - sich von seinem 2ager erheben — schwere Senner entrangen sich seiner Brust, nach einem Läcklein greisen und seine Ruhestätte mit einem unheimlichen Pulver bestreuen, woraus er sich wieder zur Ruhe begab und wciterschlies. ... Für das Berbrennen der Inden, wie es der gute Schneider anempsieblt, ist Decken nicht so ganz unbedingt. Worüber soll er denn nächstes nähr predigen, wenn die Juden bis dahin alle verbrannt worden find? Er glaubt auch nicht, daß ne zu „erlaufen" sind. Man kann die Judenfrage also ivarm »der kalt behandeln, mit Wasser oder mit Feuer, je nachdem -- Wasser nützt aber wenig, Feuer ist meiner Ansicht nach die gründlichere Kur. Die Gelehrsamkeit dieses prächtigen Priesters ist beivundernswürdig. Er hat Bücher gelesen, die gar nicht erschienen sind, »nd zitiert sie mit einer Geläufigkeit, die Staunen erregt. Seine hebräischen Kenntnisse sind ganz außerordentliche. „Die Inden lassen sich am Samstag vom Schabbes-Schicksel bedienen. Und wißt Ihr, Andächtige in Ebristo, was Schickse! ist'< Scheusal ist es! Das ist der Dank, den sich christliche Dienstboten gefallen lassen müssen . . ." Die Uebersetznng Schickse! in „Scheusal" soll, wie nur eilt alter Hausierer sagte, etwas frei sein. Auch soll es, wie mir mein Gewährmann schmunzelnd versicherte, „Schickfel" geben, die ganz und gar keine Scheusale wären. Im Gegenteil! -- beider reicht mein Papier und vielleicht auch Deine Geduld, o Pnmpo, nicht dazu ans, auf daß ich Dir von allen An- und Aufregungen berichten könnte, welche mir in der Weinhauser Pfarrkirche zuteil wurden. Bon tiefster Entrüstung über dieses Dreibett erfüllt, verließ ich das Gotteshaus. — Unser großer 2ueger ist also glücklich eines kräftigen Bize - Bürgermeisters genesen. Die Jndenliberalen haben endlich abgewirtschaftet — jetzt langen wir iit die Schüssel. Bielleicht ist für ntich atich so eilt saftiges Pöstlein im Ratbans zu ergattern, wo man gar nichts zu thun hat gegen anständige Besoldung. Ja, jetzt pfeift der Wiitd aus einer ganz anderen Gegend, Paß' »tal auf, Pnmpo! Bor allein wird eilte Talnrndüberfttzung aitgefertigt von Rohling, Deckert, 'Meper & Eo. ^auit bekommt der in Stempelsachen erfahrene Schneider deit Auftrags neue Stadtsiegel anzufertigen: Eilt geschlichtetes Ehristenkind im blutroten Feld. In diesem Stempel werden ivir liegen! Die Beainten befummelt danit ihren zwölfnlvnatlichen Urlaub bewilligt, Amtsslunden von 10—11 vormittags mit einilündiger Gabelfrühstückpanse. Den bedauernswerten Hausherren ivird die Hanszinssteuer nachgesehen, die Grnndltener geschenkt tiitd der Zinskrenzer erlasseil, außerdem hat jeder Anspruch ans eine Pfründe. Die Bolksschnllehrer werden zu Hofräten ernannt, bekommeil doppeltes Gehalt, freie Ring- Ittaßenwohnnng lind jeder täglich eine Anweisung für ein ^ondergeinach beim Sacher, wo er mit Stieger-Beuschel verkbßigt wird. Eine kleine Ballerine wird ihin zur Erheiterung beim Rlahle auf ^tadtnnkoiten beigestellt. Die Dramwap- Uebersüllnng ig gründlich ans der Welt geschafft - weil oliiu'lHii alles in Unnnmmerierten oder Fiakern fahren wird. Die Inden aber werden angehalten, Pfarrer Deckert's Reden anzuhören. Das überleben sie nicht, und somit erscheint auch die Indensrage zur allgemeinen Befriedigung gelöst. Ueberhanvt wird sich alles in Wohlgefallen nuflöfen - am Ende gar auch der Gemeinderat - — Servus, Pnmpo! Unter Deutschem Gruß Dentobold. Wocheit - (Ohronik. Bürgerliche Verhältnisse. * In dem M i l i t ä r - n n d S a n i t ä ts - B e r e i n „Deutsches Vaterland" in Berlin hielt jüngst vor zahlreicher Berfammlnng Herr Dr. raed. Bk oses einen Bortrag über den Anteil der Inden an den Befreiungskriegen. Redner ging zunächst auf den von antisemitischer Seite den Inden gemachten Borwurf der Baterlandslosigkeit ein, beleuchtete die Haltlosigkeit desselben, die um so mehr hervortritt, als die Juden zu Anfang dieses Jahrhunderts von jeglichem Militairdienst ausgeschlossen waren. Erst durch das Edikt vom Mürz 1812 wurden sie in den Staatsorganismus eingereiht und der Berfassung nach ihrer bisherigen Ansnahmestelle entrückt. Und als nun im Jahre 1813 der preußische .^iönig fein Volk gegen den korsischen Bedrücker unter die Fahnen rief, da regte es sich auch unter den Inden. Der Geist der Maecabäer, der lange Jahrhunderte hindurch notgedrungen geschlummert hatte, erwachte von neuem. In Haufen eilten jüdische Jünglinge als Freiwillige zum preuß. Kriegsheere, jüdische Aerzte und Wundärzte waren bei der Behandlung der Ber'wnndeten thätig, jüdische Frauen und Mädchen scheuten weder Anstrengung noch Rücksicht, um Hilfe und Trost zu bringen und merkwürdig — in dieser Zeit der Rot fragte man nicht nach Glauben und Abstammung. Die jüdischen Soldaten zogen ins Feld, gemeinschaftlich mit ihren christlichen Mitbürgern erduldeten sie dieselben Strapazen, schlugen dieselben Schlachten, bluteten für dasselbe Ziel und dasselbe Vaterland und kehrten in ihre Heimat zurück mit denselben Ehren, demselben Ruhm und denselben Kriegsthaten, wie ihre christlichen Kameraden. Die volle amtliche Anerkennung und die diesbezügliche Denkschrift kommt nach einer ausführlichen Darstellung über das lobenswerte Berhalten der Inden im Kriege zu folgendem Schlnßresnltat: „Fiißt man den Inhalt dieser Ermittelungen zusammen, so darf man als erfnhrungsmäßiges Resultat aunehnien, daß die Juden des preuß. Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölkerung im allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben, insbesondere die jüdischen Religionsverhältnisse nirgends als ein Hindernis beim Kriegsdienst hervorgetreten sind." Genau läßt sich die Zahl der Juden, die am Befreiungskriege teilnahmen und den Heldentod starben,- nicht feststellen, die feststehenden Ziffern aber und die Urkunden, die in ziemlich zahlreicher Menge in den einzelnen Lpnagogen- Gemeinden amtlich beglaubigt sind, ergeben, daß in den Jahren 1813 —lf) 500 Inden, also etwa bxjo% der im wehrfähigen Alter sich befindlichen Inden als Freiwillige in Befrenngskriegen mitgekämpft haben. Diese Zahlenverhältnisse stimmen auch ungefähr mit den Ermittelungen des Preuß. Kriegsministeriums überein. Unter diesen 500 befinden sich eine ganze Anzahl, die mit dem eisernen Kreuz (z. B. von Berlinern allein <> jüd. Offiziere) dekoriert, eine fernere Anzahl (v. Berlin 3) zu Offizieren befördert worden sind. Der eine von ihnen war der als Lehrer an der Kriegsschule thätige Major Burg. Als Beläge wurden dann vom Bortragenden ■ verschiedene amtliche Dokumente von mehreren jüdischen Gemeinden Inowrazlaw, Brandenburg, Magdeburg :c.) vorgelefen, ans denen die Opferwilligkeit der .Juden für das Baterland mit so mehr hervorgeht, als sie sogar die Ausrüstung und Besoldung der Freiwilligen übernommen hatten. Das' den Juden von amtlicher Seite ■,'i .-><