Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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3 e f cf? u r u ix. Nr. 347. 'Nr. 22. nanv’it zwischen der „Herrin" und einer ihrer Dienerinnen, der (Gouvernante. Diese letztere hatte es mit zwei '.»Nädchen zu ttnui. Dit^ ältere, Lala «Eulalia» war sechs, die zweite, Nani ('Natalie) fünf Jahre alt. Es waren dies unbändige, verwahrloste und durch die Mutter gleichzeitig verdorbene minder, denn diese zog es vor, ihnen alles nachzugebeu, als das Werk einer spstematischeu Erziehung, zu welcher sie übrigens gar^ keine Befähigung batte, zu sühreu. Bon den Höhen ihrer Ideale nnd Theorien aus den harten Lebensboden heruutersteigeud, mutzte Klara all ihre geistigen Kräfte zusammenrasseu, um den übernommenen Pflichten gerecht 511 werden, und die phpsischen .strafte, mit die Proben, welchen sie das Schicksal bald aussetzen sollte, standhast aushalten zu können. Mit Eifer und Begeisterung niachte sie sich an die Ausübung ihrer Ausgabe und bemühte sich in erster Reibe den Bindern sich zu nähern, ihre Neigungen zu erforschen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Das kam ihr leicht an. Sie ließ sich zu ihrem Begriffsvermögen herab, behandelte sie einsichtsvoll und saust, um sie nicht durch ein rigoroses Verfahren abzuschrecken und sich dadurch auch die spätere Aufgabe zu erschweren. Gleich in der ersten Woche hatten l'alu und Nanie „Fräulein Helena" his zur Lästigkeit lieb. Sie wohnte im Herreuhause in einem separaten Zimmer, dessen Fenster aus einen prachtvollen, aber vernachlässigten Obstgarten gingen. Bisher hatte sie aber noch keine Zeit gehabt, sich in ihrer neuen Situation zu orientieren, denn sie mußte beinahe den ganzen Dag mit den .Siindern zubringen. Sie hatte sich nicht trüber über die Anzahl der Arbeitsstunden geeinigt und mußte die Kinder immer und überall begleiten, vom frühen Morgen bis zum späten Abeud. Der Herr Krasicki hatte mit ihr nur einmal einige Minuten gesprochen, war aber sonst selbst bei Tische nicht zu sehen, da die Ernte im Anzuge war. Frau Emilie war zwar ihr gegenüber sehr artig, machte aber aus dem Gefühle ihrer Ueberlegeuheit kein Hehl, und einigemal des Tages ließ sich ihre Stimine vernehmen: „Fräulein Helene, wo ist Lala?" — „Fräulein Helene, um Gottes willen, Nania ist allein irgendwo hingerannt." — „Fräulein Helene, es scheint mir, daß ein Kind weint." Und Fräulein Helene wußte bald nicht, ob sie da die Nolle eines .stindermädchens oder die einer Lehrerin versieht. Aber das mochte noch angehn, dasgehörte zu ihren Attributen. Bald aber als sich „Hclenchen" mehr im Hause akklimatisierte, nahm Frau Krasicki ihr gegenüber eine vertrautere Haltung an, was sich darin bekundete, das sie ihr bald im befehlerischen Tone Aufträge erteilte, wie: „Fräulein Helene! bitte aus Magda im Viehstalle Acht zu geben", oder, etwa: „Fräulein Helene! Sie werden so gefällig sein und für Franz ein Verzeichnis des Einkaufs zusammenstellen." — „Bitte, wollen Sie unterdessen aus den Koch Acht geben; die Kinder schlafen doch." — „Fräulein Helene! Ich bin so müde; bessern Sie doch die Strümpfchen für die ftiitber aus!" Und Fräulein Helene, eingedenk der Schmierigkeiten, mit denen sie den Posten erhalten, war artig und gehorsam. Sie war nur in den Morgenstunden frei. Dann ging sie in dem ungepflegten Obstgarten spazieren und bedauerte mehr als einmal ihre reichhaltige Bibliothek in Malince. Von diesem Gedanken ging sie gleich zur Frage über: „Was macheu dort wohl die Eltern?" Des Sonntags, in bereits vorgerückter Stunde, nahm sie die Frau mit den mindern in die Donkirche. Der Herr mußte den Arbeitern den Wochenlohn auszahlen. Damit verließ er sich nicht ans den Oekonemcn. Nachmittags bat sie den Herrn.Strasicki, er möchte doch so freundlich sein und ihr etliche Bücher aus seiner Bibliothek geben, da sie die ihrigen nicht bei sich habe. „Ha, mein Fräulein", ries er mit einem robusten Aachen, „von ganzem Herzen gerne; aber was hift's, ich habe ja keine. Und wozu laugen mir Bücher? Im Winter lese ich manchmal den Kalender. oder einen mir eingeschickten PreiSkourant, öfters Quittungen, .Stonsignationen, die Bücher des Oekonomen und damit basta? Ich komme aber sehr gut ohne Märchen und Predigten aus." Die Frau Amalie konnte noch leichter diese „Albernheiten" entbehren. Denn man kann sich nur schwer eine sparsamere und betriebsamere Frau vorstellen. Mit ausgeschürztem Kleide lies sie deu ganzen Tag schnaubend von einem Orte zum andern; sie war beim '»Nelken der .Stühe zugegen und bewachte den .Stoch; sie teilte selbst das Essen für das Gesinde aus nnd zankte sich mit den Jüdinnen über die Geflügel nnd Eierpreise herum. Trotzdem ließ sie die Gouveruaute nicht aus den Augen. „Fräulein Helene", sagte sie eines Tages, .„waruin beginnen sie nicht mit den.Stindern französische Konversation?" Klara stutzte. „Weil sie noch nicht gut Polnisch sprechen", erwiderte sie. — „Nun was folgt daraus? Mit der Dienerschaft werden sie sich schon verständigen können, und französisch zu lernen ist bereits Zeit." — „Aber ich bitte Sie, die Kenntnis der Muttersprache ist doch eine heilige Pflicht!" — „Papperlapapp. . . Ich hatte mit der gräflichen Herrschaft D. Verbindungen und dort sprachen die .Kinder in noch jüngerem Älter erpedit französisch." — Das patriotische Gefühl Klaras empörte sich, aber sie mußte immer ihre Empörung unterdrücken. Mit den Kindern im Obstgarten weilend, war sie manchmal Zeugin verschiedener Scenen und (bespräche, welche ihr über viele Sachen des Lebens die Augen öffneten. Und so belauschte sie einmal wider Willen das Gespräch des Ortspächters mit einem Kaufmann. Diese wußten nicht, daß die „Professorin" ihren Jargon verstehe und sprachen ganz ruhig mit einander. „Höre nur, Hersih, hat Deine Frau viel aus dem herrschaftlichen Speicher herausgesührt?" — „Viel, nichtviel, alles zusammen wirds schöne paar KoretS fein. Aber weißt Tu, Iofel, die Krasicki ist aus allen Vieren geschlagen. Wozu stiehlt sie ihrem Manne Getreide und folgt es uns in der '»lacht aus? Oho darin muß sie ein Geschäft haben . ." — „Wahrscheinlich braucht sie ertra Geld." — „Natürlich braucht sie, aber wozu?" — Klara hörte dieses Gespkäch neugierig au und dachte: „Kann das fein, daß Frau Amalie ihren eigenen Mann bestehlen solltet Wozu braucht sie das?'■ Sie wußte nicht, daß das Ehepaar Krasicki in der Landeshauptstadt ein Sohn, der ein Liebling der Mutter war, hatte, welcher sie viel Geld kostete. Und von diesen Kosten wußte der Mann nichts. (Fortsetzung folgt.) Zchreiliebritskliitsdkutslh-nlitionalenZtildkntkn.*» Wien, im Wonnemond '200f>. Liebwertester Kumpan Pumpo! „Im wunderschönen Monat Mai" — 0 pfui doch, da wäre mir ja bald ein Eitat — pardon! — verzeihe! — eine *) Nach der Oesierr. Wocheiv'chrin.