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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
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Seite 346. Jescyurun. Nr 22. Leuilleton. Eiltglklü! Eine galizischc Erzählung von 25?i 11; c 1 m 7vc I b m a n. (Tyovtfcßmici)- Nachdruck uciboten. „Hm", bcmcrftc der (Geistliche kopfschüttelnd. „Vorderhand ist nichts daraus." Der treffliche Geistliche verlor aber nicht die Hoffnung, das; es gelingen werde, fürKlara irgendwo einen Posten anssindig zn machen. Er stellte eifrige Nachsorschnngen an und erfuhr wirklich von einigen Häusern die Lehrerinnen brauchten. Als aber diese Herrschaften erfuhren, wer die Kandidatin sei, schlugen sie rundweg ab. „Das ist nichts für uns." Halblaut wurde etwas über Judentum u. f. w. hinzngefügt. Den Eieist des armen Mädchens beschäftigte jetzt eine ernste Frage: ^,Wie? i Ifo auch jetzt habe ich trotz der Dause das jüdische Brandmal nicht abgestreistV Und es bleibt jener hiitoriscbe gelbe Wappen, der mich auch jetzt noch von der übrigen '-hnlr trennt d" — Fl,re 2age im Hause des Pfarrers, war auch eine sonderbare. Er hatte zwei Tochter, weder junge noch schone Mädchen, mit einem sehr spärlichen Bildnngsfond. Klara versuchte, sich ihnen zu nähern, einen herzlichen Verkehr anzuknüpsen — vergeblich. Fhr hochfahrender Don, ihr eisiges Benehmen, machte das Herz des nach einen: gegenseitigen schwesterlichen Herzen sich sehnenden Mädchens erstarren. Einst vernahin sie, wie Fräulein Katharina in einem Gespräche mit Marie sich -über sie ansdrückte: „diese jüdische 2ateinerin." Nach beinahe zweiwöchentlichen 'Nachforschungen, war der Pfarrer Andreas iit Verzweiflung. Die den höheren Sphären der kleinen Welt angehörenden Leute, hatten einen ganz andern Begriff vom Menschen, als er. Jene verlangten eine französische Gouvernante, und >venn schon eine Polin, so wenigstens nur aus „bürgerlichem Haufe." Von dem Mädchen aber, deren einzige Sünde die jüdische Abstammung war, wollten sie nichts hören. Sie roch immer nach dem Judentnul. Klara mit sich aufs Land nehmen, konnte der Pfarrer nicht, und in C. konnte sie ebenfalls nicht immer bleiben. Schließlich konnte man die Sache nicht länger aufschieben. Die Pfarramtsangelegenheiten riesen den Geistlichen Andreas nach Matinee. Er wurde also mit seinen! Kollegen, dem Drtspfarrer über die Bedingungen einig, unter ivelchen „Helenchen" bei ihm weiter bleiben könnte und reiste mit Gewissensbissen nach Hanse, vorher aber dafür Sorge tragend, dast die ans den Namen Klara Zwiebel lautenden Pensionatszeugnisse ans Helene Eybul-ka umgeschrieben wurden. - - Schade, dast er nicht früher ans diesen Einsall kain! Klara blieb also mit Frl. Katharina und Marie, das heistt ganz vereinsamt. Sie verschaffte sich einige Bücher pädagogisch-didaktischen Inhalts und begann sie eifrig zu studieren. Sie lebte imnitten von Unbequemlichkeiten und verschiedenen Sorgen. Ihre gegenwärtige Lage mit ihren: Aufenthalte im Elternhause vergleichend, bedauerte sie aufrichtig jene immerhin nicht schlechten Zeiten; aber gleich warf sie sich diese momentane Schwäche vor. Eine kleiite Minderung fand sie in ihren, leisen, mit Gefühl gesprochenen Gebete, aber das pflegte sie auch als Jüdin zu verrichten. Dabei bcmcrftc sie, daß die Fräuleins ihre Frömmigkeit und ihr Beten auslachten. Uebrigens kehrte nach momentaner Beruhigung die Sorge wegen der Eristenz wieder zurück, und obwohl sehr prosaisch, beschäftigte dieselbe sie jetzt sehr lebhaft. Während dieser ganzen Zeit dachte sie kein einziges Mal an die Rückkehr zn den Eltern, obwohl sie nicht daran glaubte, daß dieselben sie abschlachten würden — wie man ihr in vollem Ernste erzählte. Das Glas, durch welches sie jetzt die Welt anschaute, ward immer trüber — kein Wunder, denn sie machte E r s a h r ungen: das beste, ums der Mensch in der Schule des Gebens sich aneignet. XIV. "Nach einem düstern Monat der Erwartung und Trauer, lächelte die Sonne auf Klara nieder. Einer von des Pfarrers Bekannten verschaffte ihr einen Posten bei einer Herrschaft Krasickst Eigentümer eines schonen Landgutes in Dstgalizien. Veit größter Zufriedenheit nahm sie die Stelle an, obwohl der Don des Maklers, der ihren Brotherrn lobte, ihr Furcht einjagte. Sie wußte aber, dast der Geistliche Andreas den armen Pfarrer für ihren Unterhalt bezahle, was ihren Stolz empörte. Dabei war sie in D. sehr gebunden; sie glaubte ihre früheren Glaubensgenossen fürchten zn müssen und wollte nicht allein ausgehen; zwischen vier Wänden oder richtiger sechs — denn Frl. Katharina und Marie waren ebenso stumm und kalt! — zn weilen, gehörte nicht zu den großen Annehmlichkeiten. Diese war dennoch nicht ohne Nutzen; denn sie erkannte einige soziale Wahrheiten, welche trotz ihrer Bitterkeit ihr später das 2eben versüßen sollten. Sie überzeugte sich immer, mehr, dast die materiellen Verhältnisse der Menschen immer seine Angelegenheiten idealer Natur beheherrschen, ja daß die letzteren sogar oft von der Gestaltung der ersteren ganz abhängig sind. Diese Abhängigkeit erklärte ihr auch teilweise die menschlichen Schwächen und Mängel. Aus dein winzigen Vorräte der in letzter Zeit erlangten Erfahrungen schmiedete sie dann eine rationelle Waffe gegen die ideale Welt. Sie erkannte teilweise, was der Stolz, die Bigotterie und die Macht des Vorurteils bedeuten. Während dieser Zeit dachte sie sehr wenig an die jüdischen Angelegenheiten , froh denselben entronnen zu sein. Es wunderte sie nur, dast der Vater weder versöhnende noch oppositionelle Schritte unternahm; allein sie wußte nicht, dast er sich im Gefängnisse befand. Sie fuhr bald aufs Land, um den Posten anzutreten. — Das Dorf hieß Janowka. Schön, jung, mit intelligentem Blicke und stolzer Haltung, machte Klara ans die Frau Einilie Krasicki gleich einen schlechten Eindruck. Diese Gutsbesitzerin war ein interessantes Geschöpf. Als armes Mädchen aus kleinadligem Hause, heiratete das Edclfrüulein den Herrn Krasicki, den Dekonomen des Grafen D. Durch eigene Energie und Betriebsamkeit arbeiteten sich sich empor und. wurden „Hochwohlgeboren". Und auch jetzt war eine an Geiz grenzende Sparsamkeit, waren Arbeit und strenge Zucht ihre hauptsächlichsten Glaubensartikel. Aber kein Maß einhaltend, übertrieben sie in allem, und da die Erziehung ihnen jene Feinfühligkeit und das nur den „Wohlgeborenen" und deir intelligenten Menschen eigene Benehrnen, nicht verliehen hatte, lebten sie ganz philisterhaft, nur während der Feiertage sich ihr Aeußeres übergoldend. Während der Wirtschaftsperiode hatte sich Frau Emilie äußerlich ganz vernachlässigt und sich innere Fehler angeeignet, die von Klaras Lebens und Denkweise lebhaft abstachen. Deshalb entstanden auch die Disso-

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