Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 3 e f ti) u r it n. Seite;U5. wie not mitten in dieser Baugnis der Seele: Vereinigung und vereinigtes Streben nach jenen JdeaGn, die u ns häufig ad ges p r oche n w erden, nad) den Idealen d e r Ethik. Ader Vereinigungen, dürsten manche sagen, hätten wir gerade genug. Ja, V e r e'i n i g u ng e u wohl, aber E i u i g ttn g e n'( Daraus kommt es eben au. Wir haben einen Gemeindebuud, einen Nabbinerverband, Lehrerverbände, Abwehr-, 'dtti'ratnr, Logenvereine u. s. w. Wohl haben alle diese ihre besonderen, schönen Ziele, allein das ihnen allen (Gemeinsame ist und bleibt die Hebung der Ehre und Würde des j ü d i sch e n N a m e ns,, ein ethi sch e s Hochziel, um welches sie, wie um einen Mittelpunkt ihrer Bestrebungen sich bewegen sollten. Es gilt den (9 l a u b e n s g e u o ss e it klar zu machen, das; es nicht gut wäre dieses Wort „Glaubensgenossen" zu zerstückelt. uicht gilt einen Glauben haben, aber keine (Genossen s(hast, nicht gut eine Genossenschast ohne (9iauben zu haben, das; es uns not timt uns alle als Brüder mit» Genossen um die Religion zu scharen, welche uns gestern aus heiliger Stätte ihren Höhe- und Gipselpuukt osseubarte, der da liegt iu der Ethik. Meine Herren, nach der Bibel sind wir die älteste ethi i che (9ese lls chast mit einem Jahrtausende seststehendem Programme, geschrieben von (Lottes Finger, niedergelegt im Abschnitt unserer Heiligting oder im 19. Kapitel des p'evitieus. Das sei unser Morgen- und Abendgebet. Damit allein vermögen wir uns zu rüsten gegen alle unverdienten Angriffe nnb Feindseligkeiten. Die Ethik des Iudentnms unterscheidet sich voil der Ethik anderer Bekenntnisse um uns her durch itichts, oder doch durch das e i n e dNoment, wonach, wenn der Jude gegen die Gesetze der Ethik verstoßt, er nicht nur gegen die menschliche Gesellschaft sich versündigt, sondern zugleich auch gegen seine Religion, seinen Gott, den Duell und Ausgangspunkt der jüdischen Ethik. In jeder aus der Kulturhöhe stehenden Konfession lehrt man die Nächstenliebe und die Gerechtigkeit, aber das Judentum fügt noch ein Bedeutsames hinzti: „Liebe Deiiteit Mitrnenscheit wie Dich selbst. Ick) bin der Herr." Das will sagen, hassest Tn und handelst Du gegen mein Gebot der Nächstenliebe, dann sorberst Dn Deines Gottes Strasgericht gegen dich heraus, weil Du damit auch Ihn, das Urbild der gebotenen Liebe, beleidigt hall. Auch andere Religionen, welche aus dem Sinaibrunneu ihr Gattesbewußtsein geschöpft und ihre Moral getrunken, lehren: „Ihr sollt nicht falsch schwören, nicht stehlen, nicht lügen, nicht die Wahrheit ableugneit", aber die Lehre des Judentums fügt in unserem Ethik-Programm außerdem hinzu: „Du würdest sonst entweihen den Namen des Eivigen, Deines Gottes." (LeviticuS 19.) Die Verletzung der Moral und des Rechts gilt also als eine Schmähung der jüdischen Religion. Hierin sind alle religiösen Richtungen in Israel einig. ' Wir müssen daher nach außen hin in Lehre und Leben daraus Hinweisen, das; die Juden religiös sind, wenn sie bei treuer Anhänglichkeit an Gott in Handel und Wandel von dem e t h i s ch e n P r v g r a m m d er hei li g en Schrift nicht abweichen, und daß, wenn sie Andersgläubigen ein Unrecht zusügen, ihre Schuld noch viel größer ist als bei Vergehungen gegen ihre Glaubensgenossen, denn sie hänfen damit Schmach aus ihr Bekenntnis. Ja es ist unsere Ausgabe immer wieder aus die ewige Verfassung von Sinai hinzuiveisen, aus Grund deren wir leben und ohne welche jede Kultur und Zivilisation ausgeschlossen, undenkbar wäre. Rach innen aber haben wir uns zu einigen dahin, daß Haus und Schule Kenntnis nehmen von diesem ethischen Programm, bas; es in Fleisch uitd Blut unserer Gesatntheit übergehe. Ich betone daher als die wichtigste Forderung: Es ist die heiligste Pflicht jüdischer Eltern, das; sie keines ihrer Kiitder atisw ach seit lassen ohne Unterricht in der Religion! Dlme diese dringend uotweitdige ethische Stütze srilchten alle Vereinigungen nicht, ja sie sind tinmöglich, denn wie sollte es israelitische Vereint g tl n ge n o h it e - I s r a e l i t e n g e b e n'< Wer möchte in Abrede stellen, daß Unwissenheit über das Judentum und seine Lehre in den meisten Fällen der Urgrund des heißen Judenhasses draußen und der kalten (Gleichgiltigkeit iu unserer Mitte ift V Unsere Frau e n, die Kronen unsrer Familienhäuser, sollen es sich zu Herzen nehmen und in der häuslichen Erziehung ihrer Kinder dem religiös ethischen Unterrichte zu Hilfe kommen. Die verschiedenen stehenden Verbände müssen einander näher treten, einander stützen, raten und helfen, um mit vereinten Kräften die Arbeiten für die Ehre des 'Judentums nach außen und innen zu fördern! Das ist nach meiner Ansicht der Zweck unserer Vereinigung, deren Notwendigkeit kein einziger bezweifeln dürste. Lassen Sie mich, ehe ich schließe, eine alte Fabel streifen. Ein in der Nähe des Meeres nistender Vogel, bedroht von den heranstürmenden Wellen, meinte sein Nest und sich dadurch zu wahren, daß-er mit seinem Schnabel Stroh, Sand und allerlei Geröll in die Flut warf und ihr trotzig zuries: „Ich schwöre, nicht früher von dannen zu gehen, als bis ich deinen Laus gehemmt,' dein Flußbett zugeschüttet, deine Duelle verstopft und das ganze Meer in trockens Festland verwandelt habe." Thörichtes Tierchen — mit so kleinlichen Dingen gegen den Deean anzugehen! Nicht wahr? Db and) der Erfolg unserer winzigen Vereinigung angesickstS der gewaltig bransenden Wogen, die nns bedrohen, und angesichts der zum schäumenden Meere ausd)wellenden Hochflut der gehässigen Stimmungen und Feindseligkeiten gegen uns ein ähnlicher sein würde, wie der jener Sperlingsarbeit? — Wir wissens nicht. Die Erfolge bestimmt Gott allein! Aber das wissen wir, daß anstatt in die Dhorheil des vernunftlosen Tieres zu verfallen, es würdiger und nützlicher wäre, die Flügel zn spannen, die geistigen Fittige zu erheben zum ethischen Aufschwung in den reinen Aether, wo im Anblick der Gottessonne nnd der Himmelsbläue etwas wie Frühlingshossnung uns umweht, uns die Statue der Freiheit sd)auen läßt, die im goldenen Lenzeslichte des Friedens erstrahlet. In solchem Auffluge lassen wir die sckiäumende Meeresbrandnug des wütenden Hasses, die Sturmfluten, den Scchmutz und jeglickie Trübung weit, weit hinter uns zurück. Erkennen wir es, daß aufgedrungen zu den Höhen der Religion, der Wissenschaft und der humanen Gesittung jene Sperlingsabwehr überflüssig wird. Ein sold)er Flug aber, in geeinter Brüderschar unternommen, ist aussichtsvoller, läßt das Ziel sicherer und rascher erreichen, und dartun schließe ick) mit der Devise: Durck) Einheit zur Ethik! Durch Ethik zur Einheit! —